Berlin -  Die an diesem Freitag mit der Partie Italien gegen die Türkei beginnende paneuropäische Fußball-Europameisterschaft wird für den Deutschen Fußball-Bund zum Kraftakt. Seine Melkkuh, die A-Nationalmannschaft des scheidenden Bundestrainers Joachim Löw, geht nach der verkorksten Weltmeisterschaft 2018 unter Maximaldruck in das Turnier. Die Mannschaft hat daheim massiv an Popularität eingebüßt. In der Weltrangliste ist sie auf Rang zwölf abgerutscht – hinter Uruguay, Dänemark und Mexiko. Das ist der ernüchternde Status Quo für den vierfachen Weltmeister. Parallel dazu zerlegt sich die Führungsriege des DFB seit Monaten vor einem zunehmend angewidert zuschauenden Publikum selbst.

Letzter Lackmustest für Joachim Löw

Im EM-Vorbereitungscamp in Tirol war von den unsäglichen Querelen zuletzt nicht viel zu spüren. Der Bundestrainer arbeitetet am Frühlingserwachen seiner Mannschaft, was nun im Basecamp in Herzogenaurach seine Fortsetzung finden soll. Das erscheint nach der Winterdämmerung mit historischen Niederlagen in Spanien (0:6) und gegen Nordmazedonien (1:2) dringend geboten. Die bevorstehende EM 2021 mit den zwei Großkalibern Frankreich und Portugal gleich in der Vorrunde in München wird zum letzten Lackmustest für Joachim Löw. Den DFB hat nicht nur das Losglück verlassen. Die Probleme im Verband und dem einstigen Aushängeschild liegen schon ein bisschen tiefer.

Drei Jahre vor der Europameisterschaft 2024 im eigenen Land könnte es kaum schlechter um den größten Einzelsportverband der Welt stehen. Eine Männerriege hat sich in einen Machtkampf verhakelt, in dem schon lange erkennbar war, dass es nur Verlierer geben würde. Die beiden vormals höchstrangigen DFB-Vertreter, Präsident Fritz Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius, sind unfreiwillig weg, der Unfriede ist geblieben, jetzt zoffen sich die Interimschefs Rainer Koch und Peter Peters öffentlich. Es folgte in der vorvergangenen Woche, sozusagen als Kollateralschaden, der Abgang der erst im Oktober verpflichteten Mediendirektorin Mirjam Berle. Die in der ungnädigen Fußballbranche völlig unbeleckte und entsprechend überforderte Kommunikationsexpertin zeigte sich zum Abschied „fassungslos“ über den Geist des gegenseitigen Misstrauens im Hause ihres ehemaligen Arbeitgebers.

Auch Joachim Löw war nach dem halben Dutzend Gegentreffer der Spanier im November in Sevilla schon Vertrauen entzogen worden. Vor allem vom inzwischen zurückgetretenen Präsidenten Keller. Weltmeistertrainer Löw wankte, aber er fiel nicht, obwohl er längst Fehler wie an einer Perlenkette aneinanderreihte. Inzwischen hat der 61-Jährige eingesehen, dass es besser ist, nach der EM nach dann 17 Jahren im Verband den Platz zu räumen. Wo man auch hinguckt beim DFB: Es ist Zeit für frische Luft.

Mats Hummels und Thomas Müller wollen es noch mal wissen

Jetzt muss Löw sich darauf verlassen, dass ausgerechnet diejenigen ihm den Abschied versüßen, die er vor zwei Jahren unsanft aus der Nationalmannschaf verstoßen hat. Die einstigen Frontmänner Mats Hummels und Thomas Müller, seinerzeit schwer beleidigt, sind gern zurück in den Schoß des DFB-Teams gekehrt. Ihr Ego kommt dem Bundestrainer entgegen. Da sind zwei Alphatiere bereit, es allen Kritikern noch mal zu zeigen, vor allem aber natürlich ihrem aktuellen Vorgesetzten.

Von Löws fleißigerem Nachfolger Hansi Flick wird erwartet, dass er in der neuen, im Sommer 2022 für 150 Millionen Euro fertigen Akademie an der alten Frankfurter Galopprennbahn präsenter ist. Löw hat sich nur für seine Mannschaft interessiert, Flick soll auch die in den Zehnerjahren vernachlässigte Talentförderung wieder mit in Schwung bringen. Noch so eine offene Baustelle im Verband, an der aber immerhin seit geraumer Zeit schon gewerkelt wird.

Die Führung für dieses Projekt hat DFB-Direktor Oliver Bierhoff übernommen, dem viele Amateurvertreter mit Argwohn begegnen. Die Furcht, das viele Geld für die Akademie komme vor allem der Elite zugute und zu wenig der Basisarbeit, hält sich hartnäckig. Zuletzt hat Bierhoff sich zumindest kurzfristig jeglichen Marketingvokabulars entledigt und fordert von den Nationalspielern „eiserne Disziplin“. Das ist seine Lehre aus dem dramatisch entgleisten „Best-Never-Rest“-Gedöns aus dem WM-Jahr 2018 und dem anbiedernden „La Mannschaft“-Slogan bei der EM 2016.

Entfremdung zwischen DFB und Fanvolk

Es ist einiges kaputtgegangen im Verhältnis zum gemeinen Fußballvolk. Bierhoff und Löw sind in der Bringschuld, die sie schon in den kommenden Wochen einlösen können. Die Leute verzeihen in der Regel schnell, auch wenn diese Mannschaft sich über Jahre hinweg aus den Herzen der Fans gespielt hat. Überzeugende EM-Siege gegen den Weltmeister Frankreich und den Europameister Portugal könnten als Signal für eine neue Begeisterung verstanden werden. Sehr wahrscheinlich sind solche Erfolge aber eher nicht, darüber sollte auch das 7:1 im letzten Test nicht hinwegtäuschen.

Und wahrscheinlich ist auch nicht, dass dieser von Moral und Anständigkeit entkernte Verband Vertrauen zurückgewinnt. Die mutige Initiative einer Frauengruppe um die Frankfurter Ex-Nationaltorhüterin Katja Kraus prallt zum richtigen Zeitpunkt auf eine ausgehöhlte DFB-Führung. Der alte, zerstrittene Männerbund geht in die Knie.