Berlin - Nach überstandener Vorrunde geht es für die deutsche Nationalmannschaft am Dienstag (18 Uhr) gegen England um das Viertelfinale. Ausgerechnet in Wembley, wo es bereits geschichtsträchtige Duelle dieser beiden Fußballnationen gegeben hat, wollen beide Teams den Traum vom Europameistertitel nicht vorzeitig platzen sehen. In so einem Duell, welches zudem vor großer Kulisse ausgetragen wird, kann der Kopf, die Psyche eine wichtige Rolle spielen. Jan Christian Müller hat sich mit DFB-Teampsychologe Hans-Dieter Hermann über die Partie im Wembley-Stadion, die englische Furcht vor Elfmeterschießen und die Stärke von Bundestrainer Löw unterhalten.

Jan Christian Müller: Herr Hermann, hat Deutschland einen psychologischen Vorteil im Spiel gegen England?

Hans-Dieter Hermann: Deutschland hatte viele gute Ergebnisse gegen England, auch in Wembley. Aber ich weiß nicht, ob es wirklich ein psychologischer Vorteil ist. Möglicherweise machen sich eher die Engländer einen psychologischen Nachteil aus der Historie.

Raten Sie Joachim Löw dazu, diese eventuelle englische Angst zu nutzen?

Ich glaube nicht, dass sie Angst haben, aber Respekt. Und natürlich merkt man, dass die englischen Medien sich mit der Geschichte beschäftigen. Es wäre jedoch Küchenpsychologie, sich selbst stärker zu reden, indem man die vermeintliche Angst des Gegners betont. Jogi Löw wird sich sicherlich in seinen Ansprachen vor allem auf die Stärken unserer Mannschaft konzentrieren.

Engländer denken über Elfmeterschießen nach

Kann man die deutsch-englische Historie beim Elfmeterschießen nutzen?

Nutzen ist zu viel gesagt. Aber ich denke schon, dass die Engländer darüber nachdenken werden, sollte es tatsächlich zu einem Elfmeterschießen kommen. Ich habe auch gelesen, dass die Engländer das bereits üben. Und ich freue mich, wenn dem tatsächlich so wäre, denn dann machen sie ihre mutmaßliche Schwäche überhaupt erst zu einem Thema.

Raten Sie der deutschen Mannschaft, Elfmeterschießen zu üben?

„Üben“ ist das falsche Wort. Routinemäßig gibt es aber im Training immer wieder Gelegenheiten, Elfmeter zu schießen. Zum Beispiel zum Abschluss einer Einheit.

Gibt es aus psychologischer Sicht überhaupt so etwas wie einen Angst- oder Lieblingsgegner?

So etwas gibt es schon. Für unsere Mannschaft war beispielsweise Portugal auch in den vergangenen Turnieren oft der berühmte „Dosenöffner“. Mit so einem Wissen im Hinterkopf geht man anders in ein Spiel. Trotzdem darf man es nicht dabei belassen. Jedes Spiel ist neu, jedes Spiel ist anders, kein vorausgegangenes Spiel ist ein guter Prädiktor für das nächste. Ein vermeintlicher Angst- oder Lieblingsgegner kann sehr schnell das Gegenteil werden. Daher helfen diese Kategorien einer Mannschaft nicht.

Was müssen Sie also psychologisch gegen England machen?

Man darf so ein Spiel auch nicht verpsychologisieren. Es geht ganz banal darum, nach London zu fliegen und zu zeigen, was wir draufhaben. Man sollte in solchen Spielen immer von der eigenen Stärke ausgehen. Das ist die psychologische Hauptbotschaft.

Ist der psychologische Druck für die Spieler vor einem Spiel in der K.-o.-Runde geringer als bei einem Vorrundenspiel?

Druck gibt es im Leistungssport immer. Aber es gibt positiven und negativen Druck. Und aus meiner Sicht herrscht ein positiver Druck bei uns: Die Mannschaft steht im Achtelfinale und sie will mehr.

Nach dem Ungarn-Spiel gab es vom Boulevard drei Sechsen und fünf Fünfen. Was macht das mit den Spielern?

Das kann man nicht pauschal beantworten. Die Reaktionen auf Noten sind höchst unterschiedlich. Dem einen sind Noten sehr wichtig und die anderen lesen sie bewusst nicht. Aber natürlich gibt es auch Spieler, die mit den Köpfen schütteln, wie polarisierend der Boulevard mit der eigenen Nationalmannschaft umgeht. Meines Wissens ignoriert die Mehrheit der Jungs die Spielnoten.

Unsere Erfahrung ist, dass die meisten aktiven Spieler betonen, dass sie sich nichts aus Noten machen. Frühere Spieler geben nach ihren Karrieren dann oft zu, wie wichtig ihnen die Noten dann doch waren.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. Viele Fußballer wollen die Noten sehr wohl ignorieren, bekommen dann aber von Freunden oder aus der Familie etwas zugeschickt – nach dem Motto: Schau mal, wie ungerecht du benotet wurdest …

Zur Person

Hans-Dieter Hermann wurde 2004 von Jürgen Klinsmann in den Betreuerstab der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geholt. Seitdem ist der Sportpsychologe bei jedem Länderspiel dabei. Hermann ist Honorarprofessor am Institut für Sportwissenschaft der Uni Tübingen. Der 61-Jährige arbeitet als Führungskräftecoach und Dozent und ist Mitinhaber des 2007 gegründeten Instituts für Sportpsychologie und Mentales Coaching in Schwetzingen. Er betreut Athleten vieler anderer Sportarten, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sehr viel Kritik hat sich auf Leroy Sané konzentriert. Wie gehen Mannschaft, Spieler und Sie als Psychologe damit um?

Ich möchte interne Prozesse ungern preisgeben, aber ich kann Ihnen gerne generell etwas zu unserem Umgang mit Kritik sagen. Grundsätzlich habe ich beobachtet: Wenn ein einzelner Spieler sehr stark medial kritisiert wird, fangen ihn seine Kumpels innerhalb der Mannschaft auf. Das ist sehr offensichtlich und finde ich auch gut. Und auch die Trainer helfen dem Spieler beim Einordnen. Als Psychologe laufe ich gerade nicht als Erster zu einem Spieler, wenn er enorm in der Kritik steht. Denn ich möchte dem Spieler ja nicht das Gefühl geben, als würde ich davon ausgehen, dass er jetzt bestimmt ein psychologisches Problem hat. Natürlich bereite ich mich darauf vor, dass ich angesprochen werde. Ich bin aber hier zunächst defensiv.

Auch der Bundestrainer stand nach den Spielen gegen Frankreich und Ungarn sehr in der Kritik, wurde wie ein Depp der Nation dargestellt. Wie unterstützen Sie Joachim Löw in solchen Momenten?

Joachim Löw ist sehr klar auf seinem Weg. Er ist absolut stabil in dem, was er will und was er entscheidet.

Nehmen Sie Löw über die Jahre anders wahr?

Niemand verhält sich über Jahre immer gleich. Aber seine Lust und Freude am Fußball ist die gleiche wie vor 17 Jahren, als er mich zur Nationalmannschaft eingeladen hat. Er will etwas bewegen, er hat eine klare Idee davon, was auf dem Platz passieren soll – und er geht immer vom Besten bei seinen Jungs aus. Jogi arbeitet früher wie heute in erster Linie mit viel Vertrauen, was ich als Führungsstärke erlebe. Und der Mensch Jogi Löw hat sich ohnehin nicht verändert.

Wenn man Sie so reden hört, dann könnte man den Eindruck gewinnen, dass in den vergangenen Jahren alles Friede, Freude, Eierkuchen für Joachim Löw war. Wir haben da einen anderen Eindruck.

Ich bleibe dabei, dass sich der Mensch Jogi Löw nicht verändert hat. Aber natürlich gab es auch für ihn große Enttäuschungen. Und er hat mehrfach öffentlich beschrieben, wie intensiv er nach sportlich negativen Erlebnissen die Dinge hinterfragt und auch sich selbst dabei nicht schont.

Vor dem Turnier hat sich Löw entschieden, nach der EM aufzuhören. Ist dieses Turnier damit für ihn anders als die vorherigen Turniere?

