Düsseldorf - Die Arena in Düsseldorf hat im vergangenen Jahrzehnt nur große Gegner der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erlebt: Belgien, Argentinien, Spanien. Sieg, Niederlage, Unentschieden, die ganze Palette. Zum letzten Test vor der EM 2021 hatte der Deutsche Fußball-Bund am Montagabend lieber einen Zwerg geladen. Lettland, hinter Surinam und Tansania 138. der Fifa-Weltrangliste, gaben brav Geleit in Richtung des deutschen EM-Auftaktriesen Frankreich in einer Woche. Genauso war es gedacht, damit die zuletzt etwas zerzauste DFB-Elf Selbstvertrauen tanken konnten; die lettischen Fußball-Gnome sollten sich jedenfalls widerstandsloser verhalten als Ungarn vor der EM 2016 beim 2:0 in Gelsenkirchen oder Saudi-Arabien beim 2:1 vor der WM 2018 in Leverkusen. Eher so untertänig wie Armenien beim deutschen 6:1 2014 in Mainz. Sie erfüllten diese Rolle beim deutschen 7:1 (5:0)-Sieg ohne Murren und schmierten so ein wenig Balsam auf geschundene Seelen.

Anpfiff trotz eines positiven Coronatests bei Lettland

2014 und 2018 waren es Generalproben mit ungleich tragischeren Geschichten als jetzt die Partie in Düsseldorf. 2014 verletzte sich Marco Reus schwer und verpasste so den Triumph in Brasilien, 2018 wurde Ilkay Gündogan niedergebuht und saß hinterher weinend in der Kabine. Diesmal war nach dem Sieg zwar kein Triumphgeheul zu vernehmen, aber immerhin ein gewisses Maß an Zufriedenheit vor 1000 Besuchern.

Der DFB hatte Menschen eingeladen, die sich um die Bekämpfung der Corona-Pandemieverdient gemacht hatten. Es war das erste Länderspiel seit dem 6:1 gegen Nordirland im November 2019 in Frankfurt, bei dem wieder Fans zugelassen waren, wenn auch nur sehr wenige. Aber dank der vielen bunten Sitze in Düsseldorf sah es gar nicht so leer aus, wie es tatsächlich war.

Die Partie wurde angepfiffen, obwohl zuvor das Corona-Testergebnis eines lettischen Spielers zuvor positiv ausgefallen war. Das Düsseldorfer Gesundheitsamt gab dennoch grünes Licht. Denn am Nachmittag waren laut des lettischen Verbands alle Akteure wieder negativ einschließlich des Spielers, dessen Testergebnis am Vorabend noch positiv gewesen war. Der Spieler und eine weitere Kontaktperson blieben dennoch sicherheitshalber in Quarantäne im Hotel.

Den Deutschen war es recht so kurz vor Turnierstart. „Wir müssen uns so präsentieren, dass sich der Gegner völlig an uns anpassen muss“, hatte Joachim Löw vor der Partie verlangt. Er wusste diesmal, wovon er sprach. Taktisch baute der Bundestrainer wieder auf seine inzwischen heißgeliebte Dreierkette, diesmal aber klugerweise mit Mats Hummels zentral und nicht links, wo der Dortmunder sich gegen Dänemark sichtlich unwohl gefühlt hatte. Joshua Kimmich musste rechts die Außenlinie auf und ab marschieren und stellte sich damit in den Dienst der Mannschaft. So blieb im Mittelfeld zentral ein Platz für Ilkay Gündogan neben Toni Kroos. Vorne rückte Kai Havertz für Leroy Sané in die Startelf und machte seine Sache gut.

Manuel Neuer wird geehrt

Die 1000 Besucher machten mehr Radau als es früher bei Länderspielen in der traditionell geräuscharmen Düsseldorfer Fußball-Oper 55.000 Zuschauer geschafft hatten. Schon vor dem Anpfiff wurde Jubilar Manuel Neuer angesichts dessen 100. Einsatz fürs Land beklatscht. Seine Fähigkeiten durfte der 35-Jährige aber so gut wie nie zeigen. Noch nicht mal beim einzigen Schuss auf seinen Kasten, der prompt durch Saveljevs unhaltbar zum 6:1 einschlug. Insgesamt aber war Lettland – 2004 noch durch ein 0:0 bei der EM in Portugal am Rücktritt von Rudi Völler beteiligt – viel zu schwach. Fast schon unterwürfig sah das aus, bis auf ein überflüssiges Gerangel, für das auch Gündogan Gelb sah, und bis auf das Gegentor.

Bis die Gäste kapiert hatten, was die Gastgeber im Schilde führten, war es meist schon zu spät. Und weil das DFB-Team diesmal keinen Chancenwucher betrieb, sondern meist konzentriert abschloss, führte es schon zur Pause 5:0. Die Treffer gegen die bemitleidenswerten Letten fielen ganz nach Gusto des Bundestrainers nach Tiefenläufen. Robin Gosens traf nach Doppelpass mit Havertz, der auch zum 2:0 durch Gündogan auflegte, beim 3:0 profitierte Thomas Müller von Gnabrys und Gosens´ Vorarbeit, das 4:0 organisierte Havertz mit gelungenem Dribbling und Schuss aus spitzem Winkel, ehe Gnabry Hummels Standardpass mit dessen gefürchteten rechten Außenspann zum 5:0 abschloss.

Zur zweiten Halbzeit brachte Löw Leroy Sané und Timo Werner für Gnabry und Königklassen-Finalheld Havertz, die ihren Beitrag ja schon geleistet hatten und nichts mehr beweisen mussten. Werner und Sané führten sich bestens eins, nach Vorarbeit von Sané und Kimmich hielt Werner nur noch den Fuß zum 6:0 hin. Später traf Sané zum 7:1. Zwischenzeitlich durften sich Emre Can, Christian Günter und Niklas Süle sich noch zeigen. Später sogar noch der 18-jährige Jamal Musiala. Es war wenig verwunderlich, dass der Spielfluss durch die vielen Wechsel etwas versiegte. Interessant, dass Toni Kroos nach überstandener Corona-Erkrankung durchspielte und das gewohnt ökonomisch tat.

Was nun sagt uns das Ergebnis mit sieben verschiedenen Torschützen? Immerhin so viel, dass die Mannschaft ein paar nicht einmal unkomplizierte Laufwege abrufen kann und gegen tiefstehende Gegner Lücken findet, wenn sie sich anstrengt. Das war zuletzt nicht immer der Fall gewesen, darüber hatte sich das Publikum oft genug geärgert. Für Weltmeister Frankreich wird das aber natürlich nicht reichen. Denn wie stabil die deutsche Mannschaft verteidigen kann, dafür waren die Letten kein Prüfstein. Noch nicht mal ein Kiesel.