Maxim Lapierre und James Sheppard mussten Sean Backman am 31. Oktober vom Eis begleiten.
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Berlin-Hohenschönhausen - Bevor am Mittwochvormittag das Training der Eisbären starten konnte, stand ein Fototermin an. Für ein Sonderheft zum Beginn der Play-offs musste ein neues Gruppenbild her. Im Vergleich zu der Aufnahme, die vor Saisonbeginn entstand, sind in Torwart Justin Pogge und Landon Ferraro neue Gesichter hinzugekommen. Neben Charlie Jahnke, der inzwischen beim kommenden Heimspiel-Gegner Düsseldorfer EG (Freitag, 19.30 Uhr) spielt, und einigen Förderlizenzspielern fehlten aber auch Florian Busch und Sean Backman. Beide sind infolge einer Gehirnerschütterung   für den Rest der Saison nicht mehr einsatzfähig. Während Busch, dessen Karriere nach dieser Saison höchstwahrscheinlich enden wird, sich in Berlin behandeln lässt, ist Backman für eine entsprechende Therapie sogar nach Hause in die Vereinigten Staaten gereist.

In beiden Fällen liegt die Ursache der Beschwerden länger zurück. Während Backman seit dem 31. Oktober nicht mehr spielfähig ist, als er beim Spiel in Nürnberg nach einem Check benommen vom Eis taumelte, stand Busch die ganze Saison über nur einmal im Kader.   „Eine Gehirnerschütterung ist etwas Gefährliches“, sagte entsprechend Teamkollege André Rankel, der selbst schon damit zu kämpfen hatte. Anlass war die Präsentation der Schütz-deinen-Kopf-App im Wellblechpalast Berlin, die dabei helfen soll, