Berlin - Joachim Löw sieht noch immer verdächtig aus wie Joachim Löw. Er hat dem Land nicht nur einen hübsch frisierten Bundestrainer beschert, der mit 61 noch immer jugendlich daherkommt, sondern auch einen bekennenden Ästheten, der das Mantra des schönen Fußballs nicht nur vor sich her trug. Er lebte es bis in die letzte sorgsam gelegte Haarspitze.

Das Präteritum ist bewusst gewählt. Löw lebt den schönen Fußball nämlich gerade nicht mehr. Es darf ruhig auch mal hässlich werden. Das ist seine Konsequenz aus der eigenen Arroganz, die Deutschland 2018 ins Verderben stürmen ließ. Im Grunde gab es seinerzeit im Eröffnungsspiel gegen Mexiko nur zwei Verteidiger: Jérôme Boateng und Mats Hummels, beide bemitleidenswert. Denn so sehr sie sich auch mühten, die anderen zurückzurufen – niemand hörte auf sie. Auch nicht der Bundestrainer.

Löw ärgert sich über das eine Gegentor

Drei Jahre später erregt sich Joachim Löw, der so gar nichts Jogi-haftes mehr verbreitet, über das einzige Gegentor beim 7:1 im letzten EM-Test gegen Lettland. Dass der Ehrentreffer nach einem Einwurf zustande gekommen war, habe ihn gestört, sagt er grimmig. Der Jogi von früher hätte sich über den schönen Schuss in den Winkel mitgefreut, der Joachim von heute ärgert sich. Weil er weiß, dass eine Sekunde der fehlenden Konzentration bei einem Auftaktgegner wie Frankreich alles noch schwieriger machen kann, als es ohnehin ist.

„Unaufmerksamkeiten gegen starke Mannschaft werden bestraft“, referiert Löw, zumal es sich bei Frankreich um ein Team handele, das „in der Offensive wahnsinnig variabel spielt.“ Ergo: „Wir müssen gucken, dass wir sie vom eigenen Tor weghalten können. Die Frage ist: Wie können wir Griezmann, Mbappé, Dembélé, Benzema in den Griff bekommen?“ Eine berechtigte Frage.

Ein Gegengift: „Wachsam sein von Minute eins bis 90“, fordert der Bundestrainer. Ein zweites: „Fokus darauf legen: Was heißt es, kompakt im Verbund zu arbeiten? Wie verteidige ich die Räume? Wie verteidige ich beim Pressing? Wie sieht es aus mit den Zweikämpfen?“

Es sind Fragen, die auch Toni Kroos und Ilkay Gündogan beantworten müssen. Beide gingen beim 0:6 in Spanien mit unter, beide sind nicht als Ballklauer bekannt. Da, in der Mittelfeldzentrale, könnte die Achillesferse der deutschen Mannschaft liegen. Löws Antwort scheint die Dreierkette mit den Innenverteidigern Matthias Ginter, Mats Hummels und Antonio Rüdiger zu sein, nicht die Verdichtung des Mittelfelds, indem er Kroos und Gündogan noch Joshua Kimmich zentral zur Seite stellt.

Löw glaubt, der Wille entscheidet

Löw glaubt, das System sei weniger entscheidend als der Wille: „Wer die Defensivarbeit nicht leisten kann, kann nicht auf dem Platz sein. Die Defensivarbeit ist von niemandem zu vernachlässigen. Fehler passieren – aber dann muss ich nach!“ Das sei die Basis, so der Bundestrainer, „Tempo, Intensität, Räume schließen, vor, zurück, wissen, wo die Räume zu sein müssen: Da müssen wir uns alle verbessern. Alle!“ Auch er selbst offenbar, denn tatsächlich hat Löw inzwischen auch die Spiele der jüngeren Vergangenheit ausgewertet: „Es ist in den letzten Jahren immer mal wieder zu erkennen gewesen: Wir führen 1:0 und verlieren die Kontrolle.“

Besonders gegen die Top-Nationen Frankreich, Argentinien, Spanien und Niederlande ist die DFB-Bilanz seit dem WM-Aus 2018 ernüchternd: Der Gegentorschnitt liegt bei 2,44. Viel zu viel, um dagegen anzustürmen. Joshua Kimmich sagt deshalb: „Unser Fokus liegt darauf, dass wir in der Defensive besser stehen als in den letzten Spielen. Gerade in einem Turnier ist es sehr, sehr wichtig, dass die Null steht. Das ist die Basis für den Erfolg. Nach vorne hin haben wir viel Qualität und Potenzial, immer wieder ein Tor zu machen.“

Löw will, das Ginter lauter wird

Besonders bei der Abwehrarbeit, so der Bayern-Profi, sei es wichtig, dass es lebhaft zugeht auf dem Platz: „Wir brauchen diese Kommunikation. Wir müssen einander unterstützen und gegenseitig coachen. Da kann es auch mal lauter werden. Ich bin ein Freund davon, solange es zielgerichtet bleibt.“ Genau das verlangt Löw noch viel mehr vom erfahrenen Mönchengladbacher Ginter: „Er muss lauter werden. Mehr dirigieren, mehr korrigieren.“