Berlin/Bukarest - Ein Ensemble, das zum großen Teil aus Weltklassespielern besteht, ist nicht zwangsläufig Weltklasse und nicht vor schmerzhaften Niederlagen gefeit. Das hat sich am Montagabend in Bukarest gezeigt, wo die Franzosen in einem mitreißenden EM-Achtelfinale gegen über sich hinauswachsende Schweizer mit einem 3:3 nach regulärer Spielzeit und einer torlosen Verlängerung ins Elfmeterschießen mussten und dabei mit 4:5 unterlegen waren. Eine Sensation ist das, welche die Schweizer ins Viertelfinale gegen Spanien brachte. 

Warum neigen Trainer seit geraumer Zeit dazu, von einer für alle Spieler gewohnten Viererkette in der Abwehr plötzlich auf eine Dreierkette umzustellen? Will der jeweilige Übungsleiter damit nur seine Genialität unter Beweis stellen? Diese Frage muss sich nach dieser Partie auch Frankreichs Nationalcoach Didier Deschamps gefallen lassen, denn seine Spieler suchten von der ersten Minute nach Orientierung, wunderten sich darüber, dass sich die Selbstverständlichkeit in ihren Aktionen nicht einstellen wollte. 

Im Besonderen litten unter dem taktischen Eingriff zunächst die bis dato bei dieser EM so einflussreich agierenden Mittelfeldspieler N'Golo Kante und Paul Pogba. Aber auch Raphael Varane hatte in der Dreierkette große Probleme bei der Abstimmung mit seinen Nebenleuten, also mit Presnel Kimpembe und Clément Lenglet.

Letztgenannter war der große Unsicherheitsfaktor im Spiel der Équipe Tricolore, wirkte mitunter total überfordert. Was übrigens auch für den Bayern-Profi Benjamin Pavard galt. Beide waren maßgeblich am Schweizer Führungstreffer in der 15. Minute beteiligt, allerdings nur als Statisten. Für Steven Zuber, der dank der Passivität von Pavard frei flanken durfte, und für Haris Seferovic, der sieben Meter vor dem Tor dank der Schläfrigkeit von Lenglet ungehindert zum Kopfball ansetzen konnte und unhaltbar für Hugo Lloris links unten ins Eck traf.

Mbappé versucht viel zu oft Unmögliches

Nun trägt Deschamps aber nicht allein die Verantwortung für die Qualen der französischen Fans. Auch Kylian Mbappé, der hochgelobte Stürmer von Paris St. Germain, enttäuschte im Endeffekt maßlos, vergab vor allem in der Verlängerung beste Chancen. Dass er im Elfmeterschießen den entscheidenden Fehlschuss setzte, spielt bei dieser Bewertung indes keine Rolle. War der 22-Jährige am Ball, versuchte er immer wieder Unmögliches, war er nicht am Ball, gab er den Desinteressierten, was sich die Besten der Welt, zu denen er sich selbst wohl zählt, nie erlauben würden. So wie Karim Benzema, der die Chance, die Lloris seinem Team in der 55. Minute mit einem abgewehrten Strafstoß eröffnete, auf fabelhafte Art und Weise zu nutzen wusste.

Pavard, wer sonst, weil Lenglet in der Halbzeit durch Kingsley Coman ersetzt worden war, hatte jedenfalls Zuber mit einer überflüssigen Grätsche im Strafraum zu Fall gebracht, Lloris mit seiner Parade gegen den Elfmeter von Ricardo Rodriguez aber die Hoffnung zurückgebracht. Und Benzema? Der Profi von Real Madrid drehte innerhalb von zwei Minuten die Partie. 

Seferovic macht das Spiel seines Lebens

Beim 1:1 in der 57. Minute nahm er gekonnt einen nicht allzu exakten Pass von Mbappé mit in seinen Lauf auf, bugsierte den Ball schließlich an Keeper Yann Sommer vorbei ins Netz. Schließlich war der 33-Jährige in der 59. Minute zur Stelle, als Antoine Griezmann mit seinem Schuss aus Nahdistanz zwar an Sommer scheiterte, der Ball sich aber wieder vors Tor der Schweizer senkte. Benzema vollendete per Kopf.

Die Schweizer wirkten nun schwer angeschlagen, hatten zunächst größte Probleme, um das eigene Angriffsspiel wieder in Schwung zu bringen. Ja, sie mussten durch Paul Pogba, der in der 75. Minute den Ball aus 20 Metern mit einem fantastischen Schuss in den Winkel zirkelte, sogar das 1:3 hinnehmen, doch ans Aufgeben dachten sie noch lange nicht. Nein, ihnen gelang ein historisches Comeback. In Gestalt von Seferovic, der das Spiel seines Lebens machte, in der 81. Minute zum 2:3 traf. Und in Gestalt von Mario Gavranovic, der nach einer feinen Einzelleistung mit einem platzierten Schuss aus 16 Metern die Verlängerung erzwang. Was Coman in der Nachspielzeit mit einem Schuss gegen die Querlatte fast noch verhindert hätte.