Herzogenaurach - Das Spektrum, das der Fußball-Nationalspieler Leon Goretzka auszufüllen weiß, ist nicht nur auf dem Sportplatz beachtlich. Dort ist der 26-Jährige, frisch genesen von einem Muskelfaserriss, nicht nur zwischen den Strafräumen unterwegs, sondern scheut sich auch nicht, regelmäßig in den Bereich einzutreten, der im modernen Trainersprech die „Box“ genannt wird. Am Sonnabend, als Einwechselspieler beim 4:2-Sieg gegen Portugal, rummste sein Schuss von der Strafraumgrenze an die Oberkante der Latte. „Ich muss das Ding einfach unten links reinschieben“, monierte der Schütze mit ein wenig Abstand selbstkritisch, sah dann aber auch gleich das Gute in dem Scheitern: „Es wird ein Spiel kommen, bei dem wir das Tor dringender benötigen. Ich hoffe, dass ich das dann hinkriege.“

Es spricht einiges dafür, dass Goretzka schon am Mittwochabend gegen Ungarn (21 Uhr/ZDF) von Beginn an mit präziser Schusskraft benötigt wird. Er kann die Rolle des leicht am Knie verletzten Thomas Müller ähnlich gut einnehmen wie die des ebenfalls angeschlagenen Ilkay Gündogan. Wahrscheinlich wäre es eine Win-Win-Situation: Ruhe für die einen, Spielpraxis für den anderen. Damit keine Zweifel aufkommen: „Meine Motivation“, sagt Goretzka, „geht bis in die Haarspitzen.“ Höher als Haarspitzen geht nicht. Sie standen bei dem Bayern-Profi bis vor kurzem extra hoch. Inzwischen war er beim Frisör.

Vor anderthalb Monaten noch fühlte er sich maximal malade. „Als ich aus dem MRT herauskam und dem Radiologen ins Gesicht geschaut habe, habe ich schon gefürchtet, dass das eine enge Kiste wird.“ Letztlich war die Kiste dann doch nicht so eng wie befürchtet. Mittlerweile fühlt der Mittelfeldspieler sich „wieder topfit“.

Abitur mit der Abschlussnote 1,7

Ziemlich fit ist der Abiturient mit Abschlussnote 1,7 auch im Kopf. Der Junge aus dem Ruhrgebiet gehört zur seltenen Spezies Fußballprofis, die von sich selbst erwarten, auf politische Debatten konkret zu reagieren und sich dabei nicht in Floskeln zu verlieren. Deshalb war Goretzka am Montag genau der richtige Spieler, den der DFB aufs Podium gesetzt hatte. Ursprünglich, um dessen Fortschritte auf sportlicher Ebene zu dokumentieren.

Es konnte angesichts der kunterbunten Diskussion um Spielführerbinde und Stadionbeleuchtung dann wenig überraschen, dass er gebeten wurde, Stellung zu diesen drängenden sportpolitischen Fragen zu beziehen. Er sagte unter anderem, dass er es für eine „tolle Idee“ halte, „Rassismus und Homophobie mit Vielfalt entgegenzutreten“. Ergo freue er sich „über jedes Zeichen, das gesetzt wird“, ganz egal, ob Spieler sich vor dem Anpfiff hinknien, vom Torwart eine Kapitänsbinde in bunten Farben gewählt oder ein Stadion in Regenbogenoptik illuminiert würde.

Grundsätzlich, so Goretzka, sei es „richtig und wichtig, dass die Uefa darauf achtet, dass der Sport nicht politisch instrumentalisiert wird“. Jedoch wäre es geradezu „absurd“, wenn es Sanktionen für Manuel Neuers Binde gegeben hätte. Zudem könne er keine Argumentation finden, die dagegen spräche, die Münchner Arena in Regenbogenfarben leuchten zu lassen.

Wenn ich für unser Land spielen darf, möchte ich für unsere Werte und Verfassung spielen, nicht für ein Land, das in der Geschichte nicht aufgepasst hat.

Leon Goretzka

Zum Farbenspiel der Deutschlandfahne hatte er sich schon vor geraumer Zeit eindeutig geäußert: „Wenn ich für unser Land spielen darf, möchte ich für unsere Werte und Verfassung spielen, nicht für ein Land, das in der Geschichte nicht aufgepasst hat. Schwarz-Rot-Gold sind die Farben unserer Demokratie, nicht der Rechten!“

Bei einer Niederlage droht ein ruhmloses Ausscheiden

In erster Linie aber geht es natürlich auch Leon Goretzka ums Fußballspielen, aber selbst das weiß er in diesen aufgeregten Wochen der Europameisterschaft klug mit gesellschaftlichen Debatten zu verknüpfen. Am Montag hörte sich das so an: „Nach diesen schwierigen anderthalb, zwei Jahren ist es schön, dass wir mal wieder 82 Millionen Bundestrainer haben und nicht 82 Millionen Virologen.“

Das letzte Mal, dass Leon Goretzka bei einem großen Turnier von Beginn an für Deutschland spielte, erinnert verdächtig an die Situation, die das DFB-Team am Mittwoch gegen Underdog Ungarn erwartet. Mit einem Sieg könnte gar Rang eins der Vorrundengruppe herausspringen, bei einer Niederlage droht ein ruhmloses Ausscheiden. Genauso waren die Voraussetzungen vor vier Jahren bei der WM gegen Südkorea gewesen. Goretzka spielte eine Stunde lang Rechtsaußen und kam dabei zu nichts. Es folgte: Thomas Müller. Das Ende ist bekannt. Es soll kein böses Omen sein. Nur eine Erinnerung.