London - Als um ihn herum die Hölle losbrach, blieb Englands Trainer Gareth Southgate ruhig. Luke Shaw hatte der Mannschaft im EM-Finale gegen Italien den perfekten Start beschert mit seinem Tor in der zweiten Minuten. Das Wembley-Stadion explodierte, der Traum vom ersten Titel seit dem WM-Erfolg 1966 – er nahm konkrete Formen an. Doch Southgate zeigte kaum eine Regung. Er ahnte, dass sich Italien nach 33 Spielen ohne Niederlage nicht einfach so ergeben würde. Und hatte Recht: Nach einer guten ersten Hälfte der Engländer dominierte die Mannschaft von Trainer Roberto Mancini die zweite klar, kam zum verdienten Ausgleich durch Leonardo Bonucci in der 67. Minute und spielte auf den Sieg, während England die Kraft ausging. Doch es gab noch einmal großes Drama zum EM-Abschluss, mit Verlängerung – und Elfmeterschießen.

Revolution unter Roberto Mancini

Dort gewann Italien 3:2 und krönte mit dem zweiten EM-Titel nach 1968 die Revolution unter Trainer Roberto Mancini, der nach der verpassten Qualifikation zur WM 2018 übernommen hatte. Englands Warten auf den ersten Triumph seit 55 Jahren geht weiter. England-Torwart Jordan Pickford parierte im Elfmeterschießen die Versuche von Andrea Belotti und Jorginho. Marcus Rashford schoss an den Pfosten, Gianluigi Donnarumma hielt gegen den Noch-Dortmunder Jadon Sancho – und machte Italien mit der Parade gegen Bukayo Saka zum Champion.

Der EM-Abschluss fand inmitten chaotischer Zustände statt. Schon gegen Nachmittag hatten sich Tausende, vermutlich Zehntausende Menschen am Wembley-Stadion versammelt. Es wurde gesungen, getrunken, Pyrotechnik abgebrannt. In Schüben strömten immer mehr Fans zum Stadion, als würde es die Pandemie samt Delta-Variante nicht geben. Die Londoner „Metropolitan Police“ rief dazu auf, dass nur Menschen mit Karten nach Wembley kommen sollten, aber dieser Aufruf verhallte. Einer unbestimmten Zahl an Fans ohne Tickets gelang es sogar, die Ordner zu überrennen und ins Stadion einzudringen. Die Aufregung, der Wunsch, dabei zu sein, wenn England Geschichte schreiben wollte – das alles drehte sich ins Bedrohliche.

Wie im Achtelfinale gegen Deutschland (2:0) spielte England mit Fünfer-Abwehr, und wie alle Manöver von Southgate bei der EM machte sich auch dieses bezahlt – und das in Rekordzeit. Etwas mehr als eine Minute war vorbei, als der in die Mannschaft gekommene Kieran Trippier von rechts auf sein Gegenüber Shaw flankte. Per Dropkick vom linken Fünfer-Eck traf Shaw zur Führung und schrieb seine erstaunliche EM-Geschichte weiter. Er hätte nach einem doppelten Schienbeinbruch beinahe seine Karriere beenden müssen, galt immer als etwas zu unsportlich für den Profi-Fußball und wurde bei Manchester United von seinem Ex-Trainer José Mourinho gemobbt. Erst im März war Shaw nach zweieinhalb Jahren in die Nationalmannschaft zurückgekehrt – und spielte ein überragendes Turnier. Es passte, dass er England mit seinem ersten Länderspiel-Treffer einen Traumstart bescherte, am Tag vor seinem 26. Geburtstag.

Bonucci staubt verdient ab

England spielte rund eine halbe Stunde dominant. Dann kamen die Italiener ins Spiel und hatten ihre beste Chance der ersten Halbzeit, als der Schuss von Federico Chiesa aus 20 Metern knapp rechts am Ziel vorbei rauschte. Nach dem Wechsel erhöhten sie der Druck. Ein Freistoß von Lorenzo Insigne aus bester Position strich knapp über das englische Tor. Einen Schuss von Chiesa von der halblinken Seite parierte Pickford stark. Auch vor dem 1:1 dachte Englands Torwart, er hätte die Situation entschärft, als er einen Kopfball von Marco Verratti nach einer Ecke an den Pfosten lenkte. Bonucci allerdings staubte zum verdienten Ausgleich ab.

Mancinis Mannschaft hatte klar mehr Ballbesitz, deutlich mehr Torschüsse, verpasste aber den entscheidenden Durchbruch. Nach einem langen Ball von Torschütze Bonucci kam der eingewechselte Domenico Berardi vor Pickford an den Ball, schoss aber drüber. England wirkte nervös, zum vielleicht ersten Mal bei der EM, und war froh, sich in die Verlängerung zu retten. Southgate reagierte, indem er Fan-Liebling Jack Grealish brachte. Dieser wurde in der 112. Minute hart von Jorginho gefoult, wofür es eine Gelbe Karte gab, die aus englischer Sicht eher dunkelgelb war. Die beste Chance der Verlängerung hatte Italien, als Pickford einen Schuss von Federico Bernadeschi erst in Nachfassen sicherte, aber er sicherte ihn. Und so ging die EM noch ein bisschen weiter – bis ins Elfmeterschießen.