Dieser Weg ist neu. Hinter der Stadtgrenze von Berlin, vorbei an Feldern, einem großen Caravan-Center und der örtlichen Feuerwehr endet am Donnerstagabend um 19.30 Uhr die Anreise in Dahlwitz-Hoppegarten. In der Turnhalle einer Oberschule sind noch ein paar ältere Herrschaften sportlich tätig. Durim Elezi und seine drei Teamkollegen warten also draußen, kicken  mit dem Ball, versuchen, einen Betonmülleimer zu treffen. 45 Minuten hat die kleine Reisegruppe des FC Liria aus Mitte mit dem Auto gebraucht.

Es ist das erste Mal, dass sie in dieser Halle trainieren. Für eine vernünftige Einheit nimmt der Spielertrainer des Futsal-Teams solche Anreisen auf sich. „Das sind die Hallenprobleme in Berlin“, erzählt Elezi. Es habe Zeiten gegeben, da hat er einem Hallenwart in Berlin aus eigener Tasche Geld gegeben, damit er mit seinen Jungs noch am späten Abend in einer Halle trainieren konnte.

Entscheidung in Bielefeld

Was mit ein paar Trainingseinheiten möglich ist, hat der Verein am Sonnabend vergangener Woche gezeigt: In Bielefeld erreichte der FC Liria nach Neunmeterschießen das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. An diesem Sonnabend empfangen sie nun den TSV Weilimdorf, das Rückspiel wird eine Woche später sein.

Zweiter waren sie schon einmal 2016, die Berliner. Durim Elezi gehörte damals bereits zum Team. Zwischendurch hatte es ihn zum VfL Hohenstein-Ernstthal nach Sachsen gezogen,  dort wurde er Deutscher Meister, Nationalspieler, Teilnehmer an der Champions League. „Die Verhältnisse waren profimäßig“, erzählt er. Dreimal pro Woche wurde trainiert, so oft wie der FC Liria vor seinem größten Erfolg 2016.

Hohenstein-Ernstthal als Vorbild

In Hohenstein-Ernstthal suchte und fand der heute 28-Jährige eine neue sportliche Herausforderung, spielte nebenbei auch noch Fußball für das dortige Oberligateam. Der Fokus lag allerdings auf Futsal und der wird im knapp 15 000 Seelen großen Örtchen auch gefördert. Um das Team auf ein hohes Niveau zu bringen, „haben wir oft gegen polnische und tschechische Profis gespielt“, erzählt Elezi. Eine lehrreiche Zeit, auch wenn sie nach anderthalb Jahren schon wieder endete. Das Heimweh nach Berlin, die Sehnsucht nach Freunden und Familie war einfach zu groß. „Ich habe dort alles erreicht, bin Deutscher Meister geworden, habe den Adler auf der Brust getragen.“

Auf neun Länderspiele hat es Durim Elezi insgesamt gebracht. Dann sei die Mühe zu groß, der Nutzen zu klein gewesen. „Wenn du fünfzig Tage im Jahr Urlaub nehmen musst, aber der Aufwand nicht entschädigt wird, ist das schwierig“, sagt er. Auch habe er in das damalige Team nicht gepasst.

 Anders als beim FC Liria. Dort hatte er vor seinem Engagement in Hohenstein-Ernstthal bereits fünf Jahre gespielt. Zum heutigen Kader gehören noch immer Spieler aus dieser Zeit, die Freundschaft hat selbst eine anderthalbjährige Trennung überdauert. Freundschaft ist es auch, die den gesamten Verein trägt.

 1985 wurde der FC Liria von Kosovo-Albanern gegründet, die Fangemeinde verteilt sich auch deshalb über das ganze Land. „Der Zusammenhalt in ganz Deutschland ist groß. 2016 hatten wir bei jedem Spiel mehr Zuschauer als die Heimmannschaft, weil wir Unterstützung aus Hamburg oder Bielefeld hatten. Da sind Zuschauer durch ganz Deutschland gefahren, um uns spielen zu sehen“, sagt Elezi.

