Lille - Eine Tour de France hält auch eigenwillige Etappen bereit. Und manche werden in der Rückschau nur als Durchgangsstation in Erinnerung bleiben. Für das zweite WM-Gruppenspiel gegen Spanien (Mittwoch 18 Uhr/ ZDF) im nordfranzösischen Valenciennes hat die deutsche Frauen-Nationalmannschaft ein direkt an die Autobahn gebautes Mittelklassehotel in Marcq en Baroeul im Norden von Lille beziehen müssen. Die 38 000-Einwohner-Vorstadt ist von Valenciennes zwar eine Dreiviertelstunde Autofahrt entfernt, aber das gehört für die deutschen Fußballerinnen genauso dazu, die die knapp 600 Kilometer von Rennes nach Lille im Schnellzug TGV.

Die Kunst ist es, Reisen mit Regeneration zu verknüpfen, wenn ein 1:0-Arbeitssieg wie gegen China mit derlei körperlichen Qualen verbunden ist. „Da waren grenzwertige Sachen dabei, mit auf die Füße treten oder in den Gegner reinspringen“, sagte Torhüterin Almuth Schult. Der Auftakt lieferte einen Vorgeschmack auf den weiteren Turnierverlauf: Die Widerstände haben sich im Frauenfußball vergrößert, weil die Athletik bei fast allen Teilnehmern teils signifikant besser geworden ist. Bedeutet: Wer weit kommen will, muss auch weit über die Schmerzgrenze gehen.

Geheimnis um die Spielmacherin

„Es gibt keine einzige Spielerin, die keinen blauen Fleck hat“, berichtete Verteidigerin Kathrin Hendrich. Am schlimmsten hat es ausgerechnet Spielmacherin Dzsenifer Marozsan erwischt, die früh von Shanshan Wang mit gestrecktem Bein angegangen wurde. „Ihr Fuß sieht nicht gut aus“, hatte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg direkt danach gesagt. Seitdem heißt es vom DFB-Team nur, dass bei ihrer Fußproblematik „von Tag zu Tag geschaut“ werde. Die deutsche Nummer zehn „geht wieder in die Belastung“. Es sehe gut aus, „dass wir alle wieder gesund kriegen“. Die mit Abstand beste Fußballerin fehlte allerdings beim munteren Nachmittagstraining im Stade Lille Metropole, der früheren Spielstätte von OSC Lille, absolvierte nur eine individuelle Einheit im Kraftraum.

Die Geheimniskrämerei um die Starspielerin von Olympique Lyon, die sich für das Event in der Wahlheimat so viel vorgenommen hat, kommt nicht von ungefähr: Die 27-Jährige war schon bei der WM 2015 in Kanada im Training auf Kunstrasen umgeknickt, schleppte sich anschließend angeschlagen durch die Spiele, ehe sie wegen einer Operation am Sprunggelenk monatelang ausfiel.

Voss-Tecklenburg wollte die Startschwierigkeiten nicht allein auf die gegnerische Härte schieben: „Das wäre mir zu einfach, wir haben uns selber rausgebraucht.“ Entweder mit langen Schlägen, die ihren Spielplan konterkarierten. Oder mit selbst von der Bundestrainerin als „No-Go“ bezeichneten Querpässen von Sara Doorsoun, die die Abwehr verunsicherten. Ihre Klubkollegin Lena Goeßling vom VfL Wolfsburg, 33, war in der Innenverteidigung zwar die langsamere, aber die ballsichere Variante. Es stellt sich ja die Frage, wie schnell die Lernprozesse bei jenen 15 Akteuren dauern, die ihre erste WM spielen. Voss-Tecklenburg jedenfalls erwartet, „dass es gegen Spanien besser funktioniert“.

Weil abermals nur wenige Hundert deutsche Zuschauer Karten erworben haben, wird es kaum etwas mit der erhofften Heimkulisse im 254 127 Plätze bietenden Stade du Hainaut. Immerhin zieht der Gegner spielerische rustikalen Lösungen vor. „Die Spanierinnen wollen mehr den Ball haben, so wie wir auch. Ich denke, dann wird es mehr nach Fußball aussehen“, glaubt Torschützin Giulia Gwinn. Kapitänin Alexandra Popp hofft, dass die Spanierinnen „uns besser liegen.“

Außergewöhnliche Fähigkeiten

Aus dem direkten Duell im November 2018 kann Popp diesen Eindruck nicht gewonnen haben: Damals tat sich das deutsche Team überaus schwer, doch darüber sprach nach eine 0:0 in Erfurt niemand mehr.

Eigentlich hätte zu diesem Zeitpunkt schon Voss-Tecklenburg an der Seitenlinie stehen soll, doch weil sich die Schweiz noch in die WM-Play-offs verirrte, wo sie scheiterte, verspätete sich ihr Einstand. Der damals ebenfalls noch bei den Eidgenossen eingebundene Patrik Grolimund vertraut als Assistent seiner Chefin jetzt voll und ganz: „Sie managt das gesamte Trainerteam und die Mannschaft mit außergewöhnlichen Führungsfähigkeiten.“ Ganz egal, wo der Tross gerade durch Frankreich tourt.