Für einen Historiker hält Jewgeni Roisman seinen Schreibtisch wohl aufgeräumt. Seit vier Jahren lenkt er die Geschicke von Jekaterinburg als Bürgermeister. Seinen Amtsgeschäften geht er gern mal im knallroten T-Shirt statt im Anzug mit Krawatte nach. Roisman ist ein sportlicher Politiker. Den Hobby-Marathonläufer sieht man ihm an. Große Aufgaben stehen ihm bevor: Die 1,4 Millionen-Einwohner-Stadt Jekaterinburg zählt zu den elf Spielorten der WM in Russland im kommenden Jahr. Weiter östlich gibt es keinen mehr.

Für eine drogenfreie Stadt

Doch beim Confed Cup gerade kam der Fußball noch nicht bis nach Jekaterinburg: Die 35.000-Plätze-Arena, die an der Stelle des früheren Zentralstadions entsteht, ist noch  so sehr Großbaustelle, dass sogar Fotografieren verboten ist. Auch sonst wird in der viertgrößten Metropole des Landes, dem früheren Swerdlowsk am Uralgebirge, noch intensiv gebaut. Nach der WM soll das Stadion teils zurückgebaut werden für den Verein Ural Oblast Swerdlowsk. Weiße Elefanten, ungenutzte, überdimensionierte WM-Arenen wie in Südafrika oder Brasilien, sind tabu.

Roisman, 55, der sich seit Jahren für eine drogenfreie Stadt stark macht und als Liberaler nicht zum Putin-Lager zählt, berichtet „über den Einfluss der Deutschen − vor allem vieler Experten aus Freiberg in Sachsen − auf die Entwicklung des Bergbauwesens und der Stadt selbst. Im 18. Jahrhundert war Deutsch hier Amts- und Verkehrssprache“. Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten deutsche Strafgefangene zahlreiche Gebäude in Jekaterinburg errichten. Nun, erzählt er, hat seine Stadt etwa 250 Millionen Dollar vom Staat für Stadion und Ausbau der Infrastruktur erhalten. Den Confed Cup hat er interessiert verfolgt, sorgenvoll gar, weil nach dem Ausscheiden des russischen Teams das einheimische Interesse erheblich abflaute. Roisman, den bei Deutschlandreisen die Fußballplätze begeisterten, hofft auf einen Aufschwung für die Balltreterei nach der WM im ganzen Land. Noch ist Eishockey, auch aufgrund der Erfolge, weitaus populärer.

Eröffnung gegen Argentinien

Obwohl beim Confed-Cup-Finale kaum deutsche Fahnen zu sehen waren, wittern Sportreiseveranstalter wie Wolfgang Vieten ein gutes Geschäft bei der WM 2018: „Russland begeistert mit Kultur- und Naturreichtum sowie guter Infrastruktur.“ Es sind noch gut 340 Tage, dann soll am 14. Juni 2018 das Turnier beginnen. Eine eigens aufgestellte Countdown-Uhr vor dem Roten Platz in Moskau ist derzeit beliebtes Fotomotiv bei Touristen. Gebaut wird noch in allen elf WM-Austragungsorten. Im Schichtsystem schuften vor allem Arbeiter aus Zentralasien, aber auch aus Nordkorea zu Billigstlöhnen, selbst sonntags. Die Hauptstadt Moskau ist übersät mit Baustellen. Neben der Moskwa-Fluss-Brücke, die am Roten Platz und dem Kreml vorbeiführt, verlegen Arbeiter schwere Granitplatten. Russland will 2018 für sich werben. Die hektische 15-Millionen-Einwohner-Metropole Moskau boomt. Und beeindruckt. Längst hat westlicher Lifestyle Einzug gehalten.

Mitte November soll die 81 000-Zuschauer fassende Luschniki-Arena mit einem Freundschaftsspiel Russlands gegen Argentinien nach dreijährigem Umbau wiedereröffnet werden. Vor Russlands größter Arena, früher Lenin-Stadion, eine der imposantesten Statuen des umstrittenen Anführers der Oktoberrevolution 1917. Das gegenüber dem Kaufhaus GUM liegende Lenin-Mausoleum hat geschlossen. Eine Polizistin sagt im strengen Ton, es sei derzeit nur stundenweise an vorgegebenen Tagen geöffnet. Die junge Generation Russlands kann mit dem zu Sowjetzeiten propagandistisch ausgeschlachteten Heldenkult um Lenin ohnehin wenig anfangen.

