Gefährliche Vorfreude: Warum Herthas Stadion-Neubau noch keine beschlossene Sache ist

Die Vertreter von Hertha BSC sind so siegessicher, wie man nur sein kann, wenn es mit einer komfortablen Halbzeitführung in den Schlussabschnitt geht. Seit der Erklärung von Innensenator Andreas Geisel, dass ein Stadionneubau auf dem Olympiagelände „technisch realisierbar“ sei, wähnt sich der Klub am Ziel: eine eigene Fußballhexenkesselarena auf dem Olympiagelände.

Doch erstens hat sich Hertha bislang gar keinen Vorsprung erarbeitet und zweitens war das, was bislang geschah, nur das Aufwärmprogramm. Der Anpfiff der öffentlichen Stadiondebatte erfolgt erst mit der Präsentation der beiden Varianten − Hertha-Neubau und Umbau des Olympiastadions − vor dem Sportausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses. Die Skepsis ist parteiübergreifend groß. Es geht um Lärm, Geld und Interpretationsspielraum.

Ein gefährlicher Trugschluss

Die Unstimmigkeiten traten unmittelbar nach Veröffentlichung der gemeinsamen Erklärung zutage, als Innensenator Geisel zur Überraschung des Bundesligisten im RBB von der „Lieblingsvariante des Landes Berlin“ sprach, dass Hertha sportlichen Erfolg habe, im Olympiastadion verbleibe und das Olympiastadion immer moderner gemacht werde.

Bei Hertha hingegen hatte man die Zustimmung zur technischen Realisierbarkeit wohl als Zusage des Senats zur Realisierung verstanden. Dass auch die Abgeordneten ein Wörtchen mitzureden haben, weil sie die für einen Neubau notwendige Erbpacht beschließen, scheint ebenso als Formsache angesehen worden zu sein. Ein Trugschluss.

Nachfragen statt entscheiden

Zumindest, was die Dringlichkeit der Angelegenheit angeht, sind sich die Beteiligten einig. Weil die Tagesordnung für den Sitzungstermin schon gefüllt war, haben die Sportausschussmitglieder beschlossen, sich eine Stunde früher zu treffen. In diesen 60 Minuten darf Herthas Finanzchef Ingo Schiller den vom Architekturbüro Speer und Partner erarbeiteten Neubau-Entwurf vorstellen. Und Innensenator Andreas Geisel den von gmp geplanten Umbau.

Fest steht: Es wird informiert und nachgefragt, nicht entschieden. „Es sind so viele Detailfragen offen, dass man es jetzt gar nicht entscheiden kann, wenn man den Prozess ernst meint“ sagt Philipp Bertram, sportpolitischer Sprecher der Linken. Konkretes liegt den Abgeordneten bislang nämlich nicht vor.

Variante drei: „Das Olympiastadion bleibt, wie es ist“

Entsprechend enttäuscht ist Stephan Standfuß (CDU) von der Arbeit der rot-rot-grünen Senatskoalition. „Außer, dass die Entwürfe jetzt mehr Seiten haben, sind wir auf dem gleichen Stand. Ich hätte mir erwartet, dass wir weiter sind“, sagt Standfuß. „Dass Hertha weiter in Berlin spielt, sind wir den Fans schuldig. Dafür muss man sich bewegen.“ Persönlich favorisiert er den Neubau, weil ein Umbau nicht das bringe, was Hertha wolle, nämliche steile Zuschauertribünen dicht am Spielfeld.

