Berlin - Am Mittwochabend kam Christopher Trimmel, 34, im Trikot der österreichischen Nationalmannschaft zu seinem zwölften Länderspieleinsatz. Beim 0:1 gegen England wurde er in der 81. Minute eingewechselt, als Rechtsverteidiger für den bei Borussia Mönchengladbach beschäftigten Stefan Lainer. Elf Tage vor dem ersten Spiel in der Gruppenphase der Europameisterschaft gegen Nordmazedonien offenbarte das Team von Trainer Franco Foda dabei zunächst jede Menge Abstimmungsprobleme, auf die Trimmel, der Kapitän des 1. FC Union, auch im Interview mit der Berliner Zeitung zu sprechen kommt.

Berliner Zeitung: Sie haben sich auf Brust und Bauch einen großen Adler als Tattoo gestochen beziehungsweise stechen lassen. Das soll aber nicht der österreichische Bundesadler sein, oder etwa doch?

Christopher Trimmel: Das ist ein Motiv, das wir in Anlehnung an den burgenländischen Adler entwickelt haben. Der ist dem Bundesadler schon ähnlich, aber doch etwas anders. Ich hatte schon überlegt, ihn in Rot zu stechen, aber das wäre dann schon etwas extrem gewesen.

Der burgenländische Adler schaut ja auch nicht nach links wie der Bundesadler, sondern nach rechts. Und es fehlen auch Hammer und Sichel.

Das stimmt. Und das mit dem Blick nach rechts soll doch bitte nicht falsch interpretiert werden, nicht dass da jemand falsche Schlüsse zieht. Man weiß ja nie. Ich habe mir damals jedenfalls überlegt, ob ich ihn realistisch machen soll oder nicht. Aber realistisch sieht ein Adler von vorne immer etwas seltsam aus. Schließlich ist es ein Mix geworden.

Sie bringen damit in jedem Fall Ihre Verbundenheit zu Ihrer Heimat zum Ausdruck, stammen bekanntlich aus dem Burgenland. Und nun laufen Sie für Österreich bei einer EM auf, das muss ein ganz stolzer Moment für Sie sein.

Absolut. Es war ja schon ein Wahnsinn, dass ich 2019 nach über neun Jahren wieder in die Nationalmannschaft zurückgekehrt bin. Schon da ist ein Traum für mich in Erfüllung gegangen. Dass ich nun regelmäßig dabei bin, jetzt sogar an einem großen Turnier teilnehme, werde ich wohl tatsächlich erst später realisieren. Ich kann das noch gar nicht richtig fassen.

Benjamin Pritzkuleit
Zur Person

Christopher Trimmel wurde am 24. Februar 1987 in Oberpfullendorf geboren. Über viele Jahre hinweg war sein Vater auch sein Trainer, bis er 2008 von Rapid Wien entdeckt wurde. Dann ging alles ganz schnell: Debüt in der ersten österreichischen Liga am 5. April 2009, Debüt in der österreichischen Nationalmannschaft am 12. August desselben Jahres. Und das alles, obwohl er nie eine Nachwuchsakademie besucht hatte. 2014 suchte Trimmel, der schon bei Rapid vom Stürmer zum Rechtsverteidiger umfunktioniert wurde, eine neue Herausforderung, wechselte nach Deutschland zum damaligen Zweitligisten 1. FC Union Berlin. Bei den Eisernen ist er seit Sommer 2018 Spielführer, schaffte mit den Berlinern ein Jahr darauf den Aufstieg in die Bundesliga. Vor wenigen Tagen verlängerte er seinen Vertrag in Köpenick.

Was bewegt Sie da konkret?

Das ist eine Riesenfreude. Auch für meine Familie ist das ganz was Besonderes, wie sich bei der Reaktion auf meine Nominierung gezeigt hat. Natürlich ist die Basis, dass man für seinen Klub, in meinem Fall für den 1. FC Union, spielt und Leistung bringt. Aber dass man nun zu den 26 besten Spielern seines Landes zählt und an einer Europameisterschaft teilnehmen darf, ist für mich die Bestätigung, dass ich in den vergangenen Jahren doch sehr viel richtig gemacht habe. Man gibt alles, haut sich rein, und wenn es am Ende auf diese Weise belohnt wird, ist das der Wahnsinn.

Als Kind und Jugendlicher haben Sie die aus sportlicher Sicht wohl düstersten Stunden der österreichischen Nationalmannschaft miterlebt. Man hat sich in den Neunzigerjahren und zu Beginn der Nullerjahre regelmäßig blamiert, hat regelmäßig Europa- und Weltmeisterschaften verpasst. Das muss extrem enttäuschend gewesen sein.

