Berlin/London - Was hat der italienische Fußball doch für großartige Schauspieler hervorgebracht. Man erinnere sich nur an Roberto Boninsegna, der bis heute Stein und Bein schwört, dass er am 20. Oktober 1971 beim Achtelfinal-Hinspiel des Landesmeister-Wettbewerbs zwischen Borussia Mönchengladbach und Inter Mailand auf dem Bökelberg von einer Cola-Dose, die ein bis heute nicht identifizierter Zuschauer aufs Feld geworfen hatte, tatsächlich in die Bewusstlosigkeit befördert wurde. Die Mönchengladbacher, die damals zugegen waren, schwören hingegen bis heute Stein und Bein, dass Boninsegna seine Ohnmacht nur vorgetäuscht habe, um einen Spielabbruch herbeizuführen. Fakt ist, dass das 7:1 der Borussen gegen den italienischen Meister nach einer Prüfung durch die Uefa nichts mehr wert war, es gab ein Wiederholungsspiel in Berlin, das 0:0 endete, das Rückspiel konnte Inter mit 2:1 für sich entscheiden. Der Vorfall ist unter dem Titel „Partita della Lattina“, das Büchsenspiel, in die Geschichte des Fußballs eingegangen.

Einen ähnlichen Hang zur Theatralik scheint auch Ciro Immobile in sich zu tragen, wie in der Nachbereitung des EM-Viertelfinals zwischen Italien und Belgien offenkundig wurde. Wobei der Angreifer von Lazio Rom zum einen das Pech hatte, dass im Gegensatz zu Boninsegna nicht nur ein paar wacklige, sondern eindeutige, von einer Extra-Kamera eingefangene Bilder von seinem Versuch der Schwindelei künden. Zum anderen machte er den Fehler, die Sache nicht konsequent durchzuziehen.

Alan Shearer hat kein Erbarmen

Das alles noch mal im Schnelldurchlauf: Nach einem Zweikampf und einem Kontakt mit Belgiens Jan Vertonghen sank der Angreifer von Lazio Rom zu Boden, wälzte sich vor gespieltem Schmerz bäuchlings hin und her, forderte einen Elfmeter, bekam aber auch mit, dass seine Teamkollegen den Angriff sogleich wiederbelebten und Nicolo Barella schließlich für die Squadra Azzurra zum 1:0 vollendete. Flugs war Immobile wieder auf den Beinen, eilte zur italienischen Jubeltraube. Alan Shearer, die englische Stürmer-Legende, wetterte daraufhin: „Ich möchte nicht einmal darüber lachen, weil es erbärmlich war. Sie können sehen, wie er den Schiedsrichter ansieht, noch bevor er merkt, was passiert ist. Erbärmlich und peinlich, das ist es.“

Die Folge: Beim Halbfinale am Dienstagabend im Wembley-Stadion gegen Spanien (21 Uhr, ARD und MagentaTV) werden nicht alle, aber viele Augen auf Immobile gerichtet sein, auf den Falschspieler, der etwas getan hat, was diese famosen Italiener doch gar nicht nötig haben, ja in einem starken Kontrast zu den Auftritten der Azzurri bei dieser EM steht. Der zudem zu verantworten hat, dass Schiedsrichter Felix Brych im Zweifel wohl eher gegen ihn und damit auch gegen Italien entscheiden wird. Wenngleich sein Akt, auch das muss an dieser Stelle noch einmal betont werden, auch nicht verwerflicher war als das, was andere und nicht nur italienische Fußballspieler zur Täuschung des Schiedsrichters gern mal zur Aufführung bringen.

Kritik an Jürgen Klopp und den Teamkollegen

Die Nummer passt allerdings auch irgendwie in das Bild, das man von Ciro Immobile in den vergangenen Jahren gewonnen hat. Der 31-Jährige, ausgebildet bei Sorrento Calcio und Juventus Turin, ist ein guter Stürmer, der über eine gute Schusstechnik verfügt und beweglicher ist, als sein Familienname vermuten lässt. Er erweckt mit seinem Werdegang aber auch den Eindruck, dass er kein ganzer Kerl ist, dass er mit Widerständen nicht klarkommt und deswegen während seiner Karriere wiederholt auf einen frühen Abschied drängte.

Das war bei Borussia Dortmund, seiner ersten Station im Ausland, der Fall, wo er sich als Nachfolger des zum FC Bayern abgewanderten Robert Lewandowski einbringen sollte, aber weder zur sportlichen noch zwischenmenschlichen Integration fähig war. Jahre später klagte er über den Fußball in der Bundesliga („Wenig Taktik, wenig Fitnessraum. Alles war auf die Ausdauer ausgerichtet“), über die Arbeit seines damaligen Trainers Jürgen Klopp („Im taktischen Bereich haben wir nicht viel gearbeitet“), schließlich auch über seine damaligen Kollegen („Die Deutschen sind kalt, da kann man nichts machen. In den acht Monaten, seit denen ich hier bin, hat mich keiner zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen“).

Immobile stellt den Torrekord ein

Noch einmal versuchte er sich in der Fremde, beim FC Sevilla, kehrte nach einem fünfmonatigen Intermezzo in der Primera División aber nach Italien zurück. Zunächst zum FC Turin, bevor er im Sommer 2016 für eine Ablöse in Höhe von gerade mal zehn Millionen Euro zu Lazio in die italienische Hauptstadt wechselte.

Gemäß dem Sprichwort „Lieber König im Dorf als Bettler in der Stadt“ fand er hier endlich das Umfeld, die Anerkennung, um mit konstant guten Leistungen endlich auch den Erwartungen der Fans gerecht werden zu können. In der Saison 2019/20 stellte er mit 36 Treffern in 37 Spielen sogar den Serie-A-Torrekord von Gonzalo Higuaín ein, wurde dafür auch mit dem Goldenen Schuh für Europas besten Torschützen ausgezeichnet. Immobile kommentierte dies wie folgt: „Träume werden doch wahr. Ich bin richtig stolz auf das, was ich erreicht habe - besonders, wenn ich zurückblicke, wo ich hergekommen bin. Ich bin auch stolz, für immer einen Platz in der Geschichte dieses Sports zu haben.“

Nun stellt sich die Frage, als was man ihn nach dieser Europameisterschaft im Sinn haben wird. Als einen Schauspieler? Oder als denjenigen, der Italien ins Finale, vielleicht sogar zum Titel geschossen hat. Nationalcoach Robert Mancini ist sich dahingehend sicher, er sagt: „Es kann bei einem Turnier immer passieren, dass derjenige, der am meisten kritisiert wird, das Spiel oder das Turnier entscheidet.“