Berlin - Pressekonferenzen mit Rob Page sind keine Taktikseminare. Statt öffentlich über Spielsysteme, Gegenpressing oder Anlaufverhalten zu referieren, spricht der walisische Fußball-Nationaltrainer mit entschlossenem Blick über Stolz, Teamgeist und die mitfiebernde Nation zu Hause vor dem Fernseher. Page erzählt von Kabinenansprachen, die „von Herzen“ kommen, berührt zur Betonung mit der Hand das Drachen-Wappen auf seiner Brust.

Bei seiner Mannschaft um ihren Star Gareth Bale kommt die emotionale Art des 46 Jahre alten Glatzkopfs mit dem markant-tätowierten rechten Arm offenbar an. Die Drachen stehen bei ihrer erst zweiten EM-Endrunde überhaupt schon wieder im Achtelfinale. Über den eigentlichen Nationaltrainer Ryan Giggs redet kaum noch jemand.

Unruhe ist in Wales einer Euphorie gewichen

Die Fußball-Legende, die eine Ära bei Manchester United prägte, muss sich Anfang kommenden Jahres in einem Gerichtsprozess wegen Körperverletzung verantworten. Dass Giggs deshalb bei der Europameisterschaft nicht dabei ist, hatte vor dem Turnier für mächtig Unruhe gesorgt. Diese ist längst der Euphorie gewichen.

Der eigentliche Assistent Page hat es geschafft, den Fokus seines Teams und der Öffentlichkeit auf das Sportliche zu lenken und die walisischen Stärken hervorzuheben. Zu denen gehören neben der individuellen Klasse von Bale und Zehner Aaron Ramsey vor allem Kampfgeist und Zusammenhalt. „Wer die Tore macht und wer den Assist gibt, ist egal: Wir feiern zusammen“, hatte Bale jüngst gesagt.

„Wir sind alle im selben Boot“, sagt Offensivspieler David Brooks – und auch ihm nimmt man den gelebten Gemeinschaftssinn ab. Der 23-Jährige ist auf Bales Position nur zweite Wahl, aber weit davon entfernt, sich über seinen Status als Ergänzungsspieler zu beschweren. Stattdessen erzählt er von einem Ritual im Trainingscamp, das die aktuelle Stimmung unter Page zwischen Ehrgeiz und Lockerheit gut wiedergibt: Kommt ein Spieler im Mannschaftsquartier zu einem angesetzten Termin zu spät, dann muss er singen. Für die Zuhörer ist das nicht immer ein Genuss, deutet Brooks an und lacht.

Page lässt sich nicht nur bei Ansprachen von seinen Gefühlen leiten, sondern mitunter auch an der Seitenlinie. Im dritten EM-Spiel gegen Italien wollte er den gelb-vorbelasteten Stoßstürmer Kieffer Moore eigentlich schonen. Als Wales zurücklag und dann auch noch eine Rote Karte verkraften musste, wechselte er den 28-Jährigen zur Entlastung der Mitspieler doch ein und erklärte: „Mein Herz hat meinen Kopf überstimmt.“

Dass Page die erfolgreiche Arbeit seines prominenten Chefs und Freundes Giggs nahtlos und erfolgreich fortführt, liegt aber natürlich nicht nur an seiner emotionalen und motivierenden Art. Es liegt auch daran, dass der bis dato eher unbekannte Coach nicht versucht hat, Aufstellung oder Taktik seiner Mannschaft komplett zu verändern. Das Team wirkt eingespielt, jeder weiß genau, was er zu tun hat.

Dänemark ist der große Sympathieträger

Und so träumen die Fans, die bei der EM in Corona-Zeiten größtenteils zum Fernsehschauen verdammt sind, schon wieder von einer ähnlichen Sensation wie vor fünf Jahren. Damals schieden die Drachen in Frankreich erst im Halbfinale gegen den späteren Europameister Portugal aus. Nun geht es am Sonnabend in der Runde der besten 16 in Amsterdam gegen Dänemark (18 Uhr/ARD und Magenta TV).

Das Team von Trainer Kasper Hjulmand ist nach dem Herzstillstand und der Wiederbelebung von Spielmacher Christian Eriksen sowie Fußballfesten in den darauffolgenden Partien längst der große Sympathieträger des Turniers. Auch sportlich sind die Dänen leicht favorisiert. Dennoch blickt Page zuversichtlich Richtung Achtelfinale. Er macht das mit zwei Sätzen, die seine Herangehensweise an die EM nicht besser beschreiben könnten: „Der Charakter, den wir in der Kabine haben, ist phänomenal. Unterschätze nicht den Charakter eines Walisers.“