Berlin - Es gibt Fußballspiele, die sind so facettenreich, sowohl in kämpferisch als auch in spielerischer Hinsicht so ansprechend, dass man, zumindest als neutraler Beobachter, gar nicht genug davon bekommen kann. Zu dieser Spezies zählte auch das EM-Viertelfinale zwischen Belgien und Italien, das letztlich die Squadra Azzurra mit 2:1 für sich entscheiden konnte. Die Elf von Roberto Mancini trifft im Halbfinale nun am kommenden Dienstag auf Spanien, muss dabei aber wohl auf einen ihrer Besten verzichten, nämlich auf Leonardo Spinazzola, der in der 79. Minute mit dem Verdacht auf einen Achillessehnenriss ausgewechselt werden musste. Es war also ein bittersüßer Abend für die Südeuropäer.

Giorgio Chiellini hatte sich unmittelbar vor der Partie ein breites Grinsen nicht verkneifen können. Der Kapitän der Italiener, der das letzte Gruppenspiel und das Achtelfinale gegen Österreich wegen einer Muskelverletzung noch verpasst hatte, genoss den Moment, schloss vor der Nationalhymne noch einmal kurz die Augen, um schließlich mit den Kollegen das Il Canto degli Italiani in das Oval zu schmettern.  

Belgien muss auf Eden Hazard verzichten

Dass der charismatische Abwehrmann mit dabei war, gab den Italienern ein gutes Gefühl, umgekehrt zogen die Belgier aus der Anwesenheit von Kevin de Bruyne ihre Zuversicht. Nach seiner Sprunggelenksverletzung war bis wenige Minuten vor dem Anpfiff nicht klar, ob der Profi von Manchester City mit von der Partie sein kann. Was auch bei Eden Hazard der Fall war. Im Gegensatz zu de Bruyne musste der Flügelstürmer allerdings passen, für ihn spielte der gerade mal 19 Jahre alte Jeremy Doku. 

Mit de Bruyne, das war im Vergleich zum zähen Achtelfinale gegen Portugal sofort zu erkennen, ist das Spiel der Belgier weitaus dynamischer. Ja, die Kollegen suchen ihn, damit er das Spiel, unterstützt in der Zentrale von Axel Witsel und Youri Tielemans, immer wieder Richtung Romelu Lukaku in Schwung bringt. 

Donnarumma pariert zweimal glänzend

So erfuhr Chiellini im Zweikampf mit dem Zielstürmer der Belgier sogleich einen Praxistest, so war Italiens Keeper Gianluigi Donnarumma gleich mal gefordert. Und was ist das doch für ein guter Torwart. In der 21. Minute bekam de Bruyne infolge eines abgefälschten Passes ganz viel Platz, um Tempo aufzunehmen, umkurvte einen Abwehrspieler, um mit links einen wuchtigen Schuss abzufeuern. Doch der 22 Jahre alte Keeper schnellte in die Ecke, kam mit einer Hand noch an den Ball. Aber damit nicht genug: Nur vier Minuten später passte de Bruyne auf Lukaku, der ebenfalls aus vollem Lauf abzog, doch auch in dieser Szene parierte Donnarumma bravourös.

Nun war es allerdings so, dass die Squadra Azzurra ebenbürtig war. Im Besonderen dank ihrer linken Seite, wo Spinazzola und Lorenzo Insigne ein großartiges Paar bilden (bzw. aufgrund der Verletzung gebildet haben). Aber zuvorderst dank ihrer Klasse bei der frühen vom Kollektiv getragenen Balleroberung. Da hat keiner der Gegner Zeit, um locker, flockig das Spiel zu eröffnen, woran sich aber Jan Vertonghen fatalerweise in der 31. Minute dann doch versuchte. Marco Verratti jagte dem Routinier den Ball ab, brachte Nico Barella ins Spiel, der nach einer kurzen Drehung aus halbrechter Position mit einem Schuss in die lange Ecke Keeper Thibaut Courtois keine Chance ließ.

Strittiger Strafstoß für Belgien

Dieses Tor versetzte die Italiener geradezu in einen Rausch. Aus einem idealtypischen Positionsspiel heraus brachten sie sich über druckvolle Pässe immer wieder in freie Positionen. So wie in der 43. Minute als Spinazzola alle Zeit hatte, um Ciro Immobile im Sechzehner freizupassen, der ehemalige Dortmunder war beim ersten Kontakt aber zu unsauber, schließlich zu eigensinnig. Stichwort: eigensinnig. Das war auch Insigne nur eine Minute später, allerdings schloss der Profi des SSC Neapel seinen Solo-Lauf mit einem wunderbaren Schlenzer zum 2:0 ab. 

Italiens Problem: Beim Gegenangriff, der letzten Aktion vor der Halbzeit, wollte Schiedsrichter Slavko im Zweikampf zwischen Doku und Giovanni di Lorenzo ein elfmeterwürdiges Foul des Italieners erkannt haben, genauso wie der deutsche Video-Assistent Bastian Dankert. Ein Remplerchen war dies, mehr nicht. Die Italiener protestierten, Lukaku verwandelte nach der hitzigen Diskussionsrunde sicher zum Anschlusstreffer. 

Die Italiener feiern eine Abwehraktion euphorisch

Nach einer kurzen Phase der Orientierung war auch in der zweiten Hälfte wieder Fußball ohne Angst zu bestaunen. Doku ging immer wieder ins Dribbling gegen di Lorenzo, Insigne und Spinazzola brachten Thomas Meunier wiederholt in Schwierigkeiten, wobei die beiden eine Weltneuheit präsentierten, nämlich den doppelten Linksaußen. Und da war natürlich auch noch de Bruyne, dessen Hereingabe in der 61. Minute an Italiens Abwehrmännern vorbeistrich, bei Lukaku am zweiten Pfosten einen Abnehmer fand, doch der Stürmer traf mit seinem missglücktem Abschluss aus eineinhalb Metern nur Spinazzolas Po. Die Italiener feierten die Rettungsaktion ihres Kollegen so euphorisch wie ein Tor, wobei der Umjubelte gar nicht so recht wusste, wie ihm geschieht.

Belgiens Coach Roberto Martínez sah sich schließlich gezwungen, alles auf eine Karte zu setzen, brachte in der 70. Minute noch mehr Offensivkräfte ins Spiel. Unter anderem brachte er Nacer Chadli, der eine Minute nach seiner Einwechslung eine weitere gute, aber von Lukaku und Thorgan Hazard nicht vollendete Chance einleitete, der allerdings eine weitere Minute später verletzt den Platz wieder verlassen musste. 

Spinazzola wird mit Verdacht auf Achillessehnenriss vom Platz getragen

Weitaus schwerwiegender war aber offensichtlich das Unglück von Spinazzola. Plötzlich musste der bis dato beste EM-Spieler der Italiener einen Spurt abbrechen, wirkte erst noch gefasst, merkte aber alsbald, dass ihm Schlimmeres widerfahren sein musste. Er sackte zu Boden, begann zu weinen, da half kein Trost, er musste mit der Trage vom Platz getragen werden, Verdacht auf Achillessehnenriss.

Jetzt ging es für die Italiener nur noch ums Verteidigen des Vorsprungs. Was ihnen in altbewährter Manier, mit Chiellini und seinem Kumpel Leonardo Bonucci als prägende Figuren, schließlich auch gelang.