Berlin - Dass die Durchführung der ersten paneuropäischen Europameisterschaft in Corona-Zeiten zum Ritt auf der Rasierklinge wird, weiß die Europäische Fußball-Union (UEFA) schon länger. Und doch bekam sie dies wenige Tage vor Turnierstart nochmals deutlich vor Augen geführt. Positive Coronafälle wie der des spanischen Kapitäns Sergio Busquets oder die drohende Quarantäne für Titelverteidiger Portugal sind aber nur ein Teil der außergewöhnlichen Herausforderungen, die dieses Turnier während der Pandemie bereithält.

Kreativität und Flexibilität sind gefragt

Das Coronavirus schwebt trotz aller Sicherheits- und Hygienemaßnahmen wie ein Damoklesschwert über der EM, von der UEFA und den Teams sind höchste Kreativität und Flexibilität gefragt – und doch bleiben Fragezeichen.

„Es wird vielleicht nicht die beste Elf gewinnen“, prophezeite Hertha-Sportgeschäftsführer Fredi Bobic bei Magenta TV: „Du lebst in deiner eigenen Bubble, das wird eine große psychische Belastung. Wer damit am besten klarkommt, wird am besten durch das Turnier kommen.“

Das komplett abgeschottete Leben in einer Blase ist dabei längst nicht die einzige neue Aufgabe für die Spieler, die Vorgaben im sogenannten „Return to Play Protocol“ sind streng – bloß nicht infizieren lautet das Motto. Denn das könnte gravierende Folgen haben, wie das Beispiel Busquets zeigt.

Dessen positiver Coronatest vom Sonntag betrifft nicht nur das eigene Team, sondern offenbar auch Deutschlands Gruppengegner Portugal. Da der Titelverteidiger um Superstar Cristiano Ronaldo am Freitag einen Test gegen Spanien bestritt, droht wenige Tage vor Turnierstart eine Quarantäne. Dies meldete die spanische Tageszeitung AS am Montag, eine offizielle Bestätigung gab es zunächst aber nicht.

Mannschaftsquarantäne wäre Horrorszenario

Eine Mannschaftsquarantäne während des Turniers wäre ein Horrorszenario – denn dann droht gar eine Niederlage am grünen Tisch. Gemäß UEFA-Regularien müssen einer Mannschaft zur Durchführung einer Partie mindestens 13 Spieler einschließlich eines Torwarts zur Verfügung stehen. Ist dies aufgrund von Quarantänemaßnahmen nicht der Fall, kann eine Begegnung um bis zu 48 Stunden nach hinten verschoben werden. Hat eine Nation auch dann keine spielfähige Mannschaft, verliert sie die Partie am grünen Tisch mit 0:3.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, hat die UEFA im Vorfeld aber schon einige Maßnahmen ergriffen. So gilt eine Quarantäne-Anordnung beispielsweise genauso als triftiger Grund, um einen Spieler vor der ersten Turnierpartie auszutauschen, wie eine eigene Erkrankung oder Verletzung.

Ein Torhüter darf laut angepasstem Regelwerk sogar während der kompletten Europameisterschaft ersetzt werden. Und generell können die Nationaltrainer schonmal gleich 26 statt 23 Spieler mit zur EM nehmen.

Aus Sicht von Löw „eine vernünftige Entscheidung“, auch in den meisten anderen Ländern fand die Anpassung Anklang. Gerade weil die in elf Ländern ausgetragene EM eine immense Belastung und enorme Reisestrapazen mit sich bringen. Die Schweiz beispielsweise könnte zum Reisemeister werden, bei Platz zwei in der Gruppenphase müssten die Eidgenossen bis zum Finale satte 17.484 Kilometer zurücklegen.

Flickenteppich in Sachen Impfung

Ob alle Reisen reibungslos durchgeführt werden können, steht dabei noch in den Sternen. Vor allem die Verbreitung der indischen Corona-Mutante in Großbritannien bereitet Sorgen. In Deutschland, wo am Spielort München drei Gruppenspiele und ein Viertelfinale ausgetragen werden, gelten beispielsweise strikte Quarantäneregelungen für Einreisende von der Insel.

In Sachen Impfung gibt es derweil einen Flickenteppich. Während der DFB und einige weitere Nationen auf eine geschlossene Impfung verzichteten, impften unter anderem Belgien, Italien oder Polen ihre Kader in einer zentralisierten Maßnahme komplett durch. Erleichterungen in Sachen Corona-Maßnahmen bringt das allerdings nicht. Auch Durchgeimpfte müssen sich genauso mindestens alle vier Tage testen lassen und an die Hygienevorgaben halten wie die anderen.

Es wird unbestritten eine außergewöhnliche EM – und zwar für alle.