Warum Union Berlin das ungarische Nationalteam besser macht

Unions Andras Schäfer trifft mit den Ungarn in der Nations League auf Deutschland. Von seinen Fortschritten profitiert auch Nationalcoach Marco Rossi.

Andras Schäfer jubelt über seinen Treffer im WM-Qualifikationsspiel gegen Polen.
Andras Schäfer jubelt über seinen Treffer im WM-Qualifikationsspiel gegen Polen.Imago/Newspix

Es bedarf einer gewissen Prominenz, um bei Instagram, Twitter oder Facebook zu sehr, sehr vielen Followern zu kommen. Oder eben eines Alleinstellungsmerkmals, um sich in den sozialen Netzwerken von den anderen abzuheben. Andras Schäfer, 23 Jahre alt, über 60.000 Follower bei Instagram, hat beides. Zum einen ist er Fußballprofi, spielt für den 1. FC Union Berlin und für die ungarische Nationalmannschaft, zum anderen sind seine Beiträge bei Twitter und Instagram echt unterhaltsam – im Gegensatz zu den Beiträgen vieler anderer Fußballprofis, die solche Kanäle oft nur zur eitlen Zurschaustellung ihrer selbst nutzen und damit letztlich nur langweilen.

Schäfer, der mit den Ungarn am Freitagabend in Leipzig im Rahmen der Nations League die deutsche Nationalelf fordert, ist zur Selbstironie fähig, hat Witz. Wie sich zuletzt aber nicht nur bei einem Tweet bezüglich der Tabellenführung der Eisernen gezeigt hat, als er dies mit einem Schlenker zu Donald Trump kommentierte („STOP THE COUNT!!!“), sondern eben auch bei seinem ersten Interview in deutscher Sprache.

Erster Kontakt mit Union im Sommer 2021

Bei AFTV, dem klubeigenen Sender, war dies zu sehen, wobei die Moderatorin von ihm wissen wollte, welcher Verein beziehungsweise welcher Trainer ihn bis dato am meisten geprägt habe. Schäfer überlegte einen Moment mit ernster Miene, antwortete dann mit einem breiten Grinsen: „Ich muss wohl jetzt Urs (Fischer, Anm. d. Red.) sagen.“ Im nächsten Moment, um nicht den Verdacht der Eulenspiegelei zu erwecken, fügte er nun wieder mit ernster Miene Folgendes hinzu: „Nein, nein, es ist wirklich verrückt: Seit ich hier bin, habe ich unglaublich von ihm gelernt, aber auch von meinen Mitspielern.“

Nach ein paar Lehr- und Wanderjahren, die ihn über MTK Budapest, CFC Genua und Chievo Verona zum slowakischen Erstligisten DAC Dunajska Streda geführt hatten, und infolge der Europameisterschaft im letzten Jahr, bei der er einen nicht unwesentlichen Beitrag zur ungarischen Erfolgsgeschichte geleistet hatte, war es schon im Sommer 2021 zu einem ersten Kontakt mit den Eisernen gekommen. Am liebsten hätten die ihn gleich verpflichtet, was aber nicht möglich war. So mussten sich Schäfer und Union erst mal gedulden, bevor er im Januar dieses Jahres für eine Ablösesumme in Höhe von etwa einer Million Euro nach Köpenick wechseln konnte.

Nicht mehr nur vierte, sondern erste Wahl

Inzwischen hat er sich, nachdem er zunächst doch ein paar Anpassungsprobleme offenbart hatte, an das Tempo, die Intensität und die Zweikampfschärfe der Bundesliga gewöhnt, ist in Fischers 3-5-2-System bei der Besetzung der beiden Achter-Positionen nicht mehr dritte oder vierte, sondern erste Wahl. Und inzwischen hat er auch die Luft und den Mumm, um in der Offensive als spielintelligenter Akteur über das Pflichtprogramm hinaus Akzente zu setzen.

Als Beispiel sei hier noch einmal seine gefühlvolle Direktablage auf Jordan Siebatcheu im Spiel gegen den VfL Wolfsburg erwähnt. So locker-leicht kann Bundesliga-Fußball aussehen wie in dieser Szene aus der 47. Minute, leider verzog Siebatcheu im Abschluss.

Schäfer zählt also wie Roland Sallai (SC Freiburg), Peter Gulacsi, Willi Orban und Dominik Szoboszlai (alle RB Leipzig) zu einer Reihe von ungarischen Fußball-Profis, die in der Bundesliga in den vergangenen Jahren sportlich einen großen Schritt nach vorne gemacht haben. Die soeben Genannten bilden im Endeffekt sogar die Achse im Spiel von Auswahltrainer Marco Rossi, der sich mit seinem Team zwar nicht für die WM in Katar qualifizieren konnte, sich aber durch die Erfolge bei der EM und in der Nations League seiner Sache ziemlich sicher sein darf.

Im Hinblick auf das Duell mit der Auswahl des DFB, bei dem es um die Tabellenführung in der Gruppe 3 der League A geht, sagte der Italiener: „Mein Ziel ist es, dass die Mannschaft erneut beweist, dass sie keine Angst vor Sané, keine Angst vor Kimmich, keine Angst vor irgendjemandem hat und erhobenen Hauptes vom Platz gehen kann.“