Ich schaue gerne Fußball. Also, nicht so gerne, dass ich ein Abo bei den üblichen Bezahlsendern hätte. Wenn mir ein Bundesliga-Spiel wichtig ist, gehe ich dann eben in eine Kneipe oder zum Nachbarn (vor Corona). Aber bei Champions League, DFB-Pokal und vor allem den großen Turnieren bin ich schon dabei, wenn es geht. Trotz dieses abgespeckten Programms sind meine Spielzeiten vor dem Fernseher nicht sicher. Denn meine Frau schaut jetzt nicht sooo gerne Fußball. Zum Glück stehen mir meine Töchter hin und wieder bei.

Der unfassbar elegante Andrea Pirlo

Ich habe schon öfters versucht, meiner Frau die Faszination des Spiels auf diesem Niveau näherzubringen. Ich wies sie auf die unfassbar elegant geschlagenen, unfassbar präzisen Pässe des Andrea Pirlo hin. Holte sie vor den Fernseher, wenn eine physikalisch eigentlich unmögliche Ballmitnahme von Marco Reus in Superzeitlupe fünfmal wiederholt wurde. Oder machte sie auf das furchteinflößend effektive, für den gegnerischen Stürmer deprimierende Stellungsspiel eines Mats Hummels aufmerksam (das ist übrigens der einzige Spieler, bei dem ich mir ernsthaft überlegt habe, ein Namenstrikot zu kaufen).

Einmal habe ich ihr sogar einen Zusammenschnitt der schönsten Szenen von Zinedine Zidane vorgeführt. Da gibt es auf YouTube echte Kleinodien zu entdecken. Zidane ist mein Superheld. Aus meiner Sicht ist der Franzose der Fußballspieler zum Niederknien. Keiner spielte eleganter, schneller, klüger, schöner – reihen Sie beliebig viele Fußball-Superlative aneinander. Sie stimmen alle. Reaktion bei ihr? Achselzucken. Schon schön, sagte sie. Aber der hat ja keine Haare mehr.

Schiedsrichter fallen nicht durch Tattoos auf

Dabei hat sie durchaus Interesse an dem Spiel. Also nicht so richtig am Spiel, eher an einem Detail. „Wie sieht der Schiedsrichter aus?“, ist die Standardfrage zu Beginn der Übertragung. Sie findet, dass die Spieler eher Jungs sind, die sich oft so verhalten, kindische Frisuren tragen und albern neonfarbene Schuhe.

Die Schiedsrichter sind dagegen interessanter. Mittelalt, schlank, durchtrainiert, gut aussehend, haben was zu sagen auf dem Platz. Greifen ein und durch. Männer eben. Wenn einer besonders gefällt, wird 90 Minuten gemault: „Die könnten viel öfters den Schiedsrichter zeigen.“ Und wenn der von einem aufgebrachten Spieler angemacht wird, findet sie das empörend. Natürlich hat der Schiedsrichter immer die richtige Entscheidung getroffen. Besonders lustig ist, wenn ihre beste Freundin mitschaut. Dann werden die Linienrichter in die Bewertungsdebatte einbezogen. Wenigstens sind dann die Kommentare von Béla Réthy nicht mehr zu hören. Ist nicht alles schlecht.

Und an einem Punkt haben die beiden wirklich recht: Bislang ist kein Schiedsrichter durch so hässliche Tattoos aufgefallen, wie sie die Jungs inzwischen überall tragen.

Ich habe mir schon überlegt, mir eine echte Schiedsrichterpfeife und einen Satz Gelbe und Rote Karten zuzulegen. So für zu Hause, für die gemeinsamen Spielabende. Ich habe nur Sorge, dass ich dann vom Platz gestellt werde.