London -  Noch neun Minuten waren in Wembley regulär zu spielen, als Thomas Müller allein auf den englischen Torwart Jordan Pickford zurannte. Deutschland lag 0:1 zurück im EM-Achtelfinale gegen England. Müller, der alte Hase, brauchte den Ball nur links in die Ecke zu schieben. Es stand alles offen für einen so abgezockten Profi wie den Münchner. Es war eine dieser besonderen Situationen, die ein Spieler noch als Großvater vor dem geistigen Auge haben und sich fragen wird, warum er vorbeigeschossen hat. Müllers Schuss sauste links vom Tor gegen die Werbebande. Fünf Minuten später machte England das 2:0. Und dann war bald Schluss und Deutschland ausgeschieden. „In solchen Spielen ist es wichtig, dass man die wenigen Chancen, die man hat, auch nutzt“, sagte Joachim Löw nach seinem letzten Spiel als Bundestrainer. „Normalerweise macht er daraus ein Tor.“

Joachim Löw wie in Trance

Als der letzte Bolzball seiner Mannschaft an der englischen Mauer abgeprallt war, gratulierte Löw dem Kollegen Gareth Southgate wie in Trance. Dann verschwand er in den Katakomben. Er hatte es zum Abschluss einer wechselvollen 17-jährigen DFB-Laufbahn, davon 15 als Chefcoach, da draußen in der wogenden Feierstimmung nicht mehr ausgehalten. „Das war ein sehr trauriges Gefühl, wie ich Jogi gesehen habe“, sagte Kapitän Manuel Neuer. „Er hat eine klasse Ära geprägt. Dass so zu Ende geht, ist schade und sehr traurig.“

Die deutschen Spieler verabschiedeten sich von ihren Fans und bedankten sich winkend für die Unterstützung. Joshua Kimmich kämpfte mit den Tränen. Sie alle wussten: Das, was sie auf den Rasen gebracht hatten, war an diesem Abend zu wenig gewesen. Neuer sagte weiter: „Es war so, dass ein bisschen die Gier, die England hatte, in den Situationen, wo sie die Tore geschossen haben, mehr da war als bei uns.“

Es herrschte eine flirrende, fröhliche Atmosphäre in der berühmten, gigantischen, mit Geschichte vollgestopften Fußball-Kathedrale. Als das Stadion – englische und deutsche Fans gemeinsam – die Hymne „Football is coming home“ aus dem Jahr der Europameisterschaft 1996 in England intonierte, war das ein erhebender Moment für alle, die Fußball lieben. Der deutsche Block war zwar erwartungsgemäß deutlich kleiner, machte aber – kollektiv ausgerüstet mit schwarz-rot-goldenen Fahnen – tapfer auf sich aufmerksam. Unschön: Die deutsche Hymne wurde von der Mehrheit niedergebuht. Schön: Als die Spieler beider Mannschaften als Zeichen gegen Rassismus niederknieten, gab es Beifall.

Der sicherheitsbedachte Trainer Southgate reagierte auf das deutsche 3-4-3 mit den beiden offensiven Außenverteidigern Robin Gosens und Joshua Kimmich erstmals bei diesem Turnier mit einer defensiven Fünferkette. Bundestrainer Joachim Löw blieb im System, brachte neben den erwarteten Leon Goretzka und Müller für Ilkay Gündogan und Leroy Sané aber überraschend auch noch Chelsea-Stürmer Timo Werner für den zuletzt nicht überzeugenden Serge Gnabry. Werner fehlte dann auch etwas die Bindung zu den Mitspielern.

Englands Taktik funktionierte besser

Auch wenn die Gäste die erste Viertelstunde weniger nervös wirkten und vor allem durch Leon Goretzka mit Schwung ins Spiel kamen – die Taktik von Southgate funktionierte dann bald besser. Joshua Kimmich und Robin Gosens wurden weitgehend neutralisiert, zudem konnte die erste deutsche Reihe mit Werner, Müller und Kai Havertz zu wenig als gemeinsamer Störenfried das gegnerische Aufbauspiel aufhalten. So kamen die Engländer in eine Überlegenheit, die allerdings bis zur Pause nur eine klare Chance bedeutete: Neuer nahm den halbhohen Schuss von Raheem Sterling dankbar mit einer schönen Parade zur Kenntnis.

Auch auf der anderen Seite gab es wenig Erhellendes im Strafraum zu beobachten. Einmal hatte Havertz zu Werner durchgestochen, der aber mit seinem schwächeren linken Fuß nicht an Englands Keeper Jordan Pickford vorbeikam. Insgesamt ein eher schmeichelhaftes 0:0 aus deutscher Sicht nach der ersten Halbzeit, in der vor allem Antonio Rüdiger unwirsch und unsicher wirkte, derweil Mats Hummels eifrig und aufmerksam viel wegräumte, vor allem den fast unsichtbaren Harry Kane. Müller rannte vorn einige Mal zu früh alleine an und verlor unnötig Bälle gegen die körperlichen Insulaner, Toni Kroos und Goretzka arbeiteten hart, aber nach vorn selten ergiebig. Es blieb vieles zu stumpf im deutschen Spiel, um England in Angst und Schrecken zu versetzen.

Nach der Pause wurde es zunächst ein klein wenig besser, Pickford durfte nach einem Havertz-Schuss eine ansehnliche Flugkurve beschreiben, Deutschland wurde zwischenzeitlich wacher, wenngleich Löw in seiner engen Coaching-Zone nicht immer so gut aussah wie seine Klamotten. Vor allem Werners Ballverluste trieben den Bundestrainer in den Wahnsinn. Logische Folge: In der 78. Minute kam Gnabry für Werner. Das Spiel wogte etwas unkoordiniert zwischen den Strafräumen hin und her und konnte sich nicht recht für die eine oder andere Seite entscheiden.

Bis in der 75. Minute plötzlich und unerwartet eine englische Welle über dem DFB-Team zusammenbrach und das Stadion in eine Ekstase versetzte, die auf herkömmliche deutsche Ohren schmerzhaft wirkte. Raheem Sterling schloss die sehenswerte Kombination mit seinem dritten EM-Tor zum 1:0 ab. Die Deutschen hatten nicht mehr viel zuzusetzen. Gnabry stand völlig neben sich. Sein Ballverlust war Vorlage für die Entscheidung: Harry Kane besorgte das 2:0. Es blieb zu wenig Zeit für eine angemessene Reaktion, auch wenn am Ende – wie vor drei Jahren beim WM-Aus gegen Südkorea – Mats Hummels und Manuel Neuer verzweifelt mitstürmten.

Löw sagte hinterher vor dem ARD-Mikrofon: „Wir können mehr Chancen rausspielen, aber in so einem Spiel bekommst du nur wenige. Wir hatten die größeren Chancen, bis England in Führung geht. Dann haben die Engländer es eiskalt gemacht, deshalb sind wir jetzt auch sehr enttäuscht.“