Fans des 1. FC Union danken den Ärzten und Pflegern im Krankenhaus Köpenick für ihre Arbeit.
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BerlinBei den Managern der Bundesligavereine haben sich die Ultraszenen zuletzt wenige Freunde gemacht. Schon die massive Kritik an Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp konnten die wenigsten Vereinsvertreter nachvollziehen. Und als mitgliederstarke Fan-Verbände wie „Unsere Kurve“ nach Beginn der Corona-Krise betonten, sie sähen in Spielen unter Zuschauerausschluss „keine Alternative“, riss manchem Vereinsvertreter die Hutschnur. Zumal „Unsere Kurve“ auch kritisierte, dass „der Profifußball eine Scheinrealität aufrechterhalte“, wenn er baldmöglichst wieder spielen wolle.

Die Vereinsverantwortlichen vertreten zu diesem Zeitpunkt eine ganz andere Sicht der Dinge: Wenn die letzte Rate der Fernsehgelder nicht fließe, seien viele der 56 000 Jobs in der Branche gefährdet. Man müsse, so eines Manager, „die Saison zu Ende würgen“. Egal wie.

Fans und Funktionäre liegen nicht weit auseinander

Tatsächlich liegen Fans und Funktionäre aber nicht weit auseinander und näherten sich in den letzten Tagen an. Die Absage der EM etwa hatte „Unsere Kurve“ längst gefordert, bevor sich die ersten Klubs trauten, das ebenfalls zu tun. Und auch in der Einschätzung, dass weite Teile der Branche auf eine existenzbedrohende Lage zusteuern, sind sich Fans und Vereine jetzt einig.

Zum Sinneswandel beigetragen hat eine DFL-Sitzung am Montag, bei der Geschäftsführer Christian Seifert mit einer eindringlichen Lagebeschreibung offenbar alle Profivereine überzeugte: „Es geht ums Überleben.“ Bei den meisten Klubs gab es danach vertrauliche Gespräche zwischen Managern und Fans, in denen es um Details ging. Den allermeisten Fans scheinen seither Geisterspiele das geringere Übel, wenn die Alternative die Pleite ihres Vereins ist. „Das Fernsehen macht einen Großteil der Einnahmen aus, was wir nicht unbedingt gutheißen, aber vielleicht sichert es den Vereinen in dieser Situation das Leben“, sagte der Berliner ProFans-Sprecher Sig Zelt gerade dem Magazin Kicker.

Dass viele Klubs am Rand des Ruins stünden, habe „jeder eingesehen“, berichtet auch Martin Endemann, Sprecher von „Football Supporters Europe“. „Die Leute beschäftigt die Frage, ob ihr eigener Verein überlebensfähig ist, ob es ihn in einem halben Jahr noch gibt.“ Wenn die Kosten für die Spielergehälter die Klubs schon nach einem Vierteljahr auffräßen, zeige das allerdings auch, „was für eine Blase der Profifußball“ sei. „Es wird da viel von Solidarität gesprochen, aber die müsste halt auch von allen Spielern kommen.“ Im eigenen Interesse: „Wer soll ihnen in zwei Jahren noch ihre Gehälter bezahlen, wenn die Vereine die nächsten Monate nicht überstehen?“

Große Bereitschaft zu helfen

Ungeachtet dieser Kritik ist die Bereitschaft groß, den Vereinen zu helfen. Von Bremen bis Karlsruhe verzichten tausende Fans darauf, sich verfallene Tickets auszahlen zu lassen, entsprechende Aufrufe finden sich auf den Seiten der meisten Ultragruppen. Vielerorts zahlen Fans sogar für Spiele, die sie nicht sehen dürfen: 1 500 „Geistertickets“ hat Regionalligist Kickers Offenbach verkauft, der VfL Bochum, Lok Leipzig und die Stuttgarter Kickers berichten von ähnlichen Aktionen ihrer Fans.

Derweil engagieren sich die Ultraszenen auch zivilgesellschaftlich. Von Erfurt bis Homburg und von Berlin bis Karlsruhe haben sie Plakate vor Krankenhäusern angebracht, mit denen sie sich beim Klinikpersonal bedanken. Über 40 Ultragruppen machen Besorgungen für alte und kranke Menschen oder spenden Blut. Ultras des VfB Stuttgart sammeln Spenden für ein Krankenhaus im italienischen Cesena – nur ein Beispiel für zahlreiche Solidaritätsaktionen der international gut vernetzten Gruppen. Und die Suptras Rostock rufen neben Blutspenden zu „Hamsterkäufen“ der besonderen Art auf: Bis Ostern soll der Online-Fanshop des Vereins leergekauft werden. In Zeiten, in denen der Ball nicht rollt, sei das das beste Mittel, um ihren Verein finanziell zu unterstützen.