Berlin/Baku - Es zeichnet sich ab, dass diese Fußball-Europameisterschaft eine ganz besondere Pointe erfährt. Dank der Dänen, die zu Beginn des Turniers durch das Drama um Christian Eriksen einen schwer zu verdauenden Schicksalsschlag erlebt haben, sich aber doch noch im letzten Gruppenspiel die Teilnahme an der K.-o.-Runde sichern konnten und nach dem 2:1 im Viertelfinale gegen Tschechien nun tatsächlich im Halbfinale stehen. Wunder. Märchen. Welchen Titel man auch immer man für diese Geschichte finden mag, es ist eine ganz besondere.

Als kleine Aufmerksamkeit überreichten die Tschechen bei der Platzwahl ein tschechisches Nationaltrikot mit der Rückennummer 10, dem Schriftzug Eriksen und ihren Unterschriften an die Dänen. Thomas Soucek tat dies, der Mittelfeldspieler von West Ham United, der für den offenbar wieder fitten, aber von Nationalcoach Jaroslav Slihavy zunächst nicht für die Startelf nominierten Vladimir Darida als Spielführer die Tschechen ins Feld führte. Sie wollten damit ihre Anteilnahme am Schicksal des beim Auftaktspiel kollabierten Eriksen zum Ausdruck bringen, schöne Geste. Simon Kjaer, der Kapitän der Dänen, der beste Fußballfreund von Eriksen, nahm die Liebenswürdigkeit im EM-Stadion von Baku entgegen, bedankte sich artig, wenngleich er und seine Kollegen natürlich etwas ganz anderes im Sinn hatten als den Austausch von Nettigkeiten.

Delaney nutzt die Einladung der Tschechen zum 1:0

Insofern dürften sie schwer begeistert gewesen sein, als die Tschechen ihnen gleich zu Beginn der Partie ein weiteres Geschenk zukommen ließen, nämlich beim ersten Eckstoß dieser Partie. Ja, sie ließen in der fünften Minute nach der Hereingabe von Jens Stryger Larsen den Dortmunder Thomas Delaney einfach frei zum Kopfball kommen. So frei, dass sich Delaney als Schütze des Führungstreffers feiern lassen konnte.

Auch in der Folge waren die Tschechen bei der Defensivarbeit mitunter viel zu nachlässig, um ein Viertelfinale bei einer Europameisterschaft erfolgreich zu gestalten. Mikkel Damsgaard hatte in der 13. Minute nach einem Konter eine gute Chance, spitzelte den Ball auch an Tomas Vaclik, aber eben auch am Tor vorbei. Delaney hätte in der 22. Minute bereits auf 2:0 erhöhen können, wenn er beim Abschluss nicht Fuß und Schienbein durcheinander gebracht hätte. Damsgaard zielte in der 38. Minute zu ungenau, was Vaclik zu einer spektakulären Parade brachte.

Maehle macht’s wie Beckenbauer

Schließlich bekam Joakim Maehle in der 43. Minute den Raum und die Zeit, um à la Franz Beckenbauer den Ball mit dem Außenriste vor das Tor zu schlagen. Maehle, bei Atalanta Bergamo unter Vertrag, ist einer der Spieler, die diese EM zur Steigerung ihres Marktwerts zu nutzen wissen, ist einer dieser Spieler, die als Zwitterwesen zwischen Linksverteidiger und Linksaußen zu begeistern wissen. Seine Flanke erreichte jedenfalls Kasper Dolberg, der mit der Innenseite aus sechs Metern volley zum 2:0 traf.

So arglos sie ins Spiel gestartet waren, so aggressiv meldeten sich die Tschechen aber zu Beginn der zweiten Hälfte zurück. Slihavy hatte mit Michal Krmencik einen wuchtigen Angreifer ins Spiel gebracht, dazu Jakub Jankto einen offensiven Mittelfeldspieler. Das war eine Ansage, das zeigte auch sogleich Wirkung, wenngleich der Anschlusstreffer in der 49. Minute aus einer Zusammenarbeit zwischen Vladimir Coufal und Patrik Schick entstand. Coufal flankte, Schick traf per Direktabnahme, es war sein fünfter EM-Treffer.

Die Dänen wehren alles ab

Hoffnung auf eine Wende war da nun auf der Seite der Tschechen auszumachen, was sich vor allen Dingen an den wilden Gesten von Slihavy ablesen ließ. Auf der Seite der Dänen war nun plötzlich die Angst vor dem Scheitern allgegenwärtig. Das Geschehen spielte sich deshalb in der Folge weitgehend in der Hälfte der inzwischen doch sehr erschöpft wirkenden Dänen ab, die allerdings mit Keeper Kasper Schmeichel, den Verteidigern Andreas Christensen, Kjaer und Yannik Vestergaard eine vorzügliche Abwehr formiert hatten. Unglaublich, was die fantastischen vier über 40 Minuten hinweg alles verhinderten. Unglaublich, dass bei dem Herzblut, das die Tschechen nun einbrachten, tatsächlich nichts mehr passierte.

Die beste Torchance hatte im zweiten Spielabschnitt sogar ein Däne, nämlich der überragende Maehle, der in der 82. Minute aus halblinker Position und etwa sieben Metern an Vaclik scheiterte.