Berlin - Fragte man sich in den Tagen vor dem Spiel gegen Portugal durch den Bekanntenkreis und erwähnte den Namen Joachim Löw, stieß man bestenfalls auf verdrehte Augen oder allergische Hautausschläge, schlechtestenfalls auf blanke Ablehnung oder sofortigen Gesprächsabbruch. Ein Furor des Missfallens: nicht zu helfen, diesem Löw, komplett aus der Spur, ahnungslos, beratungsresistent.

So ungefähr in die Richtung hatte sich die Debatte entwickelt. Die übrig gebliebenen Jogi-Fans auch unter den Kollegen trauten sich kaum noch, ihre Außenseiterrolle uneingeschränkt zuzugeben. Die Älteren unter uns fühlten sich an die Jugend erinnert, als niemand, der noch Freunde behalten wollte, zu behaupten wagte, er fände die Bay City Rollers, Abba oder Peter Maffay gut.

Wer ehrlich ist, müsste einräumen, dass er sich am Samstagabend mit der wohligen Aussicht vorm Fernseher eingerichtet hatte, den ewigen Jogi unsentimental mit der nächsten zu erwartenden Niederlage zu verabschieden. Die Messer waren nicht nur fürs Fleisch auf dem Grill gewetzt. Dreierkette? Blödsinn! Kimmich auf rechts außen? Unfug! Kroos und Gündogan nebeneinander auf der Doppelsechs? Ignoranz!

Statik um 20 bis 30 Meter nach vorne versetzt

Es ist dann anders gekommen, sichtbar war das ziemlich schnell, Löw, der sture Bock, hatte Personal und Taktik ganz genauso belassen wie beim EM-Auftakt gegen Frankreich, allerdings hatte er die Statik um 20 bis 30 Meter nach vorn versetzen lassen, und siehe da: Es wurde ein rauschendes Fest. In den sozialen Netzwerken fanden sich Leute, die sich in ihrer wie ein verblichenes Lieblingsfoto auf dem Dachboden wiederentdeckten Zuneigung zur Nationalmannschaft an das Jahr 2014 erinnert fühlten. Zur Erinnerung: Damals wurde Deutschland Weltmeister. Endlich mal wieder trug das DFB-Team Freude hinaus aus dem Stadion ins Land.

Das hatten der Truppe und seinem Trainer nicht mehr viele Menschen zugetraut. Zu uninspiriert und kleinmütig hatte sich die Mannschaft in den vergangenen Wochen, Monaten, Jahren präsentiert, angeleitet von einem Fußballlehrer, der seine Lethargie nur schwerlich hinter einer Fassade der Lässigkeit verdecken konnte. Wäre das Ding gegen Portugal schiefgegangen, hätte Löw bei der Presselektüre ein paar noch trostlosere Stunden erlebt als vergangene Woche schon.

Stattdessen nun Lob und Anerkennung für stringent offensive Ausrichtung der Außenläufer, die sich die Bälle über die verdutzte portugiesische Abwehr hin und her spielten, dass es eine wahre Freude war, sofern man das dazu nötige Minimum an Rest-Identifikation mit Verband und Eliteteam noch nicht vollends aufgebraucht hatte.

Es gibt nun beiderseitig, von Fans und Team, zarte Annäherungsversuche, kleine Liebeleien vorerst nur, die nach dem Bruch einer einst festen Beziehung dazu führen könnten, dass der Sommer noch zum Märchen wird. 90 Minuten der Hingabe reichen nicht aus, um verloren gegangenes Vertrauen wieder zu zementieren. Aber es ist mal ein Anfang. Für Löw vielleicht ein Anfang von einem versöhnlichen Ende.