Union-Fans
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BerlinFußball ist eine tolle Sache. Im Weserstadion in Bremen erlebte ich als Kind mein erstes Spiel, gegen die Bayern. Aus dem Bremer Fanblock flog ein Becher in den Fanblock der Münchner. Es sah nach Bier aus, war aber Urin. Hinter mir schrie jemand, der Schiri sei eine Fotze. Als ich meine erwachsene Begleitung fragte, was das Wort bedeute, hieß es, das müsse ich noch nicht wissen. Fußball ist wirklich eine tolle Sache.

Neulich, als ich bei Hertha im Olympiastadion war, rief ein Zuschauer in der Berliner Fankurve, man solle den Neger vom Feld nehmen. Er meinte Salomon Kalou, der gerade eine Chance versemmelt hatte. Ich drehte mich zu dem Mann um, sagte ihm, er möge seine Ausdrucksweise ändern. Er antwortete, das sei doch nur Spaß. Natürlich: nur Spaß. Gesichter im Fadenkreuz, Affenlaute, Fotze: alles nur Spaß, dieser Fußball.

Wut auf den Vermieter oder Freude über den neuen Spieler

Vor allem für Menschen mit Geld. Russische Oligarchen kaufen ganze Vereine, arabische Scheichs kaufen ganze Vereine, Sponsoren polieren ihren Ruf auf mit ganzen Vereinen, Aktionäre streben nach Gewinnmaximierung mit ganzen Vereinen. Beim 1. FC Union, dem authentischen Verein von ganz unten, wo Schweiß noch Schweiß und Köpenick noch Köpenick ist, heißt der Sponsor Aroundtown. Dabei handelt es sich um ein Immobilienunternehmen, dessen Firmenstruktur so durchschaubar ist wie eine Kelle pürierte Kartoffelsuppe mit Einlage.

Aroundtown ist der viertgrößte Besitzer von Gewerbeimmobilien in Europa und u. a. beteiligt an Grand City Properties, einer Firma, die wiederum 85.000 Wohneinheiten besitzt, viele davon in Berlin. Das Geschäftsmodell besteht darin, sanierungsbedürftige Wohnungen aufzukaufen, zu sanieren und teuer zu vermieten oder zu verkaufen. Sollte ein Union-Fan demnächst ins Berliner Umland ziehen müssen, weil die Miete gestiegen ist, könnte er vor zwei Alternativen stehen: sauer sein auf den Vermieter oder sich freuen über das Geld, mit dem ein neuer Spieler eingekauft wird. Ist alles nur Spaß, Leute.

Das Pferd ist längst tot

Wer heute an den echten Fußball glaubt, kernig und dreckig, Traditionsklub und Malocherkultur, hat den Schuss nicht gehört, obwohl das Pferd längst tot ist. Sich als Fan von Union oder der Bayern – Telekom, Audi, Allianz – oder Dortmund – Evonik, Signal Iduna – darüber aufzuregen, das andere Vereine – Hoffenheim, Leipzig – mit Geld aufgepäppelt werden, ist so absurd wie die Hoffnung, dass eine Firma wie Aroundtown aus lauter Gutmütigkeit in Deutschland Steuern zahlt. Wer den Spuren der Firma folgt, stößt schnell auf mehrere Hundert GmbHs auf Zypern. Die Insel gilt als Schattenfinanzplatz, wo man vergeblich nach Eigentümern sucht.

Gegen Aroundtown ist Dietmar Hopp, der Mäzen von Hoffenheim, ein seriöser Kerl, der sein ehrlich verdientes Geld in einen Verein steckt, der oft guten Fußball spielt. Wer in ihm die Verkörperung der Kommerzialisierung des Fußballs sieht, sollte in den Spiegel sehen, wo wahrscheinlich eine der hässlichsten Eigenschaften des Menschen zurückblickt: Neid. Hopps Gesicht in ein Fadenkreuz zu setzen, ist in Zeiten, in denen Männer allen Alters nach Gründen für einen Amoklauf suchen, nichts weiter als ein Mordaufruf, für den Strafe sein muss.

Ich habe mir fünf Jahre Stadionverbot erteilt. Zu viele Nazis, zu viel Geld, zu viel Rassismus, zu viele durchgeknallte Fans, zu viele alberne Choreographien, zu viel Verlogenheit. Fußball war eine tolle Sache.