Bestimmt. Einerseits bedeutet das möglicherweise etwas mehr Druck, weil der Abschluss immer die Gesamtbilanz mitbestimmt. Andererseits macht es auch noch mehr Freude. Alles, was gerade passiert, ist unwiederbringlich und noch werthaltiger. Weil Jogi Löw alles zum letzten Mal in dieser Funktion, mit dieser Verantwortung erlebt.

Als sehr wertvoll empfanden die Spieler auch immer, wenn sie während der Turniere von ihren Familien besucht werden. Das ist in Corona-Zeiten nicht möglich. Erschwert das Ihre Arbeit?

Tatsächlich ist das nicht schön für die Spieler, dass sie so lange auf ihre Familien verzichten müssen. In den vorherigen Turnieren war es immer ein Highlight, wenn nach guten Spielen der Trainer einen Tag freigegeben hat und die Familien vorbeikamen. Daraus konnten die Spieler viel Kraft ziehen. Dies fällt in diesem Sommer weg. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass in unserem Quartier eine wirklich gute und zielorientierte Stimmung herrscht.

2018 in Russland soll die Stimmung dagegen nicht gut gewesen sein. Auch Sie als Psychologe haben es nicht geschafft, eine Einheit zu bilden. Empfinden Sie das Scheitern in der Vorrunde auch als persönliche Niederlage?

Ja. Diese Pleite hat auch mich mit nach Hause begleitet. Ich kann ja als Teampsychologe nicht einfach behaupten, dass ich mit dem Vorrundenaus nichts zu tun gehabt hätte. Mich hat die WM in Russland enorm geschmerzt und auch ich persönlich habe danach vieles hinterfragt.

Sie sind seit 17 Jahren dabei. Hat sich Ihre Arbeit verändert?

Die Sportpsychologie war 2004 noch total neu. Ich bin bei der Nationalmannschaft mit Basisübungen eingestiegen, habe mentales Training gemacht und Teambuilding forciert. Die Sportpsychologie hat sich erst in den Jahren danach im Fußball etabliert. Mittlerweile kennt jeder Fußballer aus den Nachwuchsleistungszentren diese psychologischen Basistechniken, mit denen muss ich nicht mehr kommen. Die Sportpsychologie ist heute weiter und auch hier ist die technische Entwicklung, zum Beispiel in der Diagnostik, nicht stehengeblieben.

Die Akzeptanz ist höher?

Absolut. Die Furcht, dass man – salopp ausgedrückt – einen Seelen-Striptease hinlegen muss, wenn der Psycho-Doc kommt, ist schon lange überwunden. Es hat anfänglich etwas gedauert, bis alle Spieler verstanden haben, dass ich kein Psychiater bin. Mittlerweile ist es gelebte Normalität, die Unterstützung eines Sportpsychologen oder einer Sportpsychologin in Anspruch zu nehmen. Im Verein und in den Nationalmannschaften.

Die Nationalmannschaft wird nach der EM ohne Joachim Löw klarkommen müssen. Was ist mit Ihnen?

Das weiß ich noch nicht. Alles hat seine Zeit. Aber ich möchte mich wirklich ganz und gar auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Nach dem Turnier werden wir dann auch über meine Zukunft sprechen.

Psychologie-Gespräche mit Robin Gosens

Wer ist eigentlich Ihr Kummerkasten bei solch einem langen Turnier?

Ich habe keinen Kummer hier, aber sollte es einmal so sein, kann ich jederzeit vertrauensvoll zu Hause anrufen. Meine Frau ist auch Psychologin (lacht).

Tauschen Sie sich fachlich auch mit Robin Gosens aus? Er studiert ja Psychologie …

Tatsächlich haben wir uns schon öfter über unser gemeinsames Fach unterhalten. Er schickt mir auch immer mal wieder Studien oder Ähnliches, wenn sich die Nationalmannschaft längere Zeit nicht trifft. Er ist wirklich sehr an der Materie interessiert und hat klare Ideen, was er einmal damit machen möchte. Auch hier in unserem Quartier habe ich ihn schon mit Fachliteratur gesehen. Um ganz offen zu sein: Ich habe seinerzeit eher ökonomisch studiert. Aber ich hätte es machen sollen wie Robin. Er studiert klüger, als ich es je getan habe.