Düsseldorf - Wahrscheinlich hat es Robin Gosens auf seinem nicht ganz üblichen Lebensweg zum Fußballprofi gutgetan, dass er erst ein wenig später die Kurve gekriegt hat. In eine Nachwuchsleistungs-Zuchtanstalt wurde er nie gesperrt. Er war nicht gut genug damals. Auch bei Borussia Dortmund fiel er im Probetraining durch. Das hat der 26-Jährige in seiner früh erschienenen Biografie „Träumen lohnt sich“ verraten.

Gosens ist wunderbar unverstellt geblieben

Jetzt ist der Außenverteidiger seit fast einem Jahr ein veritabler Nationalspieler, der beste Aussichten hat, bei der EM 2021 auf der Außenbahn zum Einsatz zu kommen. Die Generalprobe erlebte Gosens als Hauptdarsteller auf der großen Bühne: Volltreffer zum 1:0 nach Doppelpass mit Chelseas Champions-League-Sieger Kai Havertz, Vorlage zum 3:0 von Thomas Müller nach Tiefenlauf auf die Grundlinie. Beim 7:1 gegen Lettland spielte der linke Läufer eine klasse Partie. „Ich habe meine erste Hütte geknipst – da ist mir schon einer abgegangen“, jubelte Gosens hinterher recht ausgelassen.

Robin Gosens, Mutter Deutsche, Vater Niederländer, geboren in Emmerich, ist wunderbar unverstellt geblieben, sehr geradeaus, wie auch in der Spielweise. „Ich bin ein dynamischer Schienenspieler“, sagt er über sich selbst. Immer schön die Schiene links an der Linie entlang.

Für Atalanta Bergamo, wo der Fan von Schalke 04 mangels attraktiver Angebote aus der Bundesliga über ein paar Umwege gelandet ist, schießt er Tor um Tor, was beweist: Die Schiene geht auch manchmal rechts ab Richtung Strafraum. Gosens, Marktwert inzwischen 35 Millionen Euro, ist nämlich auch ein ziemlich guter Weichensteller. Seinen ersten Länderspieltreffer hat er genauso geschossen. Von außen flink reingeschlichen, per Halbvolley abgezogen. Unhaltbar. Ein typisches Gosens-Tor? „Ja“, sagte er nach dem Spiel und grinste breit, „wenn es ein typisches Gosens-Tor gibt, dann war es das.“ Eltern, Schwester, die beiden besten Freunde und die Verlobte jubelten auf der Tribüne, wo 1000 Zuschauer zugelassen waren.

Parallel zur sportlichen Laufbahn (und zur Karriere als Buchautor) bastelt Gosens an einem Psychologiestudium. Die entsprechende Fachliteratur hat er auch während der EM-Tage mit dabei. Später will er seine eigene Praxis aufmachen und Menschen helfen, „die Probleme mit Druck und Angst“ hätten. „Für mich steht fest, dass ich mit dem Fußball erst mal nichts mehr an der Mütze haben will, wenn das hier vorbei ist.“

Lagebericht aus Bergamo zum Höhepunkt der Pandemie

Noch ist er aber mittendrin und mächtig stolz darauf. „Es ist eine riesengroße Ehre für mich, dass ich Deutschland bei der EM repräsentieren darf.“ Auch seine Wahlheimat hat er schon eindrucksvoll vertreten. Während der schlimmsten Wochen in Bergamo im Frühjahr 2020, als die Krematorien am Höhepunkt der Corona-Pandemie nicht mehr hinterherkamen, die zahlreichen Toten zu verbrennen, gab Gosens regelmäßig aus der häuslichen Isolation heraus im deutschen Fernsehen im Stile eines Auslandskorrespondenten Lageberichte und warnte vor der Krankheit.

Nachdem auch in Italien wieder Fußball gespielt werden durfte, agierte er derart überzeugend, dass Joachim Löw aufmerksam wurde und ihn im vergangenen Sommer erstmals in den DFB-Kader berief.

Der Spätentwickler sagt über sich: „Seit dem Moment, als ich Fußballprofi geworden bin, habe ich immer ein bisschen mehr gemacht als die anderen.“ Er wusste, dass er etwas später dran war, aber mit 20 auch nicht zu spät, um in der zweiten niederländischen Liga beim FC Dordrecht zu debütieren. „Die Belohnung für meine harte Arbeit habe ich jetzt bekommen“, glaubt Gosens und findet das „gigantisch“ und „ultimativ“.

Dass man den schlagfertigen Burschen auf dem Platz durchaus mal lauter rufen hört als die meisten anderen Kollegen, ist kein Zufall. „Ich bin ein emotionaler Spieler, der auch mal ausbricht.“ Man müsse sich im Training „auch mal auf die Eier gehen und dem anderen sagen, dass er Sülze spielt“, sagt er. Da beherrscht einer die deutliche Ansage.

Das verbindet ihn nicht nur rhetorisch mit Lukas Podolski. In seinen sozialen Netzwerken schreiben ihm regelmäßig Fans, dass er dem „Poldi“ erstaunlich ähnlich sieht. „Finde ich selber zwar nicht“, antwortet Robin Gosens, „aber den linken Huf vom Lukas hätte ich schon gern.“ Und außerdem: „Wenn ich den gleichen Weg gehen könnte wie er, dann schaue ich auf eine ultrageile Karriere zurück.“ Er ist nur ein bisschen später dran.