Ich war immer ein Fan der österreichischen Nationalmannschaft, das war immer pure Unterstützung. Auch wenn die Ergebnisse mal nicht so gut waren und man gesehen hat, dass einige Nationen uns voraus waren. Ich war ja auch bei der EM 2008, für die sich Österreich als Co-Gastgeber qualifiziert hatte, voller Leidenschaft dabei, war auf der Fanmeile. Das war ein außergewöhnliches Erlebnis, etwas ganz Besonderes.

Wir haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass wir was drauf haben.“

Christopher Trimmel

Das Aus für die Österreicher kam dabei schon in der Gruppenphase. Im entscheidenden Spiel traf Michael Ballack für Deutschland gegen Österreich zum 1:0. Für wen haben Sie früher geschwärmt?

Einen wie Andreas Herzog habe ich mir immer gerne angeschaut, auch weil er von Rapid kam. Das war mein Verein, schon als Kind, noch bevor ich selbst für diesen Klub gespielt habe. Und klar: Man hat natürlich gehofft, dass sie erfolgreicher spielen, dass die Nationalmannschaft nicht immer wieder kritisiert werden muss. Das war schon heftig, da wurde wirklich alles zerlegt.

Wohl auch aus gutem Grund.

Mag sein, aber es ist auch heute nur schwer nachzuvollziehen, woran das gelegen hat. War die Liga tatsächlich einfach zu schwach oder die Nachwuchsarbeit dann doch nicht so effektiv? Wir hatten doch schon immer gute Fußballer, auch damals. Aber letztlich ist das wohl normal, dass auch Nationalmannschaften immer wieder mal einen Durchhänger haben.

Inzwischen ist Team Austria die Nummer 23 der Fifa-Weltrangliste, Tendenz steigend.

Wir haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass wir was drauf haben. Wir waren bei der EM 2016 in Frankreich dabei, haben in der Nations League zuletzt Erfolge gefeiert. Das kommt nicht von ungefähr. Und es ist doch so, dass 80 Prozent der österreichischen Nationalspieler in der Bundesliga aktiv sind – und das in tragenden Rollen. Da sind Kapitäne und Leistungsträger dabei.

Nun hat Österreich mit Franco Foda einen deutschen Trainer, der den Statistiken zufolge der erfolgreichste in der Geschichte des ÖFB ist. Trotzdem wird er mitunter heftig kritisiert.

Auch weil wir in den ersten WM-Qualifikationsspielen tatsächlich nicht so gut gespielt haben.

Das Heimspiel gegen Dänemark ging 0:4 verloren, gegen die Färöer quältet Ihr Euch zu einem 3:1.

Aber schlussendlich ist Franco Foda doch sehr erfolgreich, ob als Klubtrainer in Graz oder eben jetzt als Nationaltrainer.

Hat sich durch die Erfolge auch das Verhältnis der Österreicher zu ihrer Nationalmannschaft verändert? Das Ernst-Happel-Stadion in Wien war bei Länderspielen über Jahre hinweg nur selten ausverkauft.

Mit dem Erfolg kommen auch bei der Nationalmannschaft die Fans. Das muss man sich alles erspielen. Unser Ziel ist, dass bei Länderspielen das Stadion wieder voll ist. Wir wollen die Nation begeistern.

Matthias Koch
Hat bei Union bewiesen, dass er auch ganz ordentlich feiern kann: Christopher Trimmel.

Worauf lässt sich der Aufschwung der österreichischen Auswahl zurückführen?

Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich bei Rapid als junger Spieler über zwei Jahre hinweg gute Leistungen gebracht habe. Da gab es viele Schulterklopfer, die prophezeit haben, dass ich schon bald ganz viele Angebote aus dem Ausland erhalten werde. Aber das war damals nicht so einfach. Jetzt ist das schon ein wenig anders, weil da ein Funke übergesprungen ist. Man ist sich inzwischen bewusst, dass österreichische Spieler gar nicht so teuer sind, aber doch über eine ansprechende Qualität verfügen.

Da stimmt also das Preis-Leistungs-Verhältnis.

Das kann man so sagen, ja. Die Spieler in Österreich hatten schon immer eine gewisse Qualität, aber sie wurden einfach nicht gesehen. Doch das Scouting hat sich verändert. Und es wurden Kooperationen zwischen deutschen und österreichischen Klubs abgeschlossen. Davon profitieren beide Seiten. Die Österreicher können sich auf einem höheren Niveau beweisen und weiterentwickeln, die Deutschen bekommen in Österreich Spielpraxis.

In gewisser Weise hat dann also auch Dietrich Mateschitz mit seiner Unternehmung dem österreichischen Fußball auf die Sprünge geholfen: Red Bull als Treiber einer positiven Entwicklung.

