Seefeld - Den trüben Winter haben viele Hoteliers in Seefeld genutzt, um ihre wegen Corona geschlossenen Häuser auf Vordermann zu bringen. An jeder Ecke werkeln Bauarbeiter, um die 3700-Einwohner-Gemeinde auf Vordermann zu bringen. Es soll schön aussehen im Sommer auf 1200 Metern Höhe.

Respekt und Anerkennung für das zerzauste DFB-Team

Die Bistros an der Fußgängerzone öffnen nun schon frühmorgens, die ersten Gäste aus dem nahen Deutschland sitzen in den Cafés auf dem Dorfplatz und blinzeln in die Sonne, die Schönen und Reichen sieht man beim Sundowner, versonnen lächelnd am Aperol Spritz nippend. Es ist angenehm warm geworden. Seefeld erwacht.

Draußen auf den beiden bestgepflegten Sportplätzen am Ortsrand möchte auch Joachim Löw eine Art Frühlingserwachen mit seiner Fußballmannschaft organisieren. Da kommt die Europameisterschaft gerade recht, und in Seefeld, ach was, in ganz Österreich, scheinen sie die Bedeutung dieses Unterfangens auch kapiert zu haben. Bürgermeister Werner Frießer hätte zur Begrüßung der prominenten Gästeschar gern eine Marschkappelle aufgeboten nach einer „sehr, sehr, sehr ruhigen Wintersaison“. Das Musikantenstadl war wegen Corona nicht möglich, Respekt und die Anerkennung für das zuletzt mehrfach zerzauste DFB-Team sind gleichwohl so monumental wie die Bergwelt in Seefeld.

Tourismuschef Elias Walser hat zwischendurch auch ein Herz für Kiebitze gezeigt. Am Wanderweg auf halber Anhöhe vorm Trainingsplatz ließ er – natürlich erst nach Absprache mit der DFB-Teammanagerin Maike Seuren – gänzlich unbürokratisch die Sichtschutzblenden entfernen. So hatten die Familien mit Kindern freien Blick aufs Übungsprogramm. Eine schöne Geste, und eigentlich sogar eine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen der DFB um jeden Fan kämpfen muss.

Indes: Tags darauf war der Blick auf Geheiß des DFB dann wieder verhüllt. Es wurden heimlich Standardsituationen geübt, die am Mittwochabend in Innsbruck gegen Dänemark (21 Uhr/RTL) schon zum Einsatz kommen sollen. Und auch Montagabend in Düsseldorf gegen Lettland. „Die Testspiele sind extrem wichtig. Da müssen wir so reingehen, als wenn die EM beginnt“, fordert Rückkehrer Mats Hummels.

Zweieinhalb Kilometer Zaun rund um die Trainingsstätte

Im Vorfeld des EM-Camps in Seefeld hatten die Organisatoren zweieinhalb Kilometer lange Zäune um die Trainingsstätten der Deutschen ziehen lassen. Sie hätten für die umfangreiche Abschottung der Nationalspieler „zwei Wanderwege umleiten“ müssen, berichtet Walser, außerdem wurden „Teile unserer beliebten Skirollerstrecke“ gesperrt.

Es habe ein wenig Murren gegeben, das schon, gibt der 37-Jährige zu, „aber da ist schließlich nicht irgendeine Mickey-Mouse-Mannschaft gekommen, sondern ein ehemaliger Weltmeister“.  Sogar jetzt mit Toni Kroos, genesen von einer hartnäckigen Corona-Erkrankung und Sonntagabend aus Madrid angekommen und leicht individuell trainierend, auch der zuvor lädierte Leon Goretzka ist endlich da. Am Donnerstag folgen die Königsklassen-Finalteilnehmer Kai Havertz, Timo Werner, Antonio Rüdiger und Ilkay Gündogan, die ohne Quarantäne aus dem Virusvariantengebiet Großbritannien nach Österreich und ab 7. Juni nach Deutschland einreisen dürfen. Alles paletti im deutschen Camp draußen am Berghang.

Drinnen am Dorfplatz, den die Nationalspieler heuer niemals sehen werden, sind die ersten Nachtschwärmer in den Kneipen eingetroffen; eine Frauengruppe irgendwo aus Bayern, nah am Zapfhahn der düstersten Kaschemme im Dorf, frisch negativ getestet, bestgelaunt und angriffslustig. Der Aufbruch von Seefeld: ein Vorbild für den Ex-Weltmeister.