Die Bedenken, viel Steuergeld (geschätzt 180 Millionen Euro) für eine Umgestaltung auszugeben, die keinen Nutzer zufriedenstellt − weder Hertha noch Leichtathleten, die die Tartanbahn verlören − sind auch in den anderen Fraktionen groß. Daraus eine Zustimmung zum Neubau abzuleiten, wäre falsch. „Ich bin bei beiden Möglichkeiten skeptisch“, sagt der Sportsprecher der SPD, Dennis Buchner. „Es gibt auch mindestens eine dritte Variante“, sagt Linken-Politiker Bertram: „Das Olympiastadion bleibt, wie es ist.“ Auch bei den Grünen gilt die Maßgabe: „Ergebnisoffen.“

Hertha in der Verantwortung

Besonders in der FDP ist man sowohl gegen Neu- als auch Umbau. „Aus Sicht unserer Fraktion gibt es keine Notwendigkeit“, sagt Stefan Förster. „Der DFB sagt, dass es keine sportfachlichen Gründe gibt.“ Er vertritt die These, dass Zuschauer durch besseren Fußball gewonnen werden. Das Auftreten der Hertha-Verantwortlichen missfällt ihm: „Hertha glaubt, Berlin erpressen zu können. Es gibt kein anderes Stadion in Berlin, in dem sie spielen können.“

Entscheidend ist für den Fall des Neubaus die Frage, wie das Olympiastadion weitergenutzt werden kann, ohne dass das Land Berlin Millionenverluste macht. Daher pocht Innensenator Geisel (SPD) auf eine Konkurrenzschutzklausel, die Hertha untersagen soll, im eigenen Stadion andere Veranstaltungen als Fußballspiele abzuhalten. „Im Zentrum steht für uns der Steuerzahler“, sagt Nicole Ludwig von den Grünen. Die Sportsprecherin sieht auch Hertha in der Verantwortung, Antworten auf die Frage der Nachnutzung zu geben. „Hertha ist kein Kiezverein, sondern ein Wirtschaftsunternehmen und hat eine gewisse Verantwortung gegenüber der Stadt“, erklärt sie. Dies ist ebenfalls eine Meinung, die in anderen Parteien Zustimmung findet.

Konkurrenz um Ausnahmeregelungen

Die fuchsschlaue Art, mit der Herthas Sportchef Michael Preetz die mögliche Klausel vorgreifend für nichtig erklärte, hat fraktionsübergreifend für Irritationen gesorgt. Preetz betonte auch im Interview in der Berliner Zeitung, dass in der angestrebten Größenordnung von 50.000 Zuschauern in Berlin gar keine Konkurrenz bestünde.

Ja, dass Hertha daher der Stadt etwas Gutes tue, indem eine Lücke geschlossen werde. Außer Acht ließ er dabei die Lärmschutzverordnung. Die sieht maximal an 18 Tagen (plus einer kleinen Verhandlungsbasis) störende Veranstaltungen wie Konzerte oder Feste vor. An einem Immissionsort wohlgemerkt − und bislang gilt das Olympiagelände in Gänze als solch ein Ort. Mit dem Hertha-Stadion gäbe es neben Waldbühne, Maifeld und Olympiastadion eine vierte Veranstaltungsstätte, die um die Ausnahmeregelungen konkurriert.

Finanzchef Schiller muss klare Antworten geben

Möglich, dass die offensive Kommunikationsstrategie als Bluff dient, um dann guten Willen zeigen zu können und auf die Konzert-Nutzung zu verzichten. Vor den Abgeordneten muss Finanzchef Schiller jetzt aber klare Antworten geben, vor allem, was die Finanzierung der 250-Millionen-Euro-Arena betrifft. Dazu äußerte sich Hertha bisher arg nebulös.

Die Debatte über Nutzungskonzept, Lärmschutz und darüber, wie hoch ein Erbpachtzins für das Neubau-Gelände sein müsste, um Verluste unter anderem durch das Wegfallen der fünf Millionen Euro Miete fürs Olympiastadion zu kompensieren, wird dann erst beginnen.

Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, dass ein vergünstigter Pachtzins an Sportvereine vergeben wird. Von Hertha-Seite so zu tun, als ob ein Neubau schon beschlossene Sache sei, hat diesbezüglich eher geschadet. Zumal die Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft ausgegliedert ist.