München - Fußballwelt der Gegensätze. Joachim Löw hängt – und dieses sprachliche Bild bietet sich an – mit seiner Seilschaft im Abstieg fest. Sie möchten gemeinsam noch mal umkehren. Zurück nach oben, hinauf zum Gipfel. Die Schlucht der schlechten Laune könnte kaum tiefer sein. Einerseits. Andererseits: Das Gebirge der guten Stimmung könnte kaum höher sein. Die schlechte Laune kommt aus dem Land. Die gute Stimmung versteckt sich noch im Camp des DFB-Teams, Hotel Tucher Park am Englischen Garten in München.

Der Frohsinn soll sich aus der Mannschaft in die Menschen schleichen, mindestens. Besser: Er soll wie eine Welle über sie hereinbrechen. Dienstagabend, 15. Juni 2021, 21 Uhr, Arena München: EM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft, früher mal der Deutschen ziemlich liebstes Kind, vom Manager Oliver Bierhoff im lauten Trommelwirbel einst zur „quasi vierten Macht im Staate“ überhöht. Inzwischen, ebenso zugespitzt: ein Gossenjunge. Aber einer, der sich dem Schicksal nicht ergeben will. Thomas Müller, Kanone des Entertainments, sagt: „Wir wollen Fußball-Deutschland wach machen.“ Sie werden ordentlich rütteln müssen. Die Leute sind eingedöst beim Zuschauen.

Hummels und Müller: erfahren bei Wind und Wetter

Der erste Gegner könnte monumentaler nicht sein: Frankreich, Weltmeister, der Mount Everest des Fußballs. Wer den bezwingt, kann die Wende schaffen. Noch dazu im eigenen Land. Einem Land, das sich nicht nur im Fußball weit weg von einer Atmosphäre des Aufbruchs bewegt. Einem Land, das aber gerade dabei ist, sich zu räkeln und von einer Pandemie zu erholen, die aus dem Nichts kam.

Ganz ähnlich erging es auch der „Mannschaft“: ohne Vorankündigung vom Weltmeister zum Gescheiterten. Ein falscher Schritt, abgestürzt aus der Steilwand, verletzt, verbunden, aber noch immer nicht genesen. Zwei alte Sherpas zurückgeholt: Mats Hummels und Thomas Müller. Sichere Kletterer, guter Orientierungssinn, erfahren bei Wind und Wetter.

Zum ersten Mal seit dem unvergesslichen Sommer 2006 spielt Deutschland bei einem großen Turnier wieder vor eigenem Publikum. Derselbe Schauplatz, München-Fröttmaning, Arena. Damals im Mai: volles Haus, ein Sommer voller Freude nach einem Frühjahr des Frusts, Philipp Lahm trifft gegen Costa Rica in den Winkel. Der Jubel rast durchs Land, eine Eruption. Es folgt: das Sommermärchen. Löw war damals schon dabei. Noch schmaler um die Brust und nahbarer im Umgang. Wie wird es diesmal?

Löw mit ungewohnter Rhetorik

„In die Herzen der Fans“, sagt Löws Assistent Marcus Sorg, „kommt man erst während eines Turniers.“ Sorg hat in erster Reihe mitbekommen, wie man sich aus diesen Herzen entfernt. Er war ja dabei 2018 in Russland und auch danach. Jahre der Entfremdung. Sorg sollte wissen, was los ist. „Wir wollen jetzt die Chance nutzen und mit attraktivem Fußball wieder Identifikation mit den Fans herstellen.“ Er erkenne im Team einen „großen Willen“ dazu.

Wir sind uns der Bedeutung bewusst, dass wir für unsere Nation alles abrufen werden, was in unserer Macht steht.

Joachim Löw

Den erkennt auch Löw. Und findet Worte, umhüllt von Pathos: „Wir sind uns der Bedeutung bewusst, dass wir für unsere Nation alles abrufen werden, was in unserer Macht steht.“ Und: „Wir wissen, dass wir durch die Hölle gehen müssen.“ Solche Rhetorik gab es früher nicht bei ihm. Als Fußballtrainer hat er das Spiel stets vom Platz her gedacht.

Schon weit vor Corona hatte sich die Mannschaft daran gemacht, die Stadien leerzuspielen. Ausvermarktet, überzüchtet, keine Kraft zum Turnaround, Verjüngung fehlgeschlagen. zu wenig Gefühl fürs Fußballvolk. Dann kamen die Zuschauersperren. Mancher Frust über den Profifußball wurde beim Nationalteam abgeladen. Der ganze Schutt auf Löw und seine Leute. Überdruss. Die Ergebnisse und Leistungen gerieten dementsprechend. Eine Frust-Frust-Situation.

Gegen Frankreich dürfen 14.000 dabei sein. Endlich wieder Fans. Im DFB-Lager hoffen sie auf eine Lust-Lust-Reaktion. „Die Spieler fiebern darauf hin, vor Zuschauern zu spielen“, sagt Sorg. „sie werden getragen von den Emotionen.“ So hat das 2006 prächtig funktioniert. Joachim Löw, längst nicht mehr geliebt, gerade noch geachtet, gibt sich 15 Jahre später sicher: „Wir werden ein Klasseturnier spielen.“ Er wirkt, als trage er den Optimismus auf seiner letzten Etappe nicht nur vor sich her, sondern tatsächlich in sich. Seit er weiß, dass er geht, scheint eine Last von ihm gefallen.

Man hat den Bundestrainer selten so entspannt erlebt wie in diesen Tagen vor dem Aufstieg ins Hochgebirge. Er lächelt die Schlucht, die sich ohne Netz und doppelten Boden unter ihnen auftut, einfach weg. Er sagt: „Wir wollen eine Mannschaft sehen, die vor Energie sprüht.“ Besser hätte das auch Jürgen Klinsmann, der ewig Optimistische, im Sommer 2006 auch nicht formulieren können. So viel deutet sich an: Auch 2021 wird das Wetter wieder gut. Wird es ein Fußball-Sommer des Erwachens?