Engagement bei Sparta Lichtenberg

Daran hat sich in dieser Saison nichts geändert. Beim ersten Viertelfinalspiel gegen Bielefeld waren in Reinickendorf 500 Zuschauer, auch in Bielefeld wurde das Team von den eigenen Fans zum Sieg und dem Einzug in das Halbfinale getragen. In seinem Herzensverein versucht Elezi, der auch noch beim SV Sparta Lichtenberg in der Berlin-Liga spielt, geordnete Bahnen und professionellere Strukturen zu schaffen. Da geht er mit gutem Beispiel voran, verzichtet für Futsal auf Fußballspiele. „Wenn Futsal ansteht, steht Futsal an. Da gibt es nichts anderes, Fußball ist für mich ein Hobby“, sagt er.

Bereits am Freitag war der Spielertrainer mit seinen Jungs nach Bielefeld gereist, am Abend gab es ein Videostudium mit den wichtigsten Szenen aus dem ersten Spiel. „Das gehört dazu“, sagt Elezi. Zumindest für jemanden, der bereits unter Profibedingungen gespielt hat.

Der FC Liria ist aber eben nicht der VfL Hohenstein-Ernstthal, die Metropole Berlin nicht das kleine Städtchen in Sachsen. „Reine Futsaler sind in Berlin selten, viele Spieler verdienen ihr Geld beim Fußball“, sagt der 28-Jährige. „Wenn die finanziellen Mittel da sind, gewinnst du mit Berlin jedes Jahr die Deutsche Meisterschaft.“ In Hohenstein-Ernstthal werden eben diese Mittel zur Verfügung gestellt, die Spieler bekommen Geld, einen Job und eine Unterkunft. Beim FC Liria gibt es Tankgeld, mehr ist nicht drin.

Training in Zehlendorf

Dennoch versucht Elezi beim FC Liria „eine Mannschaft für die Zukunft“ aufzubauen. Einmal in der Woche wird mittlerweile trainiert. Alle zwei Wochen im Coles Sports Center in Zehlendorf. „Zwischendurch dann immer dort, wo eine Halle frei ist. Du musst viel rumtelefonieren“, erzählt der Spielertrainer.

Sein Netzwerk in Berlin ist sehr groß. Irgendwo wird immer mal eine Halle frei. Manchmal eben auch in Dahlwitz-Hoppegarten. Und wenn nicht, dann wird in einer kleinen Halle am Ku’damm trainiert. Ein paar Laufwege, ein paar Passübungen und Varianten. Das Gelernte wieder und wieder festigen.

Die Mischung macht’s

Mit Elezis Rückkehr hat sich auch das Teamgefüge verändert. Im Winter hat er vier Spieler aus Neuenhagen gewinnen können, reine Futsaler. Auch sie passen sehr gut in das Team. Kosovo-Albaner, Deutsche, Iraner, ein Türke und ein Kanadier gehören zur Mannschaft. „Es ist Mischmasch, wie Berlin“, sagt Durim Elezi.

Mischmasch, das beschreibt auch seine eigene Stellung im Gefüge des Teams. Auf der einen Seite ist er Trainer, auf der anderen aber auch Mitspieler. Nicht ganz so einfach. „Wenn du draußen bist, musst du die Jungs coachen. Und wenn du auf dem Feld stehst, musst du dich darauf konzentrieren, dass du nichts falsch machst. Zum Glück hat es bis jetzt immer geklappt.“

Passspiel im Viereck

Es klappt auch, weil die Spieler Respekt vor ihm haben. Im Training in der Sporthalle in Dahlwitz-Hoppegarten ist das zu spüren. Beim Passspiel im Viereck wird gelacht, das Zählen der Ballberührungen, bis ein Spieler aus der Mitte einen Pass verhindert, übernimmt Durim Elezi. Genau wie die Ansagen beim gemeinsamen Erwärmen und den folgenden Angriffsvarianten. Während draußen auf dem Parkplatz die älteren Herrschaften, die vorher in der Halle waren, ihr Bier am Kofferraum eines Autos trinken, arbeitet Durim Elezi mit seiner Mannschaft. Anderthalb Stunden geht das Training, dann fahren sie wieder zurück nach Berlin. Vorbei an der Feuerwehr, dem Caravan-Center, den Feldern.