Nyon - Ein leises Yeah aus den Reihen links vorne, dann lautes Schulterklopfen, Reinhard Grindel packt sie sich alle, Celia Sasic hat tatsächlich ein Glückstränchen im Auge und Philipp Lahm sieht fast wieder so erfüllt aus wie mit dem WM-Pokal in den Händen. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) darf in sechs Jahren die Fußball-Europameisterschaft ausrichten. Um 15.21 Uhr hat Uefa-Boss Aleksander Ceferin den Umschlag zerrissen und den Sieger der geheimen Wahl des Exekutivkomitees vorgelesen: „Germany“. Was aus Sicht der schulterklopfenden DFB-Delegation um Präsident Grindel, Integrationsbotschafterin Sasic und dem künftigen Turnierdirektor Lahm eigentlich ein kleiner Patzer war.

Der Gewinner ist Fußball. So hätte es eigentlich heißen müssen. So hatten es die Deutschen etwas anmaßend selbst formuliert – am Ende ihres Bewerbungsvideos, mit dem sie zwei Stunden vor der Wahl die 17 Mitglieder des Exekutivkomitees des Europäischen Fußballverbands Uefa in dessen Sitz am Genfer See überzeugen wollten. Die Botschaft: Eine EM in Deutschland ist das Beste, was dem Sport passieren kann. Das war also der letzte Schrei nach Zustimmung in einem eineinhalbjährigen Mühen. Und dann gaben zwölf Komitee-Mitglieder ihre Stimme dem DFB. In den Reihen rechts vorne im Auditorium: Schockstarre. Der türkische Verband (TTF) ist zum vierten Mal nacheinander gescheitert.

Im März 2017 hatte die Uefa die Bewerbungsanforderung bekanntgemacht, und wie es nun mal ist, wenn sich nur zwei um einen Hauptgewinn streiten, blieben gegenseitige Attacken nicht aus. Vor allem in den Wochen vor der Entscheidung war es nicht nur ein Werben mit eigenen Werten gewesen, sondern auch ein Kritisieren des Kontrahenten. Mal versteckter, mal offener. Auf türkischer Seite wurde probiert, aus der Affäre um den zurückgetretenen Nationalspielers Mesut Özil Profit zu schlagen, das deutsche Motto „Durch den Fußball vereint“ mit Verweis auf Özils Rassismusvorwürfe zu zerschmettern. Vor allem DFB-Präsident Grindel war ja von Özil hart angegangen worden – und das versuchten allen voran der Chef der türkischen Bewerbung Servet Yardimci sowie auch Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu nutzen, um die Glaubwürdigkeit des Kontrahenten zu erschüttern. Gerierten sich die Deutschen doch als die vorbildlichen Fußballweltverbesserer.

Aber auch Grindel hatte fleißig ausgeteilt. Erst am Vortag der Vergabe war bekanntgeworden, dass der DFB sich bei der Uefa über den niederländischen Exekutivkomitee-Vertreter Michael van Praag beschwert hatte, weil dieser entgegen der Regularien in die Türkei gereist war. Und angesichts der von Erdogan garantierten Steuerfreiheit und der Gratisnutzung der Stadien hatte der frühere CDU-Politiker Grindel kundgetan, dass Erdogan ja alles garantiere, was nicht niet- und nagelfest ist. Häufig war zuletzt der deutsche Zeigefinger erhoben: Die schummeln doch. Selbst im Moment des Triumphs konnte sich Grindel einen Seitenhieb nicht verkneifen. „Dass man mit einem sachlich begründeten Konzept, das auf Nachhaltigkeit und Transparenz setzt, ein so großes Vertrauen bekommt, ist ein Riesenkompliment für die Uefa“, sagte er.

Wenn man gewinnt, verliert auch einer

Da ist es nur gut, dass ein anderer das Gesicht der Europameisterschaft 2024 sein wird, einer, der sportliche Werte wie Fairness glaubhaft vertritt: Philipp Lahm. Für den 34-Jährigen markiert der 27. September 2018 den nächsten Karrieredurchstart. Der Weltmeisterkapitän und Ehrenspielführer des DFB ist nun im Kreis der Großfunktionäre angekommen, er wird das EM-Organisationskomitee leiten, wie es für die WM 2006 Franz Beckenbauer tat. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass er dies im Gegensatz zu Beckenbauer ohne sumpfige Korruptionswege und Absturz schafft.

