Fußballklub Berlin United: Das Businessmodell

Es ist eine sehr feine Adresse am Berliner Kurfürstendamm, ein Altbau. Im vierten Stock residiert die Firma „Connect – Real Estate Investment Group“. Stefan Teichmann, 42, arbeitet dort als Projektmanager. Aber für Aufsehen sorgt der Architekt im Moment vor allem als der Mann, der mächtig Bewegung in den Berliner Amateurfußball bringt. Dem möchte er allerdings am liebsten schnellst möglich wieder entfliehen.

Vor wenigen Wochen ist Teichmann zum 1. Vorsitzenden des Fußballklubs Berlin United gewählt worden. Davor hat er den Berliner Landesligisten Club Italia übernommen, bei dem Thomas Häßler Cheftrainer ist. Teichmann hat den Club Italia vor dem Niedergang gerettet. Offiziell ist es eine Fusion. Bis zum Saisonende kickt der Landesligist noch unter seinem alten Namen, von der kommenden Spielzeit an unter dem bunten Logo von Berlin United.

Teichmann empfängt in einem großzügigen Raum, lässt Kaffee, Wasser und kleine Schokoladentäfelchen servieren. Er wirkt sportlich, ist eloquent, smart. Schnell wird klar: Der Mann hat einen genauen Plan, den er konsequent umsetzen möchte. Ihm schwebt ein Fußballklub vor, der ganz Berlin und Brandenburg repräsentiert. Oder sind es Spinnereien und Luftschlösser, wie es sie schon so oft in Berlin gab?

Teichmann sieht Berlin United als Businessmodell, setzt auf professionelles Marketing, er sagt: „Das ist mein Hobby.“ Teichmann will zahlreiche Sponsoren und Investoren gewinnen. Das wollte der Club Italia in der Vergangenheit auch schon.

Sechs neue Spieler

Der 1980 gegründete Verein, der die große italienische Gemeinde in Berlin hinter sich wähnte, war stets mit hochfliegenden Plänen unterwegs, sehnte sich danach, irgendwann in den überregionalen Fußball zu gelangen. Italia holte Anfang 2016 den gebürtigen Berliner Häßler als Trainer, den Weltmeister von 1990. Ihm gelang der Aufstieg von der achten in die siebte Liga. Doch nun, zwei Jahre später, geriet der Club Italia in finanzielle Nöte. Viele Spieler gingen. Der Traum vom Durchmarsch durch die Ligen war beendet.

Stefan Teichmann wiederum hat 2017 mit vier Jugendteams eher unbeachtet Berlin United gegründet. Er erfuhr von den Nöten des Häßler-Vereins und sah die Chance, stärker in den Männerfußball einzusteigen. „Ich bin zu Italias Vorsitzenden Giovanni Bruno gegangen. Wir haben stundenlang diskutiert, bis wir zusammengekommen sind“, erzählt Teichmann. „Wir haben dann zuerst alle Trainer von Italia eingeladen und danach die Spieler. Alle fanden unsere Idee einer Fusion sehr interessant.“ Durch die Verbindung zu Italia musste United nicht in der untersten Liga starten, weshalb diese Geschichte an RB Leipzig erinnert. Der heutige Bundesligist übernahm 2009 das Startrecht des SSV Markranstädt in der Oberliga Nordost.

Das Projekt Berlin United soll „nachhaltig und auf lange Sicht angelegt sein“, sagt Teichmann. Ziel der kommenden Saison ist der Aufstieg in die Berlin-Liga. Schon in der Winterpause stieß mit Lennart Hartmann, 27, ein ehemaliger Hertha-Profi zum Team. „Im Sommer“, sagt Teichmann, „kommen sechs neue Leute. Wir haben in der Berlin-Liga, der Oberliga und auch in der Regionalliga gescoutet. Das sind meist alles Leute mit Führungsspielerqualitäten. Manche nennen uns schon Weltauswahl der Landesliga.“ Trainer Häßler liegt ein unterschriftsreifer Vertrag vor. „Der Abschluss ist nur noch Formsache“, sagt Teichmann. Ende Mai soll es soweit sein.

Teichmann ist „kein typischer Fußballer“, wie er zugibt. „Ich habe nur in der Kindheit gespielt.“ Später war er Jugendtrainer beim FC Förderklub René Schneider in Rostock, der mit dem FC Hansa kooperiert. Teichmann stammt aus Rostock. Später in Berlin betreute er ein Jahr lang ein Jugendteam bei Hertha 03 Zehlendorf. „Aber dort waren die Strukturen sehr festgefahren. Ich hatte neue Ideen. Das reichte mir alles nicht aus.“

Henryk Pyritz ist der Sportliche Leiter des besonderen FC Förderklub in Rostock und der Fußballschule des früheren Bundesligaprofis Schneider. Pyritz sagt: „Stefan Teichmann war bei uns ein engagierter Jugendtrainer und später auch Jugendkoordinator. Ich kenne seine Ideen und Pläne mit Berlin United und glaube, dass es funktionieren kann. Er hat sich einiges bei uns abgeschaut und in Berlin große Möglichkeiten, seine Pläne umzusetzen.“

Und Bernd Schultz, der langjährige Präsident des Berliner Fußballverbandes (BFV), meint: „Wir stehen den Plänen erst einmal positiv gegenüber, vor allem, wenn etwas für die Jugend getan wird.“

Teichmann denkt in größeren Dimensionen als viele Berliner Fußballfunktionäre. Er setzt dabei auf das Label Berlin. „Den Berliner Primus Hertha BSC kennt jeder in der Stadt und in Deutschland, aber fragt man in Paris oder London nach Hertha, schütteln viele mit dem Kopf. In Berlin aber kennen alle Fußballfans etwa Paris St. Germain oder Arsenal London. Ich denke, in Berlin ist genügend Platz für einen neuen Klub, der überregional spielt.“ Die Vision: „Wir wollen eine Plattform bieten, die vielleicht einmal alle Berliner und Brandenburger verbindet.“

In Berlin gab es immer mal wieder Bestrebungen, einen großen Fußballklub Berlin zu bilden. Ende der Fünfziger scheiterte eine Fusion zwischen Hertha BSC und Tennis Borussia am Votum der Hertha-Mitglieder. 1986 verliefen Gespräche zwischen Hertha, TeBe, Blau-Weiß 90 und dem SCC im Sande.

Fahndung nach Bauland

Solche Geschichten schrecken Teichmann nicht ab. Berlin United zählt rund 100 Mitglieder, doch der 1. Vorsitzende denkt in „Meilensteinen“, wie er sagt. Seine Prioritäten: „Aufstieg der Ersten Mannschaft, Förderung vieler Jugendteams mit guten Trainern und Aufbau eines eigenen Klubgeländes.“ Nach Bauland für ein Nachwuchsleistungszentrum wird gerade intensiv gesucht. Vorbild sind dabei RB Leipzig, aber vor allem RB Salzburg: „Sehr schick!“

Gefahndet wird nach einem vier bis acht Hektar großem Grundstück in Berlin. „Wenn das gefunden ist, können wir vielleicht im Idealfall in eineinhalb bis zwei Jahren bauen.“ Teichmann hat seine Firma samt Netzwerk im Hintergrund. Über die ist zu lesen: „In der Connect Real Estate Group stellen wir uns der Herausforderung, unseren Kunden alle Dienstleistungen entlang der Wertschöpfungskette einer Immobilie aus einer Hand zu bieten.“

Vielleicht wird Berlin United künftig das wichtigste Unternehmen des vielseitigen Projektmanagers Stefan Teichmann. „Ich will Fußballgeschichte neu schreiben“, sagt er lächelnd, aber mit Nachdruck. Er weiß: Das wird garantiert viel Zeit in Anspruch nehmen und bedarf eines langen Atems samt vieler Investoren.

Die Gegenwart heißt Berolina Mitte: Gegen dieses Team spielt die Mannschaft von Club Italia an diesem Sonnabend. Zuletzt verlor sie vor 50 Zuschauern 1:5 bei Concordia Wittenau. Sie steht auf Platz neun der Landesliga, 1. Abteilung. Der Klub steht ganz am Anfang.