Seefeld - Wuchtiger Aufschlag, Grundschläge wie Peitschenhiebe und am Netz schier unüberwindbare 193 Zentimeter.  Schwer beeindruckt haben die Teamkollegen von Manuel Neuer am vorletzten Tag des Trainingscamps in Seefeld immer wieder rüber zum Nebenplatz geschielt. Dort präsentierte sich der deutsche Nationaltorwart im Tennismatch gegen Jonas Hofmann „sehr nah an Profilevel“, wie Ersatzkeeper Bernd Leno hochachtungsvoll festgestellt hat. Montagabend (20.45/RTL) im letzten EM-Test gegen Lettland in Düsseldorf wird Neuer sein 100. Länderspiel absolvieren. Vorher gibt es eine Ehrennadel.

Neuer setzte sich bei der WM 2014 ein Denkmal für die Ewigkeit

Der Klub der Hunderter füllt sich also weiter. Die „goldene Generation“ der Weltmeister 2014 hat so viele Mitglieder hervorgebracht wie keine Epoche davor: Miroslav Klose (137), Lukas Podolski (130), Bastian Schweinsteiger (121), Philipp Lahm (113), Per Mertesacker (104), Thomas Müller (101). Manuel Neuer steht nach 99 Einsätzen für Deutschland am Eingang dieser Halle der Helden. Und wenn nicht alles täuscht, wird der mit internationalen Auszeichnungen hochdekorierte 35-Jährige noch etliche Länderspiele obendrauf packen.

Verteidiger Mats Hummels hegt nicht den Hauch eines Zweifels: „Manu ist der beste Torwart, den ich je erlebt habe. Er ist der Beste, der jemals zwischen den Pfosten irgendwo auf der Welt stand.“ Die historische Einordnung dürfte noch nicht einmal übertrieben sein. Denn Neuer hat den Torwart aus dem Strafraum befördert und auf ein Niveau getrieben, das der Fußball vorher so nicht kannte. Im WM-Achtelfinale 2014 gegen Algerien wurde „Manu, der Libero“ hinter einer überforderten deutschen Abwehr zum Helden und setzte sich bei seiner zweiten Weltmeisterschaft ein Denkmal für die Ewigkeit.

Dass er bei der WM 2010 schon Stammtorwart sein würde, hatte der seinerzeit noch milchgesichtige Ur-Schalker ein dreiviertel Jahr zuvor nicht erwarten können. Robert Enke war im Spätsommer 2009 die deutsche Nummer eins, ehe er sich im September krankheitsbedingt von der Nationalmannschaft abmeldete. Im Oktober stand deshalb René Adler im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel in Russland im Tor und hielt überragend. Am 10. November 2009 nahm sich Enke das Leben. Im April 2010 erlitt Adler einen Rippenbruch und musste die WM absagen. Neuer wurde zur neuen Nummer eins.

Eine „absolute Respektsperson“

Und er blieb es auch, inzwischen zum Welttorhüter gekürt, nachdem er zwischen Oktober 2016 und Mai 2018 wegen eines schweren Bruchs des linken Mittelfußes und drei Operationen im DFB-Team aussetzen musste. Für Joachim Löw gab es nie Zweifel, dass er seinem 2016 zum Kapitän beförderten Keeper weiter vertrauen würde. „Schon bei Manuels ersten Auftreten bei uns war zu spüren, dass er mal ein ganz Großer in der Welt wird“, sagt der Bundestrainer rückblickend. Er habe gar das Gefühl, die „absolute Respektsperson“ Neuer würde „immer noch besser und besser“. Das bestätigt Leno: „Manu ist gefühlt 25. Er ist noch immer blitzschnell und hat einen unglaublichen Instinkt.“ Leno findet Neuer „jeden Tag beeindruckend“.

Auch wenn die EM 2021 gespielt sein wird, trägt sich der Jubilar nicht mit Gedanken, aus dem DFB-Team zurückzutreten. „Wenn mein Körper sagt, es geht weiter, dann geht es weiter. Ich fühle mich fit und habe nicht vor, meine Nationalmannschaftskarriere zu beenden.“ Torwarttrainer Andreas Köpke, der Neuer bei jedem Länderspiel seit dessen Debüt im Juni 2009 in Dubai beim 7:2 gegen die Vereinigten Arabischen Emirate begleitet hat, glaubt, der Bayern-Torwart könne noch „sehr, sehr lange auf hohem Niveau spielen“. Denn: „Manu hat seine Ernährung umgestellt, er ist noch mehr im Kraftraum als früher, weil er weiß: Explosivität und Beweglichkeit sind im gewissen Alter noch mehr gefragt.“

Manuel Neuer hatte immer Torwart werden wollen. Aufgewachsen in Gelsenkirchen-Buer im Schatten des alten Parkstadions, hütete er schon als Sechsjähriger bald das Tor von Schalke 04. Beim ersten Hallenturnier waren gleich Tränen geflossen. „Da habe ich ein Gegentor reinbekommen und angefangen zu heulen“, erzählte er mal in einem Interview, „mein Vater stand hinterm Tor und hat mich gecoacht. Und als der Ball vorne war, hat er mich in die Mitte des Tores gestellt und meine Hände nach vorn gehalten – so habe ich dann dagestanden.“

Auf der schwarzen Asche des Ruhrgebiets hielt der Steppke „Bälle mit Nähten, aus denen dann auch mal die Blase rauskam. Die Abdrücke am Oberschenkel haben immer besonders weh getan“. Er habe sich die Beine regelmäßig aufgerissen, „es war fast immer alles offen an der Seite“. Und weil die Pässe und Schüsse auf dem harten Untergrund immer so hoch absprangen und er noch so klein war, habe er sich angewöhnt, früh aus dem Tor und so an den Ball zu kommen, ehe dieser unerreichbar über ihn hinweg ins Netz fiel. Es sollte die Geburtsstunde eines revolutionären Torwartspiels werden. Und der Auftakt zu einer Weltkarriere.