Berlin - Ach, es ist EM? Wo denn bloß – und noch viel wichtiger, wie denn bloß? Noch Anfang vergangener Woche stellten sich mir tatsächlich diese Fragen – turniertechnisch betrachtet kam ich aus dem Mustopf. Inzwischen bin ich halbwegs eingelesen und habe auch ein paar Spiele gesehen. Seltsam unbeteiligt, muss ich allerdings sagen. Dabei bin ich gar nicht uninteressiert, verfolge große Turniere und die Bundesliga, tippe auch ganz passabel. Nur: Das gute Fußballgefühl, das war mir abhandengekommen. Das Sommermärchen, Besuche auf der Fanmeile, Abende beim Public Viewing im Biergarten, das alles scheint Ewigkeiten her zu sein.

Dabei sind die Erinnerungen nur verblasst: An die ersten Besuche der Feiermeile am Brandenburger Tor bei der WM 2006. Irgendwann lagen wir uns mit wildfremden Argentinien-Fans in den Armen, die uns leidtaten, weil sie im Viertelfinale gegen die Deutschen rausgeflogen waren. Selbst meine vom Fußball angewiderten Freundinnen kamen hin und wieder mit zum Public Viewing im Biergarten – andere Optionen schien es in diesem Sommer freizeittechnisch ohnehin nicht zu geben. Sie schmierten sich zwar keine Schwarz-Rot-Gold-Schminke auf die Wangen und drückten sicherheitshalber lieber Schweden oder Ecuador die Daumen, um ja nicht diesem komischen Nationalstolz-Trend anheimzufallen. Aber sie fieberten mit – eine unglaubliche Zeit.

Grundmüdigkeit nach dem Lockdown

In diesem Jahr gibt es keine Fanmeile, stattdessen habe ich vom Public Viewing in Rudow gelesen. Auch andere Biergärten ziehen mit – nach Corona ist man über jeden Gast dankbar. Ich bleibe vorm heimischen Fernseher und frage mich, woher diese merkwürdige Fußball-Unlust rührt. Sie ist auch innerhalb der Familie und im Freundeskreis verbreitet. Ja, man schaut mal rein, aber mehr auch nicht. Eine gewisse Grundmüdigkeit, die nach langen Lockdown-Monaten über dem Leben liegt, dürfte eine Rolle spielen, vielleicht auch die Querelen beim DFB, Katar, das Überdenken des aufgeblasenen Betriebes insgesamt. Eine seltsame Melange, die die EM mit einem Mehltau-Schleier zu überziehen scheint. Überdies war die Zeit der pandemiebedingten Geisterspiele ohne Fans derart lähmend, wie jetzt die Rückkehr zu Quer-durch-Europa-Reisen unsinnig wirkt.

Dann aber – als Schreiberin einer EM-Kolumne ist man ja zumindest dem Versuch verpflichtet, dem Turnier eine Chance zu geben – geschieht etwas Eigenartiges. Die Niederländer treten gegen die Ukrainer an, ein Spiel, das schnell Fahrt aufnimmt, das Traumtore, spannende Wendungen und Dramatik in der Schlussphase bereithält. Plötzlich ahnt man es wieder – was dieser Sport bewirken kann, welche Emotionen er zu entfesseln in der Lage ist. Das bislang beste Spiel der noch jungen Europameisterschaft, es war ein Wachmacher.

Die Fanmeile in Rudow muss warten

Ich bin nun bereit für alles, was noch kommt, und lasse mich gern noch einmal überraschen. Vielleicht auch mal im Biergarten. Die Fanmeile in Rudow muss noch warten. Wir wollen ja nicht gleich übertreiben.