Das wurde zu Beginn heftig kritisiert, klar, und das aus unterschiedlichsten, durchaus nachvollziehbaren Gründen. Aber letztendlich ist es so: International spielt Red Bull Salzburg für Österreich in der Fünfjahreswertung wichtige Punkte ein, nur so ist die Liga zu zwei Qualifikationsplätzen für die Champions League gekommen. Es wird also sehr gute Arbeit gemacht in Salzburg, auch in Verbindung mit RB Leipzig, das steht außer Frage. Aber es gibt ja auch Beispiele, dass gute Spieler von Red Bull nicht zwangsläufig nach Leipzig gehen. Stefan Lainer beispielsweise spielt für Mönchengladbach, Xaver Schlager für Wolfsburg. Und auch bei Rapid wird vieles richtig gemacht. Ich habe das Gefühl, dass die österreichischen Spieler von Jahr zu Jahr interessanter für die Klubs aus den großen Ligen werden.

Wie würden Sie Ihre Rolle in der Nationalmannschaft beschreiben? Bei Union sind Sie der Leithammel, in der Auswahlmannschaft hingegen sind Sie zuletzt meist doch nur als Einwechselspieler zum Einsatz gekommen.

Sicher, da gibt es Unterschiede. Aber auch in der Nationalmannschaft versuche ich Verantwortung zu übernehmen. Das kann man auch als Ergänzungsspieler, es geht ja auch bei einer Nationalmannschaft um die Stimmung im Team. Und ich will auch da eine positive Energie einbringen. Fakt ist, dass Stefan Lainer auf meiner Position in den vergangenen Jahren gute Leistungen gebracht hat. Aber was ist, wenn einer verletzt ist? Dann muss man bereit sein. Es bringt jedenfalls nichts, stinkig zu sein.

In der vergangenen Saison waren Sie im Vergleich mit Ihren Konkurrenten auf der Position des Rechtsverteidigers, mit Lainer und Valentin Lazaro, aber weitaus formstärker und formstabiler. Sie dürfen sich aus gutem Grund also Hoffnung auf mehr machen.

Ich habe sicherlich ein paar Punkte gesammelt. Aber letztendlich muss das der Teamchef entscheiden. Ich bin nun mal kein Typ, der irgendetwas fordert, Ansprüche stellt. Und ehrlich: Ich bin der Erste, der Lainer gratuliert, wenn er ein gutes Spiel gemacht hat.

Wer ist bei Euch der absolute Boss in der Kabine? Ist das David Alaba?

Julian Baumgartlinger, unser Kapitän, nimmt mit seiner Erfahrung eine wichtige Rolle ein. Aber er bindet immer wieder die anderen erfahrenen Spieler mit ein, ob das der David ist oder Marko Arnautovic. Da gibt es so viele gute Typen bei uns.

Die österreichische Nationalmannschaft ist also so gut besetzt, dass der ganz große Coup möglich ist?

Ich glaube schon, dass wir eine Riesenqualität haben. Aber ich sage immer wieder, dass das mit der Nationalmannschaft eine ganz eigene Sache ist. Allein schon wegen der unterschiedlichen spieltaktischen Ausrichtungen der Klubmannschaften, für die wir spielen. RB Leipzig beispielsweise spielt einen extremen Pressingfußball, andere sind wiederum mehr auf Ballbesitzfußball bedacht. Das hab’ ich auch schon persönlich im Nationalteam gemerkt. Ich lauf’ wie im Verein ganz wild an, weil ich es gewohnt bin, dass die Dreierkette gleich automatisch nachschiebt. In der Nationalmannschaft ist das aber gern mal anders, was letztlich zu dem einen oder anderen Fehler von mir geführt hat. Das muss man als Teamchef erst mal zusammenbringen, das ist nicht so einfach, vor allen Dingen, wenn man in der Vorbereitung nicht allzu viel Zeit hat. Es bleibt dabei: Holland ist absoluter Favorit in unserer Gruppe. Aber klar: Wir wollen und wir können für eine Überraschung sorgen.

Ist es nicht schade, dass die EM nicht nur in einem Land, sondern in ganz, ganz vielen Ländern stattfinden wird? Da geht bestimmt schon mal etwas Flair verloren.

Das fühlt sich erst mal bestimmt eher wie Champions League denn wie Europameisterschaft an. Aber das ist eben nun mal so. Ich bin einfach nur froh, dass wir auch wieder vor Zuschauern spielen werden. Das war ja schon beim Saisonfinale mit Union gegen Leipzig so: Auch wenn es nur 2000 waren, das hat sich großartig angefühlt.