Berlin/München - Das war beeindruckend. Das war womöglich die beste Leistung einer deutschen Nationalmannschaft seit dem inzwischen schon legendären 7:1 gegen Gastgeber Brasilien im WM-Halbfinale 2014. „Oh, wie ist das schön, so was hat man lange nicht gesehen“ sangen die 14.000 Zuschauer in der Münchner Arena bereits nach 65 Minuten. Da führte die DFB-Elf im zweiten Gruppenspiel dieser Europameisterschaft bereits 4:1 gegen Portugal. Nach zwei Eigentoren der Portugiesen, nach Treffern von Kai Havertz und Robin Gosens. Der Titelverteidiger konnte zwar noch auf 2:4 verkürzen, aber das hatte keinen Einfluss mehr auf den Gesamteindruck: Deutschland meldet sich zurück, mit einem Auftritt, der womöglich der Impuls zu einer weiteren Erfolgsgeschichte ist. Dafür allerdings muss in der Auseinandersetzung mit den Ungarn am kommenden Mittwoch (21 Uhr) erst mal die Qualifikation für das Achtelfinale klargemacht werden.

„So ein Spiel ist auch für den Trainer immer eine Nervenschlacht. Man weiß um die Gefährlichkeit der Portugiesen, dann geraten wir auch noch in Rückstand. Aber ich habe schon einige solcher Spiele erlebt. Das haut mich nicht um“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. Und: „Es war das Ziel, die Dinge in der eigenen Hand zu behalten. Mit dem Sieg sind wir im Turnier angekommen. Jetzt kommen die nächsten Aufgaben - und die sind nicht weniger schwierig.“

Infolge der Auftaktniederlage gegen die Franzosen wurde in Deutschland in den vergangenen Tagen eine angeregte Diskussion über die Taktik und das Personal der DFB-Auswahl geführt. Viele forderten, dass der Bayern-Profi Leroy Sané von Beginn an spielen sollte. Dass Löw doch bitteschön in der Abwehr statt auf eine Dreier- doch auf eine Viererkette setzen und Joshua Kimmich wieder von der rechten Seite ins Zentrum beordern sollte. Mehrere Millionen Bundestrainer hatte das Land, aber denkste: Der Bundestrainer startete mit der gleichen Besetzung und mit der gleichen Formation wie am Dienstag in das zweite Gruppenspiel. 

War dies nun Handeln aus Überzeugung oder Sturheit? Nun, Antwort auf diese Frage könnte letztendlich nur Löw selbst geben, wenngleich davon ausgegangen werden darf, dass auch ein sturer Weltmeistertrainer letztlich im Sinne des Erfolges Entscheidungen trifft. Und letztendlich bleibt Folgendes festzuhalten: Löw hat alles richtig gemacht, ist dank der Leistung seiner Mannschaft bis auf Weiteres mal wieder über alle Zweifel erhaben. 

Die deutsche Auswahl ging an diesem heißen Sommertag in München im Vergleich zum ersten Spiel bei diesem Turnier jedenfalls von Beginn an mit einer ganz anderen Spannung, mit einer ganz anderen Emotionalität zu Werke. Der amtierende Europameister wirkte ob der wilden Entschlossenheit gar ein wenig konsterniert, war mit Fortuna im Bunde, als Schiedsrichter Anthony Taylor in der 11. Minute zu dem Schluss kam, dass bei dem Treffer durch Robin Gosens eine Abseitsstellung vorlag. Das konnte man so sehen, weil der im Abseits stehende Serge Gnabry ja tatsächlich versucht hatte, die Flanke von Matthias Ginter zu erreichen. Man musste das aber nicht so sehen, weil Gnabry nicht an den Ball kam und Keeper Rui Patricio nicht wirklich irritiert hatte.  

Das alles hatte gar ein bisschen was Rauschhaftes – und genau das war in der 15. Minute das Problem. Denn nach einem Eckball nutzten die Portugiesen bei einem schnellen Konter die Fehlbesetzung in der deutschen Defensive. Kai Havertz, der Stürmer, war da plötzlich der letzte Mann, wusste nicht so recht, wie er sich verhalten sollte, suchte nach Orientierung, aber da war es schon zu spät. Diogo Jota drang über die linke Seite in den deutschen Strafraum ein, passte quer auf Cristiano Ronaldo, der mühelos sein zwölftes EM-Endrunden-Tor erzielte. 

