Berlin - Der genervte Sportjournalist Alex Steudel hat dieser Tage einen offenen Brief mit sechs Vorschlägen an den Bundestrainer verfasst. Ganz oben im Forderungskatalog des ehemaligen Welt-Reporters: Joachim Löw möge Mats Hummels austauschen, denn: „Ich halt das Gekrieche nicht mehr aus. Wenn ich auf Vorspulen drücke, ist Hummels fast so schnell wie der gegnerische Trainer.“

Das ist böse formuliert. Aber es fasst in beißender Häme einige Eindrücke der ersten drei EM-Auftritte des Rückkehrers zusammen. Jedoch längst nicht alle: Unterschlagen wird von Kritiker Steudel Hummels’ Bedeutung im Strafraum-Getümmel. Unterschlagen wird auch der Beitrag des 32-Jährigen im Aufbauspiel. Und unterschlagen wird zudem die Kraft seiner Persönlichkeit. Die gilt allerdings als umstritten. Hummels weiß das und hält sich deshalb zurück.

Joachim Löw seinerseits wusste sehr genau, wen er warum vor zwei Jahren aussortierte, und er weiß deshalb natürlich auch, wen er zurückgeholt hat. Wo Hummels draufsteht, ist auch Hummels drin.

Bei Mats Hummels gibt es wenig Zufall

Es ist kein Zufall, dass es beim 2:2 gegen Ungarn ein Hummels-Kopfball war, der nach einem Eckball gegen den Pfosten des ungarischen Tors krachte. Und es ist kein Zufall, dass der Mann für viele Gelegenheiten auch vorm 1:1 durch Kai Havertz den Kopf am Ball hatte. Seine Antizipation in der Vorwärtsverteidigung ist meist gut. Bei beiden ungarischen Gegentreffern war Hummels allerdings nicht auf der Höhe des Geschehens. Urteil: Mitschuldig! Das sprach auch TV-Experte Bastian Schweinsteiger nach Hummels’ Eigentor im Auftaktspiel gegen Frankreich aus. Der Kritisierte hat sich darüber sehr geärgert. Der Bundestrainer stand dabei an seiner Seite.

Mats Hummels muss nicht fürchten, dass er – wie weiland der verdutzte Per Mertesacker nach dem WM-Achtelfinale 2014 – von Löw zum Ersatzmann degradiert wird. Dazu gibt es ehrlicherweise auch keinen Anlass. Die Probleme des Dortmunder Abwehrchefs in Sprintduellen sind keine Neuigkeit, er kompensiert sie meist mit geschickter Vororientierung. Am Dienstag (18 Uhr) in London dürfte er ein perfektes Passepartout zu Englands Mittelstürmer Harry Kane geben. Beide groß gewachsen, kopfballstark, körperlich gut beieinander, technisch begabt, aber nicht die Schnellsten. Sprintduelle gegen Raheem Sterling oder Phil Foden sind dagegen tunlichst zu vermeiden. Hummels weiß schnelle Leute an seiner Seite, wenngleich die Abstimmung mit Matthias Ginter und Antonio Rüdiger Mängel offenbart. Fünf Gegentreffer in drei EM-Spielen dokumentieren, dass der Defensivplan des Bundestrainers gravierende Mängel offenbart. Gerade Hummels fühlt sich in einer Viererkette wohler.

Die gab es aber schon erfolglos vor drei Jahren in Russland. Im WM-Vorbereitungscamp in Südtirol hatte Hummels seinerzeit für Irritationen unter den jüngeren Spielern gesorgt. Er hatte das Gefühl, die Jugend würde sich allzu forsch randrängeln. Die Quintessenz seiner Ausführungen: „Früher durften die Jungs nicht einmal auf die Massagebank, wenn ein anderer einen Termin hatte.“ Das klang verdächtig nach einem Generationenkonflikt. Es hat dann ja auch nicht gestimmt im Team zwischen Jung und Alt, auch deshalb, weil die Alten zu wenig Leistung brachten und die Jungen sich vom Trainer vernachlässigt fühlten. Löw hat retardiert reagiert im Frühjahr 2019, als er Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller vermeintlich unwiderruflich in den Status von Ex-Nationalspielern überführte.

Danach lieferten die Jungen nicht wie erhofft. Deshalb ist Hummels wieder da. Generationenkritik verkneift er sich diesmal, er hat ja kapiert, dass manchen sein Führungsstil auf die Nerven ging. Inzwischen erwähnt er ausdrücklich, dass er im Vergleich zu 2018 ein „deutlich, deutlich besseres Gefühl“ habe, was Leistungsbereitschaft und Gruppendynamik angehe.

Thomas Müller und Joshua Kimmich sind die Lautsprecher

Die Rolle der Lautsprecher überlässt er den Kollegen Kimmich und Müller: „Wenn ich merke, Joshua und Thomas sind laut und haben die Sache im Griff, muss ich nicht auch noch laut werden, nur um etwas zu sagen.“ Was keinesfalls bedeuten dürfe, Konflikten bewusst aus dem Weg zu gehen. „Es wäre nicht leistungsfördernd, wenn sich alle gut verstehen und auf dem Platz nicht mehr kritisieren.“ Viele Spieler in der Mannschaft seien sich dessen bewusst.

Viele seine Kollegen seien sich zudem bewusst, dass sie „durch Social Media noch mehr Einfluss“ bei gesellschaftlichen Fragen nehmen können. „Wir können glücklich sein, wie viele unserer Jungs über den Tellerrand hinausschauen.“ Hummels selbst gehört dazu. Er prangert das Verhalten von deutschen Hooligans beim Länderspiel in Prag 2017 an, er spendet ein Prozent seines Gehalts für soziale Zwecke in der Initiative „Common Goal“ und engagiert sich in der Robert-Enke-Stiftung. Vor dem Spiel gegen Ungarn präsentierte er sich bei der Pressekonferenz in einem kunterbunten T-Shirt als Ausdruck seines Einsatzes für Vielfalt, denn: „Auch kleine Zeichen sind ein Schritt in die richtige Richtung.“

Derzeit kneift ihn allerdings ständig das linke Knie, eine hartnäckige Patellasehnen-Entzündung ist schuld, das Knie wird vor jeder Belastung getaped. Die Schmerzen, sagt der Abwehrspieler, seien „noch zu tolerieren“. Mats Hummels ist guter Dinge, dass sein Körper noch lange mitmacht. WM 2022, EM 2024 – alles denkbar. So einer wie der italienische Abwehrboss Giorgio Chiellini hat es ihm angetan. Chiellini wird im August 37.