Berlin/London - Italien hat zwei neue Fußball-Helden. Ihre Namen: Gianluigi Donnarumma und Jorginho. Ihre Taten: Im Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft parierte Donnarumma in der Auseinandersetzung mit Spanien im notwendig gewordenen Elfmeterschießen den Versuch von Alvaro Morata. Und eröffnete damit seinem Teamkollegen Jorginho die Chance, das Spiel zugunsten der Squadra Azzurra zu entscheiden. Endstand: 5:3 nach Elfmeterschießen. Italien trifft am Sonntag nun auf den Sieger aus dem zweiten Halbfinale, das England und Dänemark am Mittwochabend bestreiten.

60.000 Zuschauer durften im Wembley-Stadion an diesem Dienstagabend zugegen sein. Tolle Sache einerseits, gefährliche Sache andererseits, weil man ja nicht weiß, ob so eine Großveranstaltung im Nachhinein nicht doch noch als Superspreader-Event eingestuft wird. Für den Moment war der Gedanke an die Pandemie und an irgendwelche Virus-Varianten aber außen vor, es ging den Menschen im weiten Rund erst mal nur ums Vergnügen. 

Das beginnt bei so einem Spiel schon bei den Hymnen, wobei sich da im ewig-jungen Duell der Südeuropäer seit jeher eine Ungerechtigkeit auftut. Die einen, die Italiener, haben eine, die sich dank der eingängigen Melodie und dank des eingängigen Textes so richtig schön schmettern lässt. Die anderen, die Spanier, sind dagegen zum Schweigen verdammt, weil dem Marcha Real, dem Königlichen Marsch, kein Text unterlegt ist. 

Italiens Lust am offenen Schlagabtausch

Das Eigentümliche an dieser Halbfinal-Begegnung war, dass sich diese Gegensätzlichkeit in gewisser Weise auch im unterschiedlichen Spielstil der Teams widerspiegelte. Hier die Energie und die Emotionen, dort der kühle Kopf und die Kontrolle. Wobei die Italiener mit ihrer neuen Lust am offenen Schlagabtausch zunächst das Geschehen bestimmten. 

Das hatte ganz viel mit Nicolo Barella zu tun, der Spaniens Schlüsselspieler Sergio Busquets in Manndeckung nahm oder sich zumindest daran versuchte. Andererseits mussten die Spanier erst mal mit einem taktischen Kniff ihres eigenen Trainers klarkommen. Denn Luis Enrique hatte erstaunlicherweise auf Mittelstürmer Alvaro Morata verzichtet, dafür mit Mikel Oyarzabal einen weiteren Außenangreifer gebracht. Zusammen mit Ferran Torres und Dani Olmo bildete der Mann von Real Sociedad San Sebastián also die Sturmreihe, wobei es sich aber doch eher um eine zweite Mittelfeldreihe handelte. 

Da es den Spaniern partout nicht gelingen wollte, sich dem Zugriff durch mürbe machende Ballstafetten zu entziehen, war das Spiel schon in der ersten Hälfte ziemlich wild. Die Mittelfeldspieler hatten da wie dort keine Zeit, um sich in einen Rhythmus zu passen. Die Verteidiger wiederum sahen sich wiederholt in knifflige Zweikämpfe verwickelt. Schließlich waren die Torhüter gefordert.

Emerson spielt für den verletzen Spinazzola

Wobei Spaniens Unai Simón in der 21. Minute bei seinem überflüssigen Ausflug das Glück hatte, dass der an ihm vorbeigezogene Emerson aus spitzem Winkel nicht den Abschluss suchte, sondern noch einmal querpasste und Barella sich schließlich in einem weiteren Zweikampf verlor. Vier Minuten später glänzte Italiens Gianluigi Donnarumma mit einer Parade gegen Olmo, der aus elf Metern gar nicht so unplatziert mit einem Rechtsschuss den Abschluss gesucht hatte. 

Die beste Chance, um sich als Torschütze in EM-Halbfinale zu verewigen, hatte in der ersten Hälfte allerdings der eben bereits erwähnte Emerson. Auf Zuspiel von Lorenzo Insigne kam der Profi vom FC Chelsea, der für den durch einen Achillessehnenriss außer Gefecht gesetzten Leonardo Spinazzola in die Startelf gerückt war, in der 45. Minute frei zum Schuss. Und der war so wuchtig, dass der Ball nach einer Berührung mit der Querlatte weit in Richtung Eckfahne segelte. 

Nach Wiederanpfiff gewann man den Eindruck, dass sich die Italiener bei ihrem fortwährenden Forechecking womöglich etwas erschöpft hatten. Barella ließ Busquets mehr Raum, Insigne und Emerson standen mehrmals zu hoch, sodass Giorgio Chiellini des Öfteren in Zweikämpfe mit Oyarzabal genötigt wurde. Und als Busquets auf Vorlage von Oyarzabal in der 52. Minute mit seinem Versuch aus 18 Metern nur knapp das Tor verfehlte, wirkten die Azzurri durchaus etwas angeschlagen. 

Garcia lässt Chiesa zu viel Platz 

Doch wehe dem, der die Macht eines solchen Kollektivs unterschätzt. Wehe dem, der gegen solche Wettstreiter etwas halbherzig in die Zweikämpfe geht. Diesen Vorwurf muss sich jedenfalls Spaniens Eric Garcia gefallen lassen. Nach einem Konter der Italiener ließ der Verteidiger Federico Chiesa einfach viel zu viel Zeit und viel zu viel Platz, um nicht mit einem Schlenzer zu vollenden. Simón war jedenfalls machtlos, reagierte noch nicht einmal, als sich der Ball aus 14 Metern ins Netz senkte. 

Durch dieses Tor wurde dieses Spiel für den neutralen Beobachter gar zum großen Fußballgenuss. Beide Teams holten nämlich noch das Beste aus sich heraus, die Spanier spielten Klassefußball, die Italiener kämpften Klassefußball. Mehrmals war für die Spanier der Ausgleich nahe, beispielsweise in der 67. Minute, als Oyarzabal nach einem feinen Pass von Koke beim Kopfball einfach nicht entschlossen genug war. Einmal hatten aber auch die Italiener Gelegenheit zum 2:o. Nämlich Domenico Berardi, der in der 69. Minute nach Zuspiel von Chiesa aber an Simón scheiterte. 

Und wehe dem, der solche Chancen gegen diese Spanier nicht nutzt. Enrique hatte inzwischen voll auf Angriff gesetzt, Morata für Ferran Torres gebracht, zudem Gerard Moreno für Oyarzabal und auch noch Rodri für Koke. Und siehe da: Nach einem harmlos anmutenden, aber letztlich so brillanten Doppelpass traf Morata nach Zuspiel von Olmo in der 80. Minute zum Ausgleich.

Ein Treffer, der die Partie in die Verlängerung brachte. Und in dieser versuchten sich die müden Spanier, die bereits zum dritten Mal in diesem Turnier über 120 Minuten gehen mussten, an einer Entscheidung, während die Italiener sich ins Elfmeterschießen retteten.