So ein Gegentreffer mitten hinein in eine starke Anfangsphase bringt eine Mannschaft gern mal ins Grübeln, weil man nicht so recht weiß, ob jetzt noch mehr Risiko gegangen werden darf und soll. Noch ein Konter - und die Sache ist womöglich früh entschieden. Doch die deutsche Nationalmannschaft ließ sich von diesem Rückschlag nicht beeindrucken, spielte Fußball weiterhin voller Leidenschaft. 

Rüdiger gewinnt der Reihe nach wichtige Zweikämpfe

Dabei tat sich im Besonderen Gosens hervor, der Profi von Atalanta Bergamo, aber auch Antonio Rüdiger, der Profi vom FC Chelsea, der ungeachtet einer kleinen Vorführung durch Ronaldo, der Reihe nach wichtige, stimmungsverändernde Zweikämpfe gewann. Aber auch Havertz, dem nach 25 Minuten wohl schon eine Auswechslung drohte, brachte sich nun als cleverer Unruhestifter ein. 

Beim Ausgleichstreffer in der 35. Minute zwang er nach einem gekonnten Seitenwechsel von Kimmich und einer direkten Ablage von Gosens den Portugiesen Ruben Díaz zu einem Eigentor. Aber damit nicht genug: Vier Minuten später war dieser begnadete Fußballer einmal mehr im Mittelpunkt des Geschehens, als er bei einer Ablage von Müller zwar nicht richtig zum Abschluss kam, der Ball aber über den nachsetzenden Kimmich erneut vors Tor gebracht wurde und Raphael Guerreiro beim Rettungsversuch den Ball ins eigene Tor drosch. Zwei Eigentore in einem Spiel hatte eine Mannschaft noch nie bei einer EM fabriziert. Das passte aber auch irgendwie zu diesem turbulenten Fußballspiel. 

Portugal sieht sich zum Taktikwechsel gezwungen

Mit einer Auswechslung zur Halbzeit reagierte Portugals Trainer Fernando Santos auf das Durcheinander in seiner Mannschaft. Renato Sanches, der ehemalige Bayern-Profi, kam für Bernado Silva, taktisch war das nun ein 4-4-2 statt ein 4-3-3. Doch die Eingriffe des Fußballlehrers zeigten keine Wirkung. Die Portugiesen hatten nun zwar ein bisschen mehr vom Spiel, die besseren Torchancen hatten aber die Deutschen.

So kreuzte Gosens, der inzwischen so eine Art Linksaußen spielte, in der 51. Minute erneut im Strafraum des Gegners auf, nahm kurz den Kopf hoch, passte scharf nach innen, wo Havertz nüchtern den Ball über die Linie drückte. Der ehemalige Leverkusener jubelte schon fast emotionslos, während Löw an der Seitenlinie ein Veitstänzchen aufführte. Innerlich dürfte Havertz nach der Kritik aus dem Frankreich-Spiel aber jede Menge Genugtuung gespürt haben. 

Gosens trifft per Kopf

Im teaminternen Wettstreit um den wertvollsten Spieler der Partie gingen aber noch andere in Konkurrenz zu Havertz. Kimmich, der auf der von ihm ungeliebten rechte Seite, enormen Einfluss auf den Lauf der Dinge nahm, aber eben auch Gosens. In der 60. Minute flankte der eine zielgenau auf den Kopf des anderen, sodass sich nun auch der Legionär aus der Serie A als Torschütze feiern lassen durfte. Gosens tat dies auf ausgelassene Art und Weise, ja er war ganz außer sich vor Freude.

Im Nachgang sagte er: „Unwirklich fühlt es sich an. Schöner kann es nicht sein. Mehr kannst Du Dir nicht wünschen. Ich glaube, dafür hat mich der Trainer aufgestellt, dass ich meine Offensivkraft einbringe. Die Jungs haben mich gesucht, da bin ich natürlich sehr happy drüber. Kannst mich gerne mal zwicken, ich glaube, selbst dann glaube ich es nicht. Ist geil. Ein Tor zu schießen für die Mannschaft, ist immer etwas Besonderes. (...) Da geht mir wieder einer ab.“

So viel Begeisterung, so viel Elan kostet Kraft. Das war in den letzten 25 Minuten der Partie zu beobachten. Es musste sogar noch ein bisschen gezittert werden, weil Diogo Jota nach Zuspiel von Ronaldo zum 2:4 vollendete. Und weil Sanches in 78. Minute den Ball mit einem bemerkenswerten Volleyschuss gegen den Pfosten jagte. Doch letztendlich geriet der so wichtige Erfolg nicht mehr in Gefahr.