Berlin - Ach, herrlich, endlich wieder mal Turnierzeit. Vier Wochen lang wissen, was zu tun ist, wenn nichts mehr zu tun ist, vier Wochen Fußball-Blase. Sessel, Fernseher, Konzentration, gletschereiskalte Getränke in Reichweite. Kann grad leider nicht, schaue das fünfeinhalbte Vorrundenspiel von links, ist wichtig, Ruhe bitte, da bin ich strikt, Rudelbildung auf dem Sofa ist mir ein Graus. Freiwillige Isolation, nahtloser Übergang aus der stillen Pandemie in die stille Euphorie.

Ob EM oder WM – eine Meisterschaft ist gut fürs Gefühl, meins jedenfalls, sie bringt Aufregung und Frohsinn einerseits, Struktur, Halt, Geborgenheit andererseits. Drei Spiele pro Tag, 15, 18, 21 Uhr, oft reicht es nur für den späten Anpfiff, aber egal, die Verabredung steht.

Béla Réthy atmet tüchtig und laut

Und da sind sie dann wieder, die alten Bekannten auf dem Feld, am Spielfeldrand, in den Studios. Willkommen, willkommen, auch mal wieder da. Béla Réthy zum Beispiel, der Rumpel-Kommentator mit der Reibeisen-Stimme, der am Dienstagabend während des Deutschland-Frankreich-Spiels bewies, dass er in Alter-Dackel-Manier recht tüchtig ins Mikrofon atmen kann. Oder Bastian Schweinsteiger, formerly known als Schweini, der, inzwischen 36, großonkelig im beigen Leinen-Dreiteiler herumsteht, als wäre er einem Tschechow-Stück entsprungen, und sonnig den Verlauf kommender Halbzeiten prognostiziert. Ist sein Haar noch silbriger geworden? Schnell gegoogelt, oh, die Frage stellte sich „das Netz“, wie man so putzig sagt, schon beim letzten Turnier. Ein Mann wird silberhaarig, eine Frau wird vergesslich. Die Antwort lautet: liegt in der Familie, auch Vater Schweinsteiger ergraute früh.

Apropos altern. Oder besser: jünger werden. Am Eröffnungsabend noch war ich irritiert. Euro 2020, so heißt offiziell dieses Turnier, das unter Fans, die rechnen können, eher EM genannt und zwar mit dem korrekten Jahreszahl-Zusatz 21. Euro 2020 ist jetzt ausdauernd zu lesen oben rechts auf dem TV-Bildschirm und auch immer dann, wenn die Regie uns mal wieder die Mittellinie entlangschauen lässt und die Anzeigetafel hinter der Seitenlinie gegenüber zeigt. Immer wieder Euro 2020. Eine neue Methode der Psycho-Folter?

Ich hätte wissen können, warum das so ist. Schon im März 2020, als die Uefa die pandemiebedingte Verlegung der Europameisterschaft verkündete, hatte man mitgeteilt, dass die Euro 2020 auch 2021 Euro 2020 heißen werde, weil man so besser den 60. Geburtstag des Turniers, das 1960 erstmalig stattfand, feiern könne. Und der Marketing-Titel Euro 2020 diene, so die Uefa, zudem „für immer als Erinnerung an die geschlossene Reaktion der Fußballfamilie auf die außerordentlichen Umstände der Covid-19-Pandemie und die schwierige Situation, mit der Europa und die Welt im Jahr 2020 konfrontiert waren“. Okay, darauf muss man erst einmal kommen.

Allerdings ist es auch so, dass im Frühjahr 2020 schon Fanartikel im Zeichen der Euro 2020 produziert waren. Und natürlich gab es, wie ich las, auch Sponsorenverträge, an die man offenbar nicht rühren wollte.

Ich bleibe stockkonservativ und kalenderkonform und sage: EM 21. Und genieße inzwischen die allabendliche Zeitreise zurück in einen Sommer, in dem ich ein Jahr jünger war und vier Kilo leichter. Fühlt sich gut an.