Düsseldorf - Die großen Linien auf dem Weg zum EM-Auftakt gegen Frankreich am nächsten Dienstag sind gezeichnet, die Mysterien gelüftet. Joachim Löw hat nach dem 7:1 im letzten EM-Test gegen Lettland zwar noch mal kurz sein Pokerface aufgesetzt und so getan, als seien seine Pläne noch ganz geheim. Doch was der Bundestrainer mit dem DFB-Team vorhat, weiß jetzt auch der französische Trainer Didier Deschamps ziemlich genau. Bis auf eine einzige Personalie, die noch geklärt werden muss. Dazu etwas später.

Joachim Löw schafft sich potenziellen Ärger vom Hals

Erst einmal ging es in die Luft. 18 Stunden nach dem Schlusspfiff in Düsseldorf landete der 26-Mann-Kader mitsamt Trainer- und Betreuerteam in Nürnberg zur Weiterfahrt nach Herzogenaurach. Dort befindet sich für die nächsten Wochen das EM-Basecamp auf dem Werksgelände von Adidas.

So smooth wie die Reisetätigkeit soll es bei der Europameisterschaft bestenfalls auch auf dem Fußballplatz zugehen. Löw dürfte in einer zentralen Frage erst einmal eine Lösung gefunden haben, die gleich zwei Probleme löst: Er bugsierte Joshua Kimmich gegen die harmlosen Letten aus der Mittelfeldzentrale nach rechts. Lukas Klostermann hatte dort nicht überzeugen können, Kimmich kann das besser. Gleichzeitig wurde so ein Platz neben Toni Kroos frei, den Ilkay Gündogan besetzen durfte. So schafft man sich als Bundestrainer potenziellen Ärger vom Hals und manövriert zugleich das beste Personal aufs Spielfeld.

Löw hat hinterher nicht vergessen, Kimmich ausgiebig zu loben: „Jo hat das sehr gut gemacht. Er hat das Format eines Philipp Lahm.“ Mehr Hochachtung als so ein hübscher Vergleich mit dem Weltmeisterkapitän geht wahrscheinlich nicht, zumal es Lahm 2014 ja ganz ähnlich gegangen war: Er hätte lieber zentral gespielt, musste dann aber in der Ausscheidungsrunde sein Ego dem großen Ganzen unterordnen und rechts verteidigen.

So ergeht es jetzt wohl auch Kimmich, der verstanden hat: „Ich sehe es als meine Aufgabe an, das große Mannschaftsziel zu verfolgen. Dabei will ich helfen.“ Es sei ihm „komplett egal, ob ich rechts spiele oder in der Mitte.“ Er werde es ohne Murren „so machen, wo der Trainer der Meinung ist, dass wir die beste Mannschaft auf dem Platz haben“. Ein wahrer Musterschüler in der Tradition eines Philipp Lahm.

Schwieriges Verhältnis mit Leroy Sané

Als wenig musterschülerhaft hatte Löw lange Zeit den schwerer erziehbaren Leroy Sané empfunden. Ergo: Rauswurf kurz vor der WM 2018. Zuvor nur zwölf Einsatzminuten bei der EM 2016, als gegen Frankreich längst alles verloren war. Es sah lange so aus, als könne der Künstler Löw mit dem Künstler Sané nicht viel anfangen, was verwundert: Trainer und Spieler sind sich in ihrem Verständnis vom schönen Spiel und der Leichtigkeit des Lebens eigentlich ähnlich.

Harmonischer wurde es erst, als Sané die Wege nach hinten mitmachte. Löw hat es wahrgenommen: „Leroy hat sich eindeutig verbessert, was die Defensivarbeit angeht.“ Den neuen, entspannteren Blick auf Sané hat auch Löws Assistent Marcus Sorg mit geschärft. Der sagt: „Jeder Spieler ist anders. Man muss gewisse Dinge auch mal in Kauf nehmen.“ Zum Beispiel, dass Sané ein wenig launenhafter trainiert als seine Spielkameraden.

Löw muss nun entscheiden, ob es für den 25-Jährigen für die Startelf reicht. Mit der Rückkehr von Thomas Müller ist einer der drei Plätze im Angriff besetzt. Über Serge Gnabry formulierte der Bundestrainer das nach wie vor gültige Gesetz: „Gnabry spielt immer.“ Bleibt eine freie Stelle für zwei Spieler: Leroy Sané oder Kai Havertz.

Havertz ist zwar verspätet zum Team gestoßen, dafür aber mit dem Vorsprung eines Finaltorschützen im Champions League-Endspiel. „Ein Moment“, sagt Havertz, „der mir mein Leben lang erhalten bleibt“. Der 21-Jährige hatte es geraume Zeit nicht leicht gehabt beim FC Chelsea, die unnachgiebige Härte der Premier League setzte ihm zu. Er sah zwischenzeitlich sogar mit dem Ball am Fuß traurig aus. „England war eine Riesenumstellung für mich. Aber auf die negativen Dinge schaut jetzt keiner mehr zurück, sondern alle nur noch auf das Tor im Finale.“

Am Montag gegen Lettland spielten Havertz und Sané je eine Halbzeit lang. Havertz legte zweimal auf und traf einmal selbst. Alles, was er tat, überall, wohin er lief: Es sah klug, durchdacht und strategisch aus. Sané, der Verspieltere, hatte es dann schwerer, weil nach der 5:0-Führung und vielen weiteren Wechseln der Spielfluss versiegte. Dennoch legte er zum 6:0 durch Timo Werner auf und traf zum 7:1.

Havertz sagt: „Ich bin ein Spieler, der Selbstvertrauen braucht.“ Das hat er jetzt endlich zur Genüge: „So werde ich auch in die EM reinstarten.“ Sané sagt: „Ich versuche, mir meine Position zu verdienen und vertraue dem Trainer, dass er die richtigen Entscheidungen trifft.“

Auf jeden Fall wird es eine knappe Entscheidung. Löw hat vorsorglich wissen lassen: „Wir brauchen Spieler im Turnier, die auch mal Frust wegstecken.“