London/Berlin - Wohl dem, der eine so gute Ersatzbank hat wie die Italiener. Wohl dem, der wenige Minuten vor Ende der regulären Spielzeit so einen Klassefußballer wie Federico Chiesa aufs Feld schicken und mit ihm in die Verlängerung gehen kann, wenn sich der Rest schon einigermaßen erschöpft hat. Chiesa jedenfalls ist der Mann, der für Italien am Samstagabend im packenden Duell gegen Österreich das Tor zum EM-Viertelfinale aufgestoßen hat. Nach einer Flanke von Leonardo Spinnazola narrte der Profi von Juventus den müde gespielten Konrad Laimer, traf in 94. Minute gekonnt zum 1:0. In der 105. Minute legte der ebenfalls eingewechselte Matteo Pessina nach einem Konter nach, was gegen die Österreicher, die durch Sasa Kalajdzic in der 113. Minute noch zum 1:2 kamen und mächtig auf den Ausgleich drängten, auch dringend notwendig war. Die Squadra Azzurra trifft nun auf den Sieger aus Belgien gegen Portugal.

Wie die italienischen Nationalspieler ihre Hymne schmettern, wie sie beim „Il Canto degli Italiani“ dann auch noch leicht ins Schunkeln kommen, lässt auch den neutralen Beobachter nicht kalt. Das ist keine Show, das ist Inbrunst. Ja, die Jungs aus Turin, Mailand und Rom sind bei dieser EM angetreten, um ihren Landsleuten nach angstvollen Corona-Monaten Momente des Glücks zu schenken. Das ging in den Gruppenspielen in der italienischen Hauptstadt wie selbstverständlich, im Londoner Wembley-Stadion war vor knapp 20.000 Zuschauern nach wenigen Minuten allerdings klar, dass das Spiel gegen die Elf von Franco Foda kein Selbstläufer wird.

Immobile jagt den Ball gegen das Lattenkreuz

Bei der Ursachenforschung spielen die Österreicher natürlich eine nicht unwichtige Rolle. In ihrem ersten EM-Achtelfinale hielten sie in den Zweikämpfen gekonnt dagegen, wirkten bei Ballbesitz keinesfalls aufgeregt, brachten die Favoriten gar hin und wieder ins Hinterherlaufen. Und dann gibt es in Austria inzwischen auch wieder einen Torhüter, der das Zeug dazu hat, um an einem Tag wie diesen über sich hinauszuwachsen.

Daniel Bachmann, der 26-Jährige vom FC Watford, war jedenfalls zur Stelle, als die Italiener in der 19. Minute zum zweiten Mal über die linke Seite ihr Spiel durchbrachten. Nicola Barella kam aus 18 Metern frei zum Schuss, traf den Ball mit Vollspann wie gewollt, doch Bachmann klärte per Fußabwehr. Auch vier Minuten zuvor hatte er bei einem Schuss von Lorenzo Insigne die Nerven, um nicht zu fausten, sondern zu fangen. Und dann hatte er natürlich ganz schön viel Glück, als Ciro Immobile in der 32. Minute den Ball aus gut 20 Metern gegen das Lattenkreuz jagte. 

Alaba schreckt die Italiener

Umgekehrt stellte sich nach einer torlosen ersten Hälfte die Frage, ob Italiens Nationalcoach Roberto Mancini bei der Wahl der Startelf tatsächlich alles richtig gemacht hatte. Marco Verratti spielte nämlich für Manuel Locatelli, der am zweiten Gruppenspieltag beim 3:0 gegen die Schweiz noch als Doppeltorschütze in Erscheinung getreten war. Auch Giorgio Chiellini war außen vor, wofür Mancini allerdings nichts konnte, der Verteidiger von Juventus Turin war nach einer Oberschenkelverletzung für das Achtelfinale nicht rechtzeitig fit geworden.

Die Österreicher hatten die Italiener jedenfalls soweit gebracht, dass sie mit ein paar Selbstzweifeln in die Kabine gingen und aus dieser mit ein paar Selbstzweifeln auch wieder auf den Platz zurückkehrten. Die Azzurri begannen zu foulen, zu lamentieren. Der vorzüglich aufspielende David Alaba versetzte ihnen in der 51. Minute mit einem Freistoß an die Oberkante der Querlatte einen Schrecken. Marcel Sabitzer tat es dem künftigen Real-Madrid-Profi mit einem Fernschuss, der knapp am Tor vorbeistrich, gleich, sodass sich Team Austria in der Hoffnung auf eine kleine Sensation gestärkt sah. 

In der 65. Minute war Rot-Weiß gar für einen Moment außer sich vor Enthusiasmus. Nach einer Flanke von Stefan Lainer hatte sich Alaba im Kopfballduell behauptet, den Ball Richtung zweiten Pfosten befördert, wo Marko Arnautovic mit Köpfchen, und das im doppelten Sinne, über Keeper Gianluigi Donnarumma das 1:0 erzielte. Beim Video-Check wurde aber offensichtlich, dass Arnautovic im Moment des Zuspiels ein paar wenige Zentimeter im Abseits gestanden hatte. Referee Anthony Taylor traf eine dementsprechende Entscheidung. 

Die Italiener hatten es jetzt mit einem offenen Schlagabtausch zu tun, soll heißen: Sie hatten die Kontrolle über das Spiel verloren. Die Ruhe in ihrem Aufbauspiel war dahin, im Angriff geriet alles viel zu hektisch, ja, ab der 75. Minute waren die Österreicher die in jedweder Hinsicht die bessere Mannschaft, ohne dass sich aus dieser Gemengelage tatsächlich ernsthafte Torchancen ergaben. Wobei sich Foda die Nachfrage erlauben muss, warum er nicht früher seiner Mannschaft durch Einwechslungen eine Auffrischung verlieh. Als er dies tat, also erst spät in der Verlängerung, war es vielleicht schon zu spät.