Berlin - Was war das doch für ein außergewöhnliches Fußballspiel, hochklassig aus sportlicher Sicht, so ganz besonders aus menschlicher Sicht. Dänemark gegen Belgien im Parken Stadion zu Kopenhagen, Europameisterschaft 2021, zweiter Gruppenspieltag, Donnerstagabend, 18 Uhr Ortszeit. Es war ein Spiel im Zeichen von Christian Eriksen, der nach seinem Kollaps am vergangenen Sonnabend, erlitten beim ersten Gruppenspiel der Dänen gegen die Finnen, nur wenige hundert Meter entfernt in seinem Krankenbett lag, mit der Aussicht, dass er eines Tages vielleicht doch wieder Fußball spielen kann. Ein Mini-Defibrillator soll ihm per Operation schon bald eingesetzt werden, wurde wenige Stunden vor Anstoß berichtet, als eine Art Stand-by-Herzschrittmacher, der bei einem lebensbedrohlichen Herzkammerflimmern aktiv wird. Aber wer weiß, wichtig ist, dass er lebt.

Das Spiel jedenfalls endete aus Sicht der Dänen 1:2 (1:0), was sie ob ihrer von Leidenschaft getragenen Leistung nicht verdient hatten, was ihnen zudem nur noch ganz wenig Hoffnung gibt, als einer der besten vier Tabellendritten das Achtelfinale zu erreichen. Sie müssen am kommenden Montag die Russen besiegen, im besten Fall mit mehreren Toren Abstand, damit sie sich noch eine klitzekleine Chance wahren. Die Belgier hingegen sind mit sechs Punkten aus zwei Spielen sicher für die K.-o.-Runde qualifiziert.

Leipzigs Poulsen gelingt ein Paukenschlag

Eine Zeit lang hatte man allerdings sogar ein kleines Wunder im Sinn. Könnten die Dänen trotz des Eriksens-Dramas vom vergangenen Sonnabend oder genau deswegen sogar tatsächlich noch Europameister werden? 1992 hatten sie ja schon mal eine ganz verrückte Erfolgsgeschichte geschrieben, als ihn als Nachrücker für ein vom Bürgerkrieg gespaltenes Jugoslawien Sensationelles gelang. Stichwort: Danish Dynamite. Und nun?

Dem Leipziger Yussuf Poulsen gelang jedenfalls das, was man einen Paukenschlag nennt, nach zwei Minuten traf er nach einem groben Schnitzer von Jason Denayer mit einem Rechtsschuss aus 14 Metern zum 1:0. Die 25.000 Zuschauer waren außer sich, trieben ihre Mannschaft in der Folge zu einer Leistung, welche die favorisierten Belgier 45 Minuten lang schwer beeindruckte. Da brachte auch die kurze Spielpause in der 10. Minute, als Akteure und Zuschauer zu Ehren von Eriksen gemeinschaftlich eine Minute lang applaudierten, keinen Bruch. Dänemark spielte mit Herz, mit sehr viel Herz.

Das, was hier am vergangenen Samstag passiert ist, hat die Atmosphäre noch brutaler gemacht. Aber wir haben eine super Leistung abgeliefert. Schade, dass wir nichts mitnehmen konnten.

Yussuf Poulsen

„Wir waren wie gelähmt, konnten nicht das einbringen, was uns auszeichnet", erklärte Belgiens Coach Roberto Martínez. Poulsen wiederum gab im Nachgang Folgendes zum Besten: „Das, was hier am vergangenen Samstag passiert ist, hat die Atmosphäre noch brutaler gemacht. Aber wir haben eine super Leistung abgeliefert. Schade, dass wir nichts mitnehmen konnten.“ 

Schuld daran war zuvorderst Kevin de Bruyne, den Martínez in seiner Not einwechselte. Der Ausnahmespieler von Manchester City hatte im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea eine Gesichtsverletzung erlitten, musste jetzt aber ran. Und das tat der ehemalige Bremer auf vorzügliche Weise. In der 55. Minute legte Romelu Lukaku, der zuvor den bis dahin überragend agierenden Eriksen-Kumpel Simon Kjaer überspielt hatte, quer auf den Pep-Guardiola-Liebling. Alle rechneten mit einem Direktschuss, doch de Bruyne ist unberechenbar, nahm den Ball an, machte noch zwei Schritte, legte quer auf Thorgen Hazard, der locker-leicht zum Ausgleich traf.

Und der ewige Geheimfavorit suchte den Sieg, wie sich an den Einwechslungen zeigte. Axel Witsel kam nach mehrmonatiger Verletzungspause aufs Feld, auch Eden Hazard, der so viel Wunderbares in sich trägt, dies aber zuletzt nur selten offenbaren konnte. In der 71. Minute allerdings erkannte er sofort die Möglichkeiten in einem weiteren Angriff seines Teams, legte mit ganz viel Gefühl auf de Bruyne ab, der mit ganz viel Wucht aus 16 Metern in die kurze Ecke traf. 

Nun waren die Belgier obenauf, hatte das Geschehen aber nicht wirklich im Griff, sodass die Dänen in Gestalt des beim FC Barcelona beschäftigten Martin Braithwaite noch drei gute Chancen zum Ausgleich, dabei aber nicht das Glück der Tüchtigen hatten. Aber egal. Poulsen brachte es auf den Punkt: „Wir sind einfach froh, dass es Christian gutgeht. Das ist das A und O.“