Glasgow/London - Die Schotten glauben noch an sich. Zum ersten Mal seit 23 Jahren sind sie wieder bei einem Turnier dabei, da geben sie nicht gleich auf, nur weil die Rückkehr auf die große Bühne peinlich gestartet ist. Am Montagnachmittag war die Mannschaft gedemütigt worden, von Patrik Schicks Tor von der Mittellinie und der 0:2-Niederlage gegen Tschechien, doch am Montagabend schien das schon wieder vergessen.

Durchhalteparolen in Schottland

Gegen 22.30 Uhr veranstaltete eine Gruppe von rund 100 schottischen Fans immer noch ihre eigene EM-Party, nur gut einen Schick-Schuss entfernt vom George Square, dem zentralen Platz in Glasgow. Sie sprangen auf und ab, feierten Mittelfeldmann John McGinn („he’s better than Zidane”) und sangen die Nationalhymne Flower of Scotland. Nicht so laut, wie sie am Nachmittag durch den Hampden Park geklungen war, aber mit der gleichen Hingabe und vermutlich unter ähnlichem Alkohol-Einfluss.

„Wir sind immer noch da, wir sind immer noch Teil der EM“ – das war die Botschaft dieser Szenerie, und sie steht im krassen Gegensatz zu dem Fatalismus, der sich nach der Niederlage gegen Tschechien in schottischen Medien breitmachte. Die Boulevardzeitung Daily Record zum Beispiel schrieb: „Plötzlich fühlt sich der Gedanke an einen Trip nach Wembley nach keiner so hellen Idee mehr an.“ Dort, in London, dürfen sich die Schotten an diesem Freitag gegen den großen Nachbarn und alten Widersacher (Auld Enemy) wohl keine Niederlage erlauben, wenn sie noch Chancen haben wollen auf den Achtelfinal-Einzug.

England gegen Schottland, das „Battle of Britain“, ist das größte Spiel der gesamten Vorrunde – zumindest aus Sicht von Engländern und Schotten. Die Länder verbindet die längste Rivalität im Fußball. Im November 1872 trafen sie sich im Hamilton Crescent, einer Cricket-Anlage im Westen Glasgows, zum ersten offiziellen Länderspiel überhaupt (0:0). Die größten Erfolge der Schotten über England stammen noch überwiegend aus der Zeit der Schwarz-Weiß-Fotografie, von 1928, 1967 oder 1977. In der Neuzeit gingen die Duelle meistens an England.

Erinnerungen an EM 1996

Der Sieg, der sich wohl am tiefsten eingebrannt hat ins kollektive englische Gedächtnis, wird in diesen Tagen auf allen Kanälen besprochen, auch deshalb, weil die Rahmenbedingungen die gleichen waren wie nun. Bei der Heim-EM 1996 gewann England 2:0 – im zweiten Gruppenspiel, in Wembley. Die Schotten sind bis heute überzeugt, dass sie die Partie erfolgreich gestaltet hätten, wäre nicht Kapitän Gary McAllister per Elfmeter gescheitert. Fast im Gegenzug erzielte Paul Gascoigne mit einem Tor für die Ewigkeit den Endstand und ließ die Sonne aufgehen beim „Summer of Love“, wie das Turnier vor 25 Jahren in England genannt wird.

Die Rivalität der beiden Nachbarn ist nicht nur fußballerischer Natur, sondern hat politische Hintergründe. Engländer und Schotten sind sich aus Tradition uneins, in der jüngeren Geschichte war das zu sehen beim Brexit-Votum, wo sich Schottland klar für den Verbleib in der EU aussprach (62 Prozent der Schotten stimmten für „remain“) und das Bündnis in der Folge unfreiwillig verlassen musste. Regierungschefin Nicola Sturgeon ist überzeugt, dass ein Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands vom Vereinigten Königreich nur eine Frage der Zeit ist.

Die Gewalt, die es bei den Spielen zwischen den beiden Ländern noch in den 1980ern gegeben hatte, ist weitgehend verschwunden. Die Rivalität wird vor allem verbal ausgelebt, in Form von „banter“, wie auf der Insel der fußballtypische, teilweise deftige Humor genannt wird. Die Schotten werfen den Engländern Arroganz, Überheblichkeit und ihr schlechtes Benehmen bei Auslandsreisen vor. In eigener Abwesenheit unterstützten sie bei Turnieren in den vergangenen mehr als zwei Jahrzehnten „anyone but England“, jeden – bloß nicht England. Aus Sicht der Engländer leidet Schottland an einem Minderwertigkeitskomplex.

Rivalität ruht für wenige Augenblicke

Wenn sich die Mannschaften am Freitag treffen, sind die Rollen klar verteilt: England ist Favorit und könnte mit dem zweiten Sieg im zweiten Gruppenspiel vorzeitig den Achtelfinal-Einzug schaffen. Für Schottland geht es neben der bloßen Chance auf den Verbleib im Turnier auch darum, ernst genommen zu werden – so sagt es Andrew Robertson, Kapitän und als Champions-League-Sieger und Meister mit dem FC Liverpool Schottlands prominentester Profi: „Wir bekommen immer noch nicht den Respekt, den wir uns vorstellen. Den Menschen, die am schottischen Fußball zweifeln, können wir zeigen, wozu wir in der Lage sind.”

Für ein paar Augenblicke allerdings wird die Rivalität ruhen. Schottlands Profis haben erklärt, vor dem Anpfiff auf die Knie zu gehen, als Zeichen gegen Rassismus – und aus Solidarität mit den Engländern, die für diese Geste von Teilen des eigenen Publikums ausgebuht werden. Solche Momente der Eintracht sind selten.