Berlin - Als das deutsche Nationalteam im Vorfeld der WM 2010 erklärte, künftig in dunklen Auswärtstrikots spielen zu wollen, verkündete eine britische Boulevardzeitung die „Rückkehr der Schwarzhemden“ – also der Uniform früherer faschistischer Kampftruppen in ganz Europa und nicht zuletzt der SS. Sportartikelhersteller Adidas sei hier „einen Stechschritt zu weit gegangen“. Die Aufregung über den merkwürdigen NS-Vergleich war groß. Doch dass das irgendwie ein Witz sein sollte, musste auch dem Empörtesten klar sein.

Eine Dekade später ist Politisierung der Sporthemden wieder in vollem Gange, etwas ernst gemeinter, doch nicht unbedingt weniger obskur. Besonders gedrängt ist sie in der EM-Gruppe C zu beobachten: Zuerst sorgte hier die Ukraine für Unbill, weil sie ihre von den meisten Staaten anerkannten Landesgrenzen aufs Shirt druckte – inklusive der von Russland annektierten Krim. Umstritten waren die Jerseys aber vor allem, weil auf ihnen die Losung „Ruhm der Ukraine! Den Helden Ruhm“ angebracht war. Damit sagen sich zwar seit 2018 auch Militär und Polizei des Landes einen lieben Gruß – doch beliebt war die Formel schon in den 1930er-Jahren bei späteren NS-Kollaborateuren. Die Uefa verkündete deshalb das postheroische Zeitalter – der Satz „Den Helden Ruhm“ musste überklebt werden.

Das Corporate Design der Regierungspartei ÖVP

So weit ist es beim Gruppengegner Österreich noch nicht. Aber auch hier macht das Trikot Furore, jedenfalls das für auswärtige Partien: Das dort neben dem üblichen Schwarz neuerdings selbst im Wappen verwendete Türkis erinnert manchen an das neue Corporate Design der Regierungspartei ÖVP, die nicht nur beim optischen Auftritt von ihrem Vorsitzenden Sebastian Kurz einer gründlichen Umgestaltung unterzogen wurde.

Dass Kurz, zugleich österreichischer Kanzler, Ähnliches mit der gesamten Alpenrepublik vorhat, ist ein schon länger gärender Verdacht. Da schien ein ÖVP-Dress ins Bild zu passen. Kenner renommierter Grafik-Programme wie MS Paint haben zwar angedeutet, dass dem Outfit möglicherweise schlicht die Umkehrung der rot-weißen Nationalfarben zugrunde liegt. Ein Mitglied der österreichischen Sozialdemokraten, deren rote Parteifarbe ja bisher, wenn auch nur zufällig, auf Heim- wie Auswärtstrikots das Wappen schmückte, erkannte dagegen eine „zynische Vereinnahmung“.

Nun gibt es auch noch Trubel um das Dress von Nordmazedonien. Die Vorsilbe „Nord-“ führt das Land erst seit 2019 – nach dem Abschluss einer Vereinbarung mit Griechenland, dessen Region „Makedonien“ sich als alleinige Erbin des alten Namens betrachtet. Die Vereinbarung betrifft aber nicht den nordmazedonischen Fußballverband, der weiter als „Fudbalska Federacija na Makedonija“ firmiert – ganz ohne Nord. Bei der ersten EM-Teilnahme als eigenständiger Staat prangt entsprechend die Abkürzung FFM von den nordmazedonischen Trikots, was selbst den griechischen Außenminister mit der Bitte um Einnordung auf den Plan rief. Vergebens.

Bei den Niederlanden, immerhin, schließlich ist das politische Empörungspotenzial überschaubar. Die bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts verwendeten Farben des Hauses Oranien-Nassau könnten höchstens ab dem Achtelfinale ein Thema werden. Etwa, wenn die „Oranje“ dann gegen Spanien antreten sollte, von dem sich Teile der heutigen Niederlande – die Älteren erinnern sich – bekanntlich 1581 unabhängig und den Oranier Wilhelm I. zu ihrem Statthalter erklärten. Aber sich darüber heute noch zu echauffieren – das geht dann vielleicht doch „einen Stechschritt zu weit“.