Auf der großen Moskwa-Brücke nahe der Basilius-Kathedrale am Roten Platz ist am 28. Mai 1987 der damals 18-jährige Deutsche Mathias Rust mit seiner kleinen Cessna gelandet. Wenn man so will, auch eine herausragende sportliche Leistung. Mit seinem Flug durch den Eisernen Vorhang hatte Rust einst die sowjetische Flugabwehr heftigst blamiert. Das gab Michail Gorbatschow die Gelegenheit, sich von zahlreichen perestroikafeindlichen Generälen zu trennen. Auf der gleichen Brücke wurde am 27. Februar 2015 der Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen. Fotos und frische Blumengebinde erinnern daran.

Mafiosi-Gräber

Auch in Roismans Jekaterinburg gilt: Lenin lebt. Auf dem großen Platz gegenüber dem Rathaus thront er überlebensgroß auf einem mächtigen Denkmalsockel. 1918 wurde in Jekaterinburg die Zarenfamilie von Nikolaus II. ermordet. Besonders skurril ist der Friedhof: Verschiedene Mafiagruppen lieferten sich in den postsowjetischen Neunzigerjahren blutigste Kämpfe in der Stadt. Mehrere überdimensionierte Gräber mit Konterfeis der Mafiosi zieren die Umgebung des Eingangsportals.

Jekaterinburg liegt an der Strecke der berühmten Transsibirischen Eisenbahn, die Moskau über 9 300 Kilometer mit Wladiwostok im Osten verbindet − die längste Bahnstrecke der Welt. Das Teilstück von Jekaterinburg nach Moskau beträgt 1 668 Kilometer. Die Transsib, die 2016 ihr hundertjähriges Jubiläum hatte, liefert ein gutes Gefühl für die enorme Größe des Landes, die Vielfalt der Natur, aber auch für das Wohlstandsgefälle zwischen Großstädten und ländlichem Raum. Einfache Großraumwaggons mit bis zu 50 Liegebetten, aber auch die Luxus-Variante des Zarengold-Sonderzuges mit eigenem Abteil und Dusche sowie Wagenrestaurant bieten ein Erlebnis. „Er verkehrt in der Regel zwischen Mai und September“, sagt Felix Willeke vom Berliner Veranstalter Lernidee, Transsib-Spezialist.

Zur WM bietet die Russische Staatsbahn jedem Ticketinhaber die kostenlose Beförderung zwischen den Orten. Der für den Fernverkehr zuständige Bahnchef Piotr Ivanow geht von 2,6 Millionen Fußballfans aus, die die Schienenwege nutzen. Zu Details zu Sicherheitskonzepten, um Terroranschläge auf die Bahn zu verhindern, wollte der Bahnmanager nicht reden. „Wir werden alles Machbare tun. Zudem fahren auch in jedem Zug Sicherheitsleute mit.“

Kasan: Christen und Muslime

Der Geheimdienst im Putin-Reich soll so effektiv arbeiten wie beim zwischenfallfreien Confed Cup. Das merkte man vorigen Freitag, als Putin vom Dienstsitz Kreml in seine Wochenendresidenz fuhr. Seine Fahrzeugkolonne umfasste nahezu 30 dunkle Limousinen.

Auf halber Transsib-Strecke zwischen Jekaterinburg und Moskau liegt die WM-Stadt Kasan, wo zum Confed Cup Portugals Team residierte. Es ist die Hauptstadt der autonomen Republik Tatarstan, sogar mit eigener Verfassung. Hier fand 2013 die Universiade statt. Es gibt zahlreiche hochmoderne Sportstätten. Die Stadt begeistert durch eine hohe Lebensqualität, bedingt auch durch den Ölreichtum der Region. Es ist das muslimische Zentrum Russlands. 2005 wurde in Kasan die weithin sichtbare Kul-Scharif-Moschee eingeweiht − nahe der Mariä-Verkündigungskathedrale. Die Gebäude stehen für das friedliche Zusammenleben von Christen und Muslimen seit Jahrhunderten.

Die Confed-Cup-Reise durch Russland legt ein undeutsches Phänomen offen: Pünktlichkeit der Fernzüge. Sogar beim in Deutschland gefertigten Hochgeschwindigkeitszug Sapsan, der die Strecke Moskau − St. Petersburg in knapp vier Stunden erledigt. Beeindruckt vom Land schwärmte der Vizepräsident des Deutschen Fußballbundes Rainer Koch beim Finale von Putins Ansprache zum Eröffnungsspiel und der begeisterten Publikumsreaktion. Das klingt dann doch naiv − angesichts der von unabhängigen Organisationen wie Amnesty International zahlreich festgestellten Menschenrechtsverletzungen im Lande.

Die Reise wurde unterstützt vom Veranstalter Lernidee.