Berlin/London - Es gab Applaus für die Engländer von den 22.500 Zuschauern im Wembley-Stadion. Applaus für eine Mannschaft, die soeben in der Auseinandersetzung mit den Kroaten einen ersten Erfolg bei dieser Europameisterschaft erzielt hatte. Doch von einer Euphorie, wie sie die Italiener am Freitagabend bei ihrem 3:0 gegen die Türkei entfacht hatten, konnte nach diesem 1:0 nicht die Rede sein. Pflichtsieg nennt man so was, beziehungsweise Arbeitssieg, herbeigeführt durch einen gleichwohl sehenswerten Siegtreffer durch Raheem Sterling in der 57. Minute. „Ich bin einfach nur glücklich über dieses Tor, von dem ich immer geträumt hatte“, sagte der Torschütze. Und: „Das Wichtigste war heute, dass wir gewinnen.“

Dass es bei der englischen Nationalmannschaft zu einigen Härtefällen kommen dürfte, war abzusehen. Da ist so viel Talent, so viel Weltklasse, da sind so viele Spieler, die in Champions oder Europa League regelmäßig reüssieren. Dennoch verwunderte es schon ein wenig, dass es Jadon Sancho, der Dortmunder, noch nicht einmal in den Spieltagskader geschafft hatte. Oder dass Sterling anstatt Marcus Rashford von Beginn an im Wembley-Stadion ran durfte. Auch Jordan Henderson, der beim FC Liverpool von Jürgen Klopp als unverzichtbare Größe erachtet wird, nahm erst mal auf der Ersatzbank Platz. Wehe dem, der da die falsche Wahl trifft.

Im Stile eines Arjen Robben

Das, was die Three Lions von der ersten Minute an im Spiel nach vorne auf den Platz brachten, war allerdings prächtig anzusehen. In der sechsten Minute eröffnete beispielsweise Linksverteidiger Kieran Trippier mit einem temporeichen, weiten Einwurf aus der eigenen Hälfte den Angriff. Sterling spurtete samt Ball Richtung gegnerischen Strafraum, passte im rechten Moment auf Phil Foden, der im Stil eines Arjen Robben einen Schlenker nach innen machte, aus der Bewegung schoss, mit seinem Schuss allerdings nur den Pfosten traf. Nur drei Minuten später nahm Kalvin Philipps an der Strafraumgrenze den Ball volley, zwang damit Kroatiens Keeper Dominik Livakovic zu einer etwas unorthodoxen Parade. Der Schlussmann von Dinamo Zagreb hatte das Glück, dass kein Engländer für einen Nachschuss zur Stelle war.

Doch nach 2o Minuten ging den Engländern irgendwie das Tempo, der Fluss beim Passspiel verloren. Weil die Kroaten einerseits den Abstand zwischen ihren Reihen verknappen konnten, andererseits die Engländer sich durch ein paar technische Fehler und Fehlpässe selbst ins Grübeln brachten.

Der Lichtblick kommt aus Leeds: Kalvin Philipps

Auch in der zweiten Halbzeit sah das zunächst weniger nach Manchester City, Chelsea London oder dem FC Liverpool aus, sondern eher nach einer Mannschaft, die Angst vor einer Auftaktniederlage hat und dementsprechend gehemmt agiert. Mit einer Ausnahme: Kalvin Philipps, der sich als aggressiver Anführer von Leeds United in der besten Liga der Welt Respekt verschafft hat und wohl schon bald bei einem europäischen Großklubs unter Vertrag stehen wird.

Der 25-Jährige konterkarierte in der 57. Minute jedenfalls die Trägheit der anderen, spurtete in die Tiefe und wurde dort von dem ausnahmsweise mal zielgenau operierenden Kyle Walker angespielt. Philipps umkurvte Josko Gvardiol, dann auch noch Duje Caleta-Car, passte in den Strafraum auf Sterling, der ohne Scheu in den Dreikampf mit Sime Vrsaljko und Livakovic ging und schließlich als Torschütze daraus hervorging.

Die Kroaten, vor drei Jahren noch Finalisten bei der Weltmeisterschaft in Russland, versuchten sich an einer Antwort, brachten es aber nicht fertig, so etwas wie Leidenschaft zu entwickeln. Einer wie Luka Modric war dabei oft am Ball, tauchte da und dort auf, blieb aber wirkungslos. Ivan Perisic, der ehemalige Münchner, und Andrej Kramaric, der Hoffenheimer, blieben nahezu unsichtbar. In dieser Form droht der Elf von Trainer Zlatko Dusic jedenfalls schon in Gruppenphase das Aus, auch wenn die kommenden Gegner, Schottland und Tschechien, eher der Kategorie „Europäisches Mittelmaß“ zuzuordnen sind.

Und die Engländer? Nun sie verpassten durch Harry Kane, der in der 61. Minute nach einer Flanke von Mason Mount einen Schritt zu spät kam, und Sterling, der in der 74. Minute den Ball aus aussichtsreicher Position mit links Richtung Tribüne jagte, eine Vorentscheidung, verließen die legendäre Arena aber nicht nur deshalb mit gemischten Gefühlen. Für ein Team mit diesem Potenzial war das einfach zu wenig, zu wenig, als dass sich Gareth Southgate nicht doch noch mal eingehender mit der Besetzung seiner Startelf auseinandersetzen müsste.