Berlin - „Exklusive Sammelfiguren“ waren im Supermarkt meines Vertrauens angekündigt. Das klang vielversprechend, ein wenig nach meiner Kindheit, als in jedem siebten Ei ein Happy Hippo steckte und die Freude riesig war, wenn wieder ein neues Nilpferd zur Sammlung dazukam. Mir erschienen die Hippos sehr hochwertig damals, als Ost-Kind kurz nach der Wende. Sicher würden die „exklusiven Sammelfiguren“ zur Fußball-Europameisterschaft nun auch das Herz meines Kindes erfreuen. Doch an der Kasse war die Enttäuschung groß – hinter den Figuren verbargen sich blöde dreinblickende, runde Plastemännchen mit Saugfuß, angemalt mit den Flaggen der 24 teilnehmenden Nationen. Was man damit anstellen soll, wo der Spaß an der Sache ist, das erschloss sich weder mir noch dem Kleinkind.

Die Kassiererin aber packt je 15 Euro Einkaufswert ungefragt einen der „Soccer Kickers“ aufs Band. Wir haben bislang folgende Mannschaft beisammen: viermal Portugal und Polen, dreimal Wales, Italien, Schweden und Belgien, zweimal Spanien, Frankreich, Ukraine, Türkei und die Schweiz, einmal die Niederlande, Österreich, Tschechien, Kroatien, Finnland, England und Russland. Bis zur ersten deutschen Figur dauerte es fünf Wocheneinkäufe, Dänemark, Ungarn, die Slowakei, Schottland und Nordmazedonien sind überhaupt noch nicht aufgetaucht. Um alle Mannschaften in gleicher Stärke auf einem wie auch immer gearteten Platz zu versammeln, müssten wir wahrscheinlich einen Lebensmitteleinkauf im Wert von 10.000 Euro tätigen.

Na toll: Tribüne und Bälle kosten extra

Zusätzlich, das erfahren wir im Begleitheft der Aktion, müssen wir eine Kollektor-Box mit Tribüne, Spielfeld, Bällen und Toren erwerben, damit wir überhaupt spielen können. Beim genaueren Blick auf die Figuren – sie sind alle weiß, die Schweden und die Deutschen haben blonde Haare, Türken und Spanier tragen einen Bart – frage ich mich eher, ob das ein Scherz sein soll. Das Kind hat derweil die Figuren in den hintersten Teil des Schrankes geschoben. „Die sind blöd“, lautet sein Urteil.

Ich bin ein bisschen neidisch auf die Menschen, die beim Konkurrenz-Supermarkt einkaufen. Die bekommen bei ihrer Sammelaktion Panini-Sticker. Panini verhält sich zu den „Soccer Kickers“ wie Champagner zu Asti Cinzano. Wir sprechen von großen Traditionen: Das erste Panini-Sammelalbum wurde 1961 herausgegeben, die Brüder Panini produzierten die ersten Päckchen mit den Sammelbildern in Hand- und Heimarbeit. Zum Mischen der Bilder nutzten sie ein Butterfass. In den Siebzigern erfand Umberto Panini eine automatische Verpackungsmaschine namens Fifimatic, die sicherstellte, dass in einem Päckchen keine Dubletten vorkommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die „Soccer Kickers“-Hersteller jemals mit einem Butterfass oder der Fifimatic herumexperimentiert haben.

Unzufrieden mit meinen Einkaufsmöglichkeiten öffne ich eine Tafel Schokolade. Heraus fällt ein Sticker mit einem Kinderbild von Joshua Kimmich. Was für eine hübsche Idee, denke ich. Und die Schokolade gibt es in meinem Supermarkt. Wie versöhnlich: Zwar werde ich am Ende des Turniers zehn Kilo mehr wiegen, aber dafür weiß ich dann, wie die komplette deutsche Mannschaft früher mal ausgesehen hat.