Warum er nicht laut gejubelt habe, als Ceferin der Ausrichter verkündete, wurde Lahm hinterher gefragt. „Wenn man gewinnt“, antwortete er, „gibt es auch einen, der verliert. Man darf nie denn Respekt vor den anderen verlieren.“ Dieses Fingerspitzengefühl geht seinem Verbandschef ab. Und anders als dieser sprach er auch nicht von einem „ganz großen Tag für den Spitzen- und Breitenfußball in Deutschland“. Lahm sagte: „Das Schöne ist, dass wir in Deutschland wieder so ein Fest feiern dürfen.“ Ein Fest mit vielen Gästen. Wie 2006.

Spannend hat es die Uefa gemacht. Sechs Tage vor der Entscheidung hat sie den Evaluierungsbericht veröffentlicht, in dem die deutsche Bewerbung etwas besser bewertet wurde. Dann traf sich das Exekutivkomitee am Donnerstag um 9 Uhr und diskutierte. Erst mal wurde die Einführung des Videobeweises in der Champions League beschlossen, warum auch nicht. Um 12.05 brachten sechs schwarze Kleinbusse die deutsche Delegation in den Uefa-Glasbau. Das 1999 eingeweihte Gebäude am Ufer soll für Transparenz stehen. Nun, transparent ist das Glas ja, aber unter Straßenniveau.

Die finale Bewerbungsrunde fand denn auch im fensterlosen Auditorium statt. Um 13 Uhr präsentierte der DFB sein Video und parierte 15 Minuten lang Fragen. Dann waren um 13.35 Uhr die TTF-Abgesandten dran. Die Reihenfolge war ausgelost worden. Um 14.04 Uhr öffneten sich die Türen des Saals, links strömten die Mächtigen heraus, die 16 Männer und die eine Frau, die innerhalb der folgenden Stunde über die Vergabe entscheiden würden. Rechts die türkische Delegation. „Wir haben alles abgedeckt“, sagte Servet Yardimci, „jetzt müssen wir abwarten“. Die Menschenrechtssituation hatten er und seine Kollegen gleich selbst angesprochen, um den Fragen zuvorzukommen. In dem Evaluierungsbericht war das Fehlen eines Menschenrechts-Aktionsplans bemängelt worden.

Lira hat stark an Wert verloren

Daran ist die Bewerbung dann aber wohl nicht gescheitert, eher schon an den wirtschaftlichen Risiken im Land. Die Lira hat viel an Wert verloren. Und dann ist da noch dieses „wieder“, das Lahm betonte. Die Erinnerung an 2006 hat vermutlich auch geholfen. Denn emotionaler war – zumindest beim Vergleich der am Donnerstag präsentierten Videos – die türkische Bewerbung. Doch bekam sie nur vier Stimmen, eine Enthaltung wurde verzeichnet.

Vielleicht hat sich der eine oder andere gedacht: einmal Fest, zweimal Fest. Da können die Deutschen noch so krude Videos einreichen, in dem ein Lahm aus dem Jahr 2018 dem in Erinnerung an die 1960er schwelgenden Uwe Seeler eine Virtual-Reality-Brille reicht, mit der Seeler den Lahm aus dem Jahr 2024 ein euphorisches EM-Fazit ziehen sieht. Ehe die Zeit beginnt, rückwärts zu laufen und in Nyon 2018 und dem Satz „The winner is football“ endet.

Für die erfolgreichen Werber heißt es nun, in diese selbst glorifizierte Zukunft zu kommen. „Die EM wird dem Zusammenwachsen von DFB und Bundesliga helfen, aber auch eine Wirkung auf die Basis haben“, sagt Grindel. Der Austausch mit den Kommunen soll besser werden, um Sportplätze bereit zu stellen und etwas für die Trainerausbildung getan werden. Wie 2006 soll sich das ganze Land begeistern, und viele Jungen und Mädchen in die Vereine locken. Der Fokus liegt dennoch auf dem sportlichen Erfolg. „Wir wollen in den sechs Jahren dafür sorgen, dass wir ein Team haben, das um den Titel mitspielt“, sagt Grindel.

Ob er in sechs Jahren noch immer den Verband leitet? Das Abschneiden bei der WM 2018, der mindestens ungeschickte Umgang mit Mesut Özil und die sich auftuende Kluft zwischen Amateur- und Profifußball haben seine Position geschwächt. Wäre die Bewerbung gescheitert, er hätte sein Amt wohl nach all den Streitigkeiten verloren. Für ihn bringt die Entscheidung eine Atempause. Für Lahm hingegen hat der Aufstieg jetzt erst begonnen. Es wird seine EM – und er will sie mit allen teilen.