Berlin - Die Tische und Stühle schlummern noch in den Räumlichkeiten, die abgesperrten Parkplätze in der Krossener Straße 20 in Friedrichshain lassen eher vermuten, dass hier demnächst eine weitere Baustelle zu sehen sein wird. Viereinhalb Stunden vor dem Anpfiff des ersten Auftritts der portugiesischen Nationalmannschaft deuten maximal die noch nicht ausgeklappten Sonnenschirme darauf hin, dass vor der Lisboa Bar am Boxhagener Platz später alle Außenplätze mit Fußballfans belegt sein werden. Doch im Inneren des Lokals bereitet Linda Bidner gerade die Reservierungen vor. Anfragen für 19 Uhr werden auf 20.30 Uhr verschoben, dann können die Gäste, vorrangig die deutschen, gerne zum Essen kommen. Aber: „Während des Spiels sollen die Leute Fußball gucken“, sagt sie.

Fußball ist an Spieltagen ein ganztägiges Gesprächsthema

Wenn sie von der portugiesischen Mannschaft spricht, fällt schon mal das Wort „wir“. Klar, wenn der Lebenspartner gebürtiger Portugiese ist, entsteht fast zwangsweise eine Bindung zum Fußball. „Kein anderes Land der Welt ist so begeistert vom Fußball“, erzählt Fernando Almeida, der aus der Mitte des Landes kommt. 1996 hat es ihn nach Berlin verschlagen. Eigentlich wollte er nur ein Jahr bleiben, lernte aber kurz vor seiner Rückkehr nach Portugal die Frau kennen, mit der er heute unweit der gemeinsamen portugiesischen Bar mit den zwei Söhnen lebt. Natürlich spielen auch die mittlerweile Fußball. Den Sport, der an Spieltagen von Sporting oder Benfica Lissabon, des FC Porto oder eben der Nationalmannschaft eigentlich ein ganztägiges Gesprächsthema ist.

Fernando Almeida ist gelernter Koch und großer Sporting-Fan. Gibt er sich in seiner Heimat mit einem Trikot oder einem Schal als solcher unter Gleichgesinnten zu erkennen, kann das schon mal ein Vorteil beim Arztbesuch oder bei der Frage nach dem richtigen Weg sein. So groß die Liebe zum eigenen Verein aber auch ist, andere werden nicht ausgeschlossen oder zum Feind erklärt. Auch wenn der FC Porto der große Rivale für beide Vereine aus Lissabon ist, werden die Daumen gedrückt, wenn Porto international kickt. Und auch das nationale Bewusstsein ist stärker ausgeprägt als bei den innerlich zerrissenen Nachbarn aus Spanien. „Bei der Nationalmannschaft sind wir alle Portugiesen. So etwas wie in Spanien gibt es bei uns nicht. Egal aus welcher Gegend jemand in Portugal kommt, sagt er, dass er Portugiese ist“, erzählt Fernando Almeida.

Viele Landsleute gibt es in seiner neuen Heimat Berlin nicht. Und wenn es doch einmal eine Familie hierher verschlägt, fällt die, anders als die etwas lauteren Spanier, nicht so sehr auf. Erst bei der Bestellung, einer Kombination aus drei portugiesischen Gerichten, in der Lisboa Bar geben sie sich unbewusst zu erkennen. Werden eine Chourico Assado, eine brennende Wurst die am Tisch gegrillt wird, typisch portugiesische Stockfischbällchen und Caldo verde, eine landestypische Suppe, bestellt, „weißt du ganz sicher, dass das Portugiesen sind“, sagt Linda Bidner.

Der Portugiese mischt sich gerne unter seine Mitmenschen. „Jedes kleine Dorf hat mindestens drei kleine Kneipen, da gibt es immer diese kleinen Cafés“, erzählt er von seinen Erlebnissen und den stets laufenden Fernsehern. In erster Linie ist dort Fußball zu sehen. Und den schauen Portugiesen stets in Gesellschaft. „Alleine gucken, macht keinen Spaß“, sagt Fernando Almeida. Ganz wichtig bei der Auswahl der Lokalität: günstiges Bier und gutes Essen.

Das Bier muss für den Portugiesen richtig kalt sein

Zum Fußball brauche es allerdings kein großes Menü. Ein Brötchen mit Rinder- oder Schweinefleisch, die sie in der Lisboa Bar während es Lockdowns auch zum Außerhaus-Verzehr angeboten haben, und ein kleines Bier. 0,25-Liter-Gläser und vor allem richtig kalt. „Das ist frisch bis zum letzten Tropfen“, sagt Almeida, „die Deutschen trinken das auch warm.“ Je besser das Spiel der Portugiesen, umso größer der Durst. Läuft es mal nicht so gut, wird mehr erzählt, viel analysiert. „Ich sage ihnen auch, wo die Spieler frei sind, aber sie hören mich nicht“, sagt Fernando Almeida und lacht.

Gut Lachen hatte er auch zum Auftakt der EM. Aus Freude über den 3:0-Sieg gegen Ungarn, aber vor allem über die beiden Tore von Cristiano Ronaldo, dem Star des Landes, seinen Liebling. Ronaldo sei mittlerweile größer als der berühmte Luis Figo. Der hat schließlich keine Europameisterschaft gewonnen. „Ronaldo hat einen ganz anderen Biss, er trainiert viel, achtet auf seine Ernährung, um seine Leistung zu bringen“, sagt Fernando Almeida, „in Deutschland wird er nicht geliebt, da mögen sie den Messi mehr.“ Aber die Deutschen trinken ja auch mal etwas wärmeres Bier.