Berlin - Selbst schuld, wer sich darauf nicht einlassen will. Wer sich von dieser Europameisterschaft nicht begeistern lassen will, weil er sich in seinem Urteil über den Profifußball festgelegt hat, dessen Kommerzialisierung und einen damit einhergehenden Kulturverlust beklagt oder ob Dauerpräsenz eben einfach nur übersättigt ist. Diese Haltung beziehungsweise Reaktion ist ja durchaus nachvollziehbar, doch wer in diesen Tagen nicht den besten Profis Europas beim Wetteifern um den wunderschönen Henri-Delaunay-Pokal zuguckt, verpasst etwas. 

Die erste Turnierwoche hat in vielerlei Hinsicht Fabelhaftes und Nahegehendes gebracht. Die Spiele waren sportlich ansprechend, von erstaunlicher Intensität geprägt, zumindest die meisten. Was die These bestätigt, wonach man als Mannschaft bei einer Europameisterschaft im Gegensatz zu einer Weltmeisterschaft vom ersten Tag an sein Bestes bringen muss, um nicht früh zu scheitern. Beziehungsweise, dass es noch komplizierter ist, eine EM denn eine WM zu gewinnen.

Die Stars trotzen im Nationaltrikot ihrer Müdigkeit

Da war manches so flüssig und taktisch so anspruchsvoll wie im Vereinsfußball auf höchster Ebene, was durchaus bemerkenswert ist, weil Nationalmannschaftsfußball ja gern mal etwas schlicht und kantig und nicht ganz so temporeich ist – und das nicht nur bei eher mittelmäßig besetzten Teams. Spieler, die in der vergangenen Saison in ihren Klubs zum Teil 50 Partien und mehr bestritten haben, trotzen in der Verlängerung einer von der Corona-Pandemie gezeichneten Spielzeit ihrer Müdigkeit. Das Nationaltrikot macht's möglich, aber eben nicht nur das.

Es macht eben etwas aus einem, wenn nach einem Jahr der Geisterspiele wieder Zuschauer im Stadion sind. Wenn man für seine Aktion sogleich ein Feedback erfährt. Oder wenn man sich bei einem Torerfolg, begleitet von den Teamkollegen, einfach mal wieder gehen lassen kann und dabei nicht auf die Regeln eines Hygienekonzepts achten muss. Bei dieser Europameisterschaft wird allen bewusst, was in den vergangenen Monaten – und das nicht nur im Fußball – gefehlt hat: das Glück der Interaktion.

Die Italiener nutzen diese Energie zu ihrem Vorteil

Die italienischen Nationalspieler nutzen diese Energie zu ihrem Vorteil, feiern in Rom ihre sportliche Wiederauferstehung, intonieren im Mannschaftbus den von Gianna Nannini und Edoardo Bennato für die WM 1990 aufgenommenen Song „Un' estate Italiana“, in dem es um Kindheitsträume, magische Nächte, das nächste Abenteuer und ein unschlagbares „Wir“ geht. Der Österreicher Michael Gregoritsch kann nach seinem EM-Debüt und seinem Treffer zum 2:1 gegen Nordmazedonien nicht mehr an sich halten, heult vor Rührung. 

Das ist beste Unterhaltung, weil da nichts aus der Konserve kommt, nichts im Sinne einer störungsfreien Show zusammengeschnitten wird. Das ist Echtzeit-Fernsehen und für den einen oder anderen, der an ein Ticket gekommen ist, ein unschlagbares Echtzeit-Erlebnis. Das gilt auch für das Drama um Christian Eriksen. Kollabiert. Per Herzmassage gerettet. Auf dem Weg der Besserung. Nicht auszudenken, wenn der Däne im Stadion sein Leben gelassen hätte, wenn sich dieses Fest durch einen Todesfall schlagartig in ein Requiem verwandelt hätte.

Und klar, es gab auch bei dieser EM noch weitere verstörende Momente, beispielsweise durch den Österreicher Marko Arnautovic, der sich beim Torjubel vergisst und als gebürtiger Serbe den gebürtigen Albaner Ezgjan Alioski, der für Nordmazedonien bei der EM spielt, übelst beleidigt. Die Uefa reagierte darauf mit einer Spielsperre. 

Und apropos Uefa: Im Nachhinein erweist sich das aber zuvor aus vielen guten Gründen kritisierte Modell einer paneuropäischen Europameisterschaft sogar als Glücksfall. Klar, es gibt ein paar seltsame Spielorte, wie das trostlose Olympiastadion in Sevilla oder wie die unpassende Luxus-Arena in Baku, doch auf diese Weise gibt es so viele Heimspiele wie noch nie bei einer Europameisterschaft. 

Beste Aussichten: Die EM 2024 findet in Deutschland statt

In etwas mehr als drei Wochen findet in London vor 45.000 Zuschauern das Endspiel statt, mit Schlusspfiff heißt es dann: Nach der Europameisterschaft ist vor der Europameisterschaft. Und die findet bereits in drei Jahren in Deutschland statt, mit Berlin als Austragungsort des Finals. Für den Moment sind das gute Aussichten.

Das mag für den einen oder anderen jetzt ein bisschen arg viel Pathos gewesen sein. Sei's drum. In Anlehnung an die EM 1996, die von den gastgebenden Engländern im Nachhinein als „Summer of Love“ bezeichnet wurde, muss es erlaubt sein, auch für dieses Turnier einen möglichen Titel ins Feld zu führen, er lautet, ohne damit auf unanständige Weise auf das Schicksal von Eriksen zielen zu wollen: „Summer of Reanimation“.