Vor eineinhalb Wochen schien die Welt des Rainer Koch noch in Ordnung zu sein. Da wählten 98 Prozent der Delegierten den Richter aus Poing bei München und Präsidenten des Bayerischen Fußball-Verbands beim Verbandstag des Süddeutschen Fußball-Verbands in Kassel zum neuen SFV-Präsidenten. Man könnte folgern: Der Nachfolger des nicht mehr für das Amt kandidierenden Hessen Rolf Hocke ist unter den Fußballfunktionären der fünf im SFV zusammengefassten Landesverbände sehr beliebt.

Schenkt man den Schlagzeilen der Bildzeitung vom Dienstag Glauben, ist der für Recht und Satzungsfragen zuständige Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bunds bei DFB-Präsident Theo Zwanziger weit weniger wohlgelitten. „Stolpert DFB-Vize über Amerell“, titelte das noch immer auflagenstärkste, vor allem aber einflussreichste Boulevardblatt und berichtete, Koch habe sich „heimlich“ mit Manfred Amerell getroffen. Der 53-jährige Richter am Oberlandesgericht München bestätigte die Zusammenkunft mit dem ehemaligen Schiedsrichter-Obmann. Amerells Funktionärskarriere nahm im vorigen Jahr ein abruptes Ende, nachdem ihm der junge Referee Michael Kempter vorgeworfen hatte, seine Position zur Erlangung sexueller Gefälligkeiten missbraucht zu haben.

Entschieden zu selbstbewusst

Amerell, 64, der von einem einvernehmlichen Liebesverhältnis spricht, hat die Demütigung, die ihm widerfuhr, nie verwunden. Die DFB-Bosse bekamen das vorige Woche zu spüren, als bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft München I gegen etliche Schiedsrichter wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt. Alsbald war klar: Amerell hatte von seinem Insiderwissen Gebrauch gemacht und die einstigen Kollegen und Weggefährten angezeigt.

Man kann sich ausmalen, wie beliebt Amerell in den Fluren der Macht im Frankfurter Stadtwald ist. Zumal Amerell keine Gelegenheit ausließ, Zwanziger aufs Korn zu nehmen. Er nimmt dem DFB-Präsidenten übel, dass der sich in der „Amerell-Affäre“ im turbulenten Frühjahr 2010 früh auf Kempters Seite schlug.

Koch, von 1998 bis 2007 Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, mag die verfahrene Situation als Auftrag für eine diplomatische Mission verstanden haben. Was ihm nun Ärger beschert, ist die Tatsache, dass ihn weder das Präsidium noch der Präsident des Großverbands mit einer solchen Mission betraut hatten. Weil Koch keinen Anlass gesehen hatte, Zwanziger vorab vom Treffen mit Amerell zu informieren, ist der DFB-Boss nun höchst erzürnt und hat Koch umgehend zum Rapport bestellt.

Zu den interessanten Fragen zählt auch die nach den Informationskanälen beim DFB. Zuletzt gelangten Interna aus der DFB-Zentrale bevorzugt in die Redaktionsstuben der Springer-Presse. Das ist ziemlich peinlich für den DFB-Mediendirektor Ralf Köttker. Denn der arbeitete zeit seiner Karriere als Sportjournalist für Blätter des größten deutschen Medienkonzerns. Anders als der vorgebliche Alleingang von Koch, scheint der auffällige Informationsfluss nicht Zwanzigers Missfallen zu erregen.

Vermutlich gibt es die „atmosphärischen Störungen“ zwischen Koch und Zwanziger, von denen ein DFB-Präsidiumsmitglied spricht, schon länger. Nur kurze Zeit nachdem die Vorwürfe gegen Amerell öffentlich geworden waren, gab Koch die Zuständigkeit fürs Schiedsrichterwesen ab. Er sei als zuständiges Präsidiumsmitglied viel zu spät über die Vorgänge unterrichtet worden, klagte Koch damals. Seine Konsequenz trug ihm öffentlich viel Lob ein, soll aber Zwanziger ganz und gar nicht gefallen haben. Er wertete Kochs Rückzug offenbar als Fahnenflucht. Auch ist ihm der Bayer entschieden zu selbstbewusst. Aber dagegen lässt sich ja was tun.