Berlin - Wenn er jetzt daheim in Poitiers wäre, wüsste Cédric Énard, was er vor dem EM-Auftakt des französischen gegen das deutsche Fußballteam tun würde: Merguez, Würstchen und Fleischspieße kaufen, den Grill anwerfen und seine zwei besten Freunde aus der Stadt einladen, die er hat, seit er mit 15 begann, Volleyball zu spielen. „Fußballspiele bei Welt- oder Europameisterschaften sind immer Festtage in Frankreich. Es gäbe Rotwein, sehr guten Rotwein natürlich, ha, denn er ist ja für Freunde“, sagt Énard. „Und während des Spiels trinken wir gutes Bier aus Deutschland. Ein perfekter Auftakt.“

Der Trainer des deutschen Meisters BR Volleys ist großer Fußballfan. Als Kind spielte er vier Jahre im Verein, bevor er zum Rugby wechselte – und schließlich Volleyballer wurde. Énard ist während des EM-Spiels nicht in Poitiers in Westfrankreich, sondern als estnischer Nationaltrainer beim Golden-League-Turnier unterwegs.

Énard saß tagelang vor dem „Football-Manager“

Wäre er daheim, würde er vor dem Fernseher stolz Frankreichs Nationalhymne mitsingen, „das ist vielleicht meiner Rugby-Sozialisation geschuldet, denn im Rugby ist die Nationalhymne noch wichtiger als im Fußball oder im Volleyball“, meint der 47-Jährige. Und während des Spiels? Wie ist er da? „Laut“, sagt Énard, „sehr laut. Wir rufen ‚Allez les Bleus‘! Wir rasten aus. Bei WM- oder EM-Spielen gehört das zum Spaß dazu.“

Énard hat als Jugendlicher Panini-Sticker gesammelt. Später saß er tagelang vor dem Videospiel „Football-Manager“. Taktik fasziniert ihn. Die Organisation eines Teams. Manchmal habe er das Videospiel gar nicht gespielt, sondern nur beobachtet, um zu verstehen, wie ein Sieg aufgebaut wird, erzählt der Trainer, der 2018 mit seiner Frau und seinen drei Töchtern nach Berlin zog und sofort mit den BR Volleys Meister wurde.

Wäre er in der Hauptstadt, würde er die EM-Partie zwischen Deutschland und Frankreich in der Brasserie Lamaère in Wilmersdorf anschauen. Vielleicht mit Samuel Tuia oder Tim Carlé, den Franzosen aus dem Volleys-Team, dazu mit Anton Brehme oder Ruben Schott. „Es ist schade, Fußball-Länderspiele bei großen Turnieren nicht in Gemeinschaft zu schauen“, findet Énard.

Dem 1,97-Meter-Mann fällt es schwer, Mannschaftssport ohne den analytischen Trainerblick zu beobachten. Schließlich, meint er, „geht es letztlich immer um Organisation, Teamführung, Hierarchie, die Verbindung zu den Spielern – nur dass eben das Fußballfeld größer als das Volleyballfeld ist. Als Trainer hat man heute einen Assistenztrainer, einen Krafttrainer, einen Mentaltrainer und du trainierst zwar auch, aber vor allem bist du derjenige, der das Personal managt. Die Frage ist also nicht, wie einer schießt oder aufschlägt, sondern wie du die Menschen führst. Wie du auf einen Sieg oder eine Niederlage reagierst.“

Énard schwärmt von Didier Deschamps

In dieser Hinsicht haben Frankreichs Fußballer in Didier Deschamps einen perfekten Nationaltrainer, glaubt Énard. Als er noch Trainer bei den Volleyballern der Spacer’s Toulouse war und Deschamps Trainer bei Énards Lieblingsklub Olympique Marseille, traf der Volleyballcoach in der Lobby des Hotels, in dem beide Mannschaften residierten, auf den Fußball-Weltmeister von 1998 und 2018. Sie unterhielten sich. „Ich mag diesen Kerl. Er kommt aus dem Baskenland. Er ist unkompliziert. Er war Kapitän der Weltmeister-Elf 1998. Er ist ein Gewinner. Er hat etwas ganz Spezielles. Wohin er auch geht, er gewinnt. Trotzdem ist er bescheiden. Das liebe ich.“

Vor der EM hat Deschamps in der Nominierung von Karim Benzema zudem eine Entscheidung getroffen, die Énard begrüßt, die ihn aber erstaunt hat: „Eigentlich sind Basken dafür bekannt, niemals eine Entscheidung zu revidieren. Wenn du einmal raus bist, bist du raus. Aber Deschamps ist auch schlau. Mit einer Saison, wie sie Benzema in Madrid gespielt hat, wäre es verrückt, ihn nicht zurückzuholen. Irgendetwas ist jetzt passiert. Die beiden haben miteinander gesprochen. Benzema wurde nominiert. Für die Nationalmannschaft ist das sehr gut. Denn jetzt haben wir ihn, Mbappé und Griezmann. Jeder von ihnen kann ein Spiel allein entscheiden.“

Énard erwartet Pragmatismus beim Auftaktspiel

Die Stärke des amtierenden Weltmeisterteams, meint Énard, sei seine Zusammensetzung. „Black, blanc, beur wie wir in Frankreich sagen.“ Schwarz, weiß, arabisch, als Ausdruck der Multiethnizität in Anlehnung an bleu, blanc, rouge. So habe man für jede Situation, für jede Aufgabe, jede Stimmung einen prima Spieler.

Sein Gefühl sagt Énard, dass in der Auftaktpartie sowohl Frankreich als auch Deutschland die Vorgabe bekommen, eher nicht zu verlieren als zu gewinnen: „Da ist Deschamps pragmatisch.“ Vielleicht kämen dann Benzema, Mbappé oder Griezmann zum 1:0. Aber, sagt Énard: „Wir sagen in Frankreich: Fußball ist ein Spiel. Und am Ende gewinnt immer Deutschland.“