Seefeld - Müller rennt. Müller redet. Müller rauft. Müller rastet nie. Kaum ein Grashalm des Trainingsplatzes im Trainingscamp in Tirol, den der Irrwisch in den auffällig grell-orangen Fußballschuhen nicht in den ersten drei Tagen schon geknickt hätte. Thomas Müller, 31, einhundert Länderspiele, ist zurück im Kreis der Nationalmannschaft. Man kann es sehen und man kann es hören.

Thomas Müller versteht es, andere mitzureißen

Der scheinbar alterslose Bursche fühlt sich wohl als Anführer. Macht kluge Sachen, wenn er den Ball hat, und er hat ihn oft, weil er gesucht und gefunden wird. Lässt kurz abtropfen, geht steil und fordert den Pass, läuft an wie verrückt. Und versteht es, andere mitzureißen. Ein Bündel an Energie, die zu viel ist für einen dürren Schlaks wie Thomas Müller. Also wird sie weitergereicht und pumpt die Mannschaft auf. Das ist der Plan.

Es geht um seine Fähigkeit, ein Spiel zu lesen, es geht um sein Können am Ball, es geht um seine Ausstrahlung und seinen Wagemut. Es geht um das Gesamtpaket. Der Oberbayer beherrscht die blumige Sprache wie kaum ein anderer in der Branche, seine Worte sind dabei selten inhaltsleer. „Ich habe Erfahrung mit im Gepäck und will ein Katalysator sein, um den Motor der Kollegen zu zünden“, betont er am Sonntag bei seinem ersten Medientermin in Seefeld. Aber es ist ihm auch wichtig etwas klarzustellen: „Der Bundestrainer hat mich nicht als Lautsprecher zurückgeholt.“ Er trachte keinesfalls danach, „künstlich dominant aufzutreten. Ich versuche, meine Mitspieler anzustacheln, und sie sollen mich anstacheln. Ich will auf dem Platz auch mal angeschrien werden. Es darf schon mal verbal scheppern.“ Er ist bereit, dabei mehr zu geben als zu nehmen.

Nach zweieinhalb Jahren ohne Berufung, nach einem Abschied, der ihm wehtat, sieht Müller auch das Gute in der unfreiwilligen Schaffenspause beim DFB: „Länderspiele frei zu haben, mal aus der Mühle rauszukommen, ist für Körper, Geist und Familie nicht so schlecht.“ Mats Hummels, 32, ist es ähnlich ergangen. Löws unfreiwilliger Masterplan könnte aufgehen. Das wäre dann der Treppenwitz eines Irrtums.

Aussortiert wie ein faules Stück Obst

Damals, im Frühjahr 2019, fühlten Müller und Hummels sich vom Bundestrainer aussortiert wie ein faules Stück Obst. Müller meldete sich per Videobotschaft auf Instagram. Schnell und direkt, wie es seine Art ist: „Je länger ich darüber nachdenke, macht mich die Art und Weise, wie das Ganze abgelaufen ist, einfach sauer. Kein Verständnis habe ich vor allem für die suggerierte Endgültigkeit der Entscheidung.“

Danach fing er bald wieder an, sehr gut Fußball zu spielen, Hummels zog nach. So gut schließlich, dass Joachim Löw – ernüchtert auch von den Darbietungen der potenziellen Nachfolger – ein Einsehen hatte. Ignoranz wäre kein guter Ratgeber gewesen. Deshalb darf Radio Müller wieder aus dem Lager des Deutschen Fußball-Bundes senden. Und deshalb darf auch Mats Hummels, einer seiner besten Kumpels aus gemeinsamen Münchner Tagen, mit den Ton angeben.

Beide sehen dieser Tage in den Alpen keinesfalls so aus, als trügen sie dem Bundestrainer die zurückgenommene Degradierung noch nach. Müller sagte: „Die Entscheidung war aus sportlicher Sicht nachvollziehbar. Ich habe verstanden, was der Trainer meinte.“ Was ihm halt nicht gepasst hätte: „Die Art und Weise, wie es abgelaufen ist.“

Der Bundestrainer behauptet tapfer: „Unser Verhältnis war nach der Ausbootung nie gestört.“ Man kann das glauben oder nicht, fest steht jedenfalls: Löw braucht Müller und Hummels jetzt besonders, um ein Vakuum zu füllen. Er hat sich verzockt. Und sagt nun: „Ich musste nicht über meinen Schatten springen, um sie zurückzuholen.“ Beide seien „ja auch in ihren Vereinen Leute, die den Ton angeben auf und neben dem Platz. Natürlich erwarte ich, dass sie Verantwortung übernehmen“.

Müller und Hummels sind gestandene Kerle

Ziemlich viel Last auf zwei Männern, die vorher gewogen und für zu leicht befunden wurden. Doch Löw und Bierhoff wissen: Müller und Hummels sind gestandene Kerle, die Druck aushalten. Wahr ist aber auch: Bei der WM 2018 gingen auch sie mit unter, Müller noch mehr als Hummels. In der Nations League wurde es danach nicht besser. Löw fand, er sei zum Handeln gezwungen. Ein Cut mit klarer Kante. Er hat sich dabei selbst geschnitten.

Die Dynamik, die bei Bundestrainer und Mannschaft danach noch weiter verloren ging wie bei einer Schwindsucht, wollen sie nun gemeinsam wieder wecken. Es ist zu früh für einen fundamentalen Erkenntnisgewinn, ob diese Schicksalsgemeinschaft funktionieren wird, aber anders als vor drei Jahren in Russland gibt es diesmal keine abgeschliffenen Strukturen, in denen sich ein jeder behaglich einrichten könnte.

Müller ist überzeugt, sich weiterentwickelt zu haben. „Mein Spiel ist weniger fehleranfällig, ich bin ein kompletterer Fußballer geworden.“ Er erwarte bei der EM 2021, „dass ich körperlich, technisch und taktisch an meine Leistungsgrenze heranreiche. Ich will das einbringen, was mich die letzten Jahre ausgezeichnet hat. Ich bin zuversichtlich, dass ich das kann.“ Er habe das Gefühl, „dass diese Mannschaft ans Limit gehen wird“. Aber auch das kann schon früh zu wenig sein.