München - Was tut ein Trainer, wenn seine Mannschaft eine Viertelstunde vor Schluss 0:1 zurückliegt und zu selten für Gefahr im gegnerischen Strafraum sorgt? Er wechselt aus und hofft, dass die Joker stechen. Vielleicht hätte Joachim Löw schon zur Pause reagieren sollen, denn Kai Havertz hatte bis dahin wenig überzeugen können. Aber der Bundestrainer wollte dem Helden des Champions-League-Finales nicht in einem Zug all das schöne Selbstvertrauen wieder nehmen, das sich Havertz in einer komplizierten Auftaktsaison beim FC Chelsea gerade erst mühevoll erworben hat. Eine nachvollziehbare Überlegung. Immerhin steigerte sich der 21-Jährige später um Nuancen, insgesamt reichte es aber bei weitem nicht, um die Franzosen vor akute Probleme zu stellen.

Einige verstörende Aktionen der Offensive

Das schafften aber auch die eingewechselten Offensivleute nicht. Sowohl Leroy Sané als auch Timo Werner, die jeweils 22 Minuten spielten, sowie in den letzten acht Minuten Kevin Volland zeigten einige verstörende Aktionen. Lediglich Emre Can, ein Defensiver, für den Mats Hummels noch in letzter Verzweiflung als Brechstange nach vorne beordert wurde, machte seine Sache ordentlich.

Löw suchte mit Blick auf das eingewechselte Offensivtrio nach Erklärungen für die Öffentlichkeit: „Man kann sagen: Okay, die Einwechselspieler kamen nicht so gut ins Spiel wie erhofft. Aber Frankreich ist eben stark, sie standen nach dem Vorsprung sehr tief, da bekommt man wenig Räume, das ist einfach so.“ Intern wird der Bundestrainer sicher konkretere Kritik üben. Denn was er von Werner, Sané und Volland gesehen hatte, war denn doch deutlich zu karg.

Dass Hummels am Ende den Mittelstürmer geben musste, wie schon beim WM-Aus gegen Südkorea vor drei Jahren, offenbart ein grundlegendes Problem: Löw hat keinen typischen kopfballstarken Strafraumstürmer im Kader, auch keinen klassischen Joker, der sofort auf Betriebstemperatur kommt. Nils Petersen hatte der Bundestrainer eigens vor der WM 2018 gewogen – und für zu leicht befunden. Der Freiburger wurde aus dem endgültigen Kader gestrichen.

Volland war auf der Gosens-Position überfordert

Mit Werner, Sané und Volland für Gnabry, Havertz und Gosens kamen gegen Frankreich andere Namen aufs Feld, aber keine neuen Elemente. Zumal Volland, der dem Typ Mittelstürmer noch am nächsten kommt, auf der Gosens-Position links sichtlich überfordert wirkte. Eine Flanke ins Niemandsland (nach Sanés bester Szene) und ein Kopfball ins Toraus blieben in Erinnerung. Volland war schlicht im falschen Bereich des Platzes tätig. So bringt das nichts.

Timo Werner, der in der 74. Minute Gnabry ersetzte, blieb alles schuldig, was Löw sich von ihm erhofft hatte. „Ich werde versuchen, meine Chance von der Bank zu nutzen“, hatte Werner zuvor versprochen. Es blieb beim Versuch mit Irrtum. Werner verlor Bälle, die man nicht verlieren darf, er spielte Pässe, die man so nicht spielen darf, er war ein Negativ-Faktor im lahmenden Endspurt. Hinterher ist man immer schlauer, aber Gnabry hätte besser weitergespielt.