Berlin/Budapest - Was den Österreichern im Achtelfinale gegen Italien nicht gelungen ist, glückte am Sonntagabend in Budapest den Tschechen: nämlich die erste kleine Sensation bei dieser Fußball-Europameisterschaft. Sie besiegten in Budapest die favorisierten Holländer durch Tore von Tomas Holes (68.) und Patrik Schick (79.) mit 2:0, treffen am kommenden Sonnabend im Viertelfinale auf die Dänen. Ungeachtet der Tatsache, dass der Erfolg mehr als verdient war, bleibt hierbei schon mal Folgendes festzuhalten: Bondscoach Frank de Boer wird für die Niederlage die Verantwortung übernehmen müssen, wird wohl kaum seinen Job behalten dürfen, vor allem, weil er erneut einen Tabubruch begangen hat.

Der ehemalige Ausnahmespieler, der mit Ajax Amsterdam und dem FC Barcelona zahlreiche Titel gewann, ließ seine Elf nämlich erneut in einem 3-5-2-System antreten, entgegen der vom legendären Fußballlehrer Rinus Michels stammenden Diktion eines 4-3-3. Wobei bei all den Positionswechseln, die seine Schützlinge von Beginn an vollführten, gar nicht mehr klar war, aus welcher taktischen Formation die Elftal denn nun wirklich ihr Glück versuchte. 

Schlichte, aber wirksame Marschroute der Tschechen

De Boers tschechischer Kollege Jaroslav Silhavy hatte sich dagegen für eine scheinbar eher schlichte Marschroute entschieden. Mit einem laufintensiven „Mann gegen Mann“ versuchte er der Spielstärke des Oranje-Teams zu trotzen, mit dem fabelhaften Tomas Soucek als Taktgeber im Mittelfeld. Der Profi von West Ham United war omnipräsent, engte Frenkie de Jongs Aktionsradius entscheidend ein. Und tatsächlich haderten die Niederländer bereits nach einer halben Stunde mit ihrem Spiel, schlugen im Aufbauspiel jede Menge lange Bälle, allen voran Keeper Marteen Stekelenburg, der mehr Ballkontakte hatte, als ihm lieb sein konnte. 

So ratlos ihre Mannschaft, die in der Gruppenphase noch drei Siege gefeiert hatte, so still die zahlreichen niederländischen Fans in der Puskas-Arena, die mit ansehen mussten, wie es den Tschechen zum einen immer wieder gelang, mit konzentrierter Abwehrarbeit die Gefahr rechtzeitig zu bannen, beziehungsweise wie die Tschechen allmählich auch zu Torchancen kamen. Die aussichtsreichste vereitelte Matthijs de Ligt mit einer gekonnten Grätsche, als Antonin Barak, der für den verletzten Hertha-Profi Vladimir Darida von Beginn an randurfte, aus sieben Metern relativ frei zum Schuss gekommen war (38.).

Die Tschechen spielen ihre Kopfballstärke aus

Neun Minuten nach dem Seitenwechsel sah sich de Boer mit einem weiteren ernsthaften Coaching-Problem konfrontiert. Wenige Sekunden zuvor war Donyell Malen nach einem bemerkenswerten Tempodribbling noch allein auf das tschechische Tor zugeeilt, aber letztlich an Keeper Tomas Vaclik hängengeblieben, da verwickelte Schick auf der Gegenseite de Ligt in ein Laufduell. Schick schubste ein wenig, de Ligt nahm an der Strafraumgrenze schließlich die Hand zur Hilfe, sah dafür erst mal Gelb, nach einem Video-Check durch Schiedsrichter Sergei Karasev letztlich aber Rot. Was tun? De Boer wechselte Malen aus, brachte dafür Quincy Promes – beließ es aber ungeachtet der Unterzahlsituation bei einer Dreierkette in der Abwehr.

Es ist kompliziert, mit einem Mann weniger zu spielen, aber auch gar nicht so einfach, mit einem Mann mehr zu spielen. Die Tschechen allerdings nutzten diese Chance gekonnt, agierten weiterhin leidenschaftlich, aber nicht übereifrig. Die Mannschaft weiß um ihre Stärken, die zum Beispiel beim Kopfballspiel auszumachen sind. So wie bei einem Eckball in der 64. Minute, bei dem Innenverteidiger Tomas Kalas den Ball per Kopf vom zweiten Pfosten aus wieder vor Tor brachte, wo Holes ebenfalls per Kopf vollendete. 

Der niederländische Versuch an einer Antwort eröffnete den Tschechen schließlich auch noch die eine oder andere Gelegenheit zum Konter. Eine davon nutzte Schick nach Vorarbeit von Holes in der 80. Minute zu seinem vierten Turniertreffer.