Berlin - Vor lauter Erleichterung über den Einzug ins Viertelfinale der Europameisterschaft stimmte Kapitän Leonardo Bonucci mitten in der Nacht im Teambus die Nationalhymne an, Trainer Roberto Mancini dagegen wirkte nach dem Kraftakt im Londoner Wembley-Stadion gegen Österreich schnell wieder fokussiert. Während seine Spieler lange nach dem mühevollen 2:1 nach Verlängerung auch mit weiteren Liedern ihre Freude heraussangen, schien der Coach bereits zu ahnen: Ab jetzt wird es für seine Rekord-Mannschaft bei dieser Fußball-Europameisterschaft richtig ernst.

„Wir haben gerade den Wolf getroffen, haben die Angst kennengelernt, viele Fehler gemacht und an einem gewissen Punkt Glück gehabt, dass wir noch am Leben sind“, schrieb die Zeitung Corriere dello Sport am Sonntag gewohnt martialisch über den hart erkämpften Erfolg. „Italien stöhnt, kann aber in dieser Europameisterschaft weiter träumen“, war in der La Repubblica zu lesen.

Das nächste Turnier-Kapitel der erstmals schwer geforderten Squadra Azzurra beginnt am kommenden Freitag in München, wo dann ein ganz anderes Kaliber warten wird. Im Viertelfinale trifft Mancinis Team, das in London letztlich doch den zwölften Sieg in Serie feierte, auf die Belgier, die am Sonntagabend die Portugiesen 1:0 besiegten.

Arnautovic wettert gegen den Videobeweis

Die seit nun 31 Spielen unbesiegten Rekord-Italiener müssen sich in der Runde der letzten Acht jedenfalls steigern. In einer starken ersten Halbzeit schienen sie ihren Sturmlauf durchs Turnier gegen Österreich fortzusetzen, scheiterten aber an ihrer Chancenverwertung. Nach der Pause zeigte der viermalige Weltmeister dann sogar Nerven, wirkte angeschlagen, verlor mitunter komplett die Ordnung in Abwehr und Mittelfeld. „Wir mussten leiden“, gab Mancini später offen zu, wenngleich er selbst für dieses Leid mitverantwortlich war. Er ließ, was nun wirklich keiner nachvollziehen konnte, den bis dato formidabel aufspielenden Manuel Locatelli zunächst auf der Bank, hatte dafür Marco Verratti in der Startformation aufgeboten.

In der 65. Minute ging der Außenseiter sogar durch einen Kopfball des ehemaligen Bremers Marko Arnautovic in Führung. Österreich jubelte, doch dann intervenierte der Video-Assistent, weil Arnautovic minimal im Abseits gestanden hatte. Erst in der Verlängerung sorgten die eingewechselten Federico Chiesa (95. Minute) und Matteo Pessina (105.) für Italiens Erlösung. Im Nachgang wetterte Arnautovic: Wir haben schon oft genug diskutiert wegen dieser VAR-Geschichte. Man kann sich nicht mehr freuen, man muss immer warten, bis irgendwelche Leute irgendwas entscheiden, ob das Abseits ist, oder ein Tor ist, oder ein Foul ist. Das hat mit Fußball nichts zu tun."

David Alaba trauert mit den Österreichern

So trauerten die Österreicher. Alleine und voller Enttäuschung saß beispielsweise der langjährige Bayern-Profi David Alaba auf dem Rasen von Wembley und versuchte, seinen Frust zu verarbeiten. Schon der erstmalige Einzug in die K.-o.-Runde einer EM war für Alaba und die Alpenrepublik ein großer Erfolg, die Rückkehr nach München für das Viertelfinale wäre für den zu Real Madrid scheidenden Kapitän die persönliche Krönung gewesen. „Das ist sehr bitter. Wenn man sich das Spiel heute anschaut, das tut sehr weh“, sagte der 29-Jährige. Der späte Anschlusstreffer des Stuttgarters Sasa Kalajdzic (114.) half nicht mehr.

Weil letztlich Italiens Qualität von der Bank den Unterschied machte. „Wir sind 26 Stammspieler, nicht nur elf. Und wer reinkommt, leistet seinen Beitrag“, sagte der eingewechselte Torschütze Chiesa. Möglicherweise rückt der Offensivspieler von Juventus Turin nun sogar in die Startelf, Mancini dürfte sich jedenfalls seine Gedanken machen. Gegen die Österreicher kassierte seine Mannschaft den ersten Gegentreffer nach 19 Stunden und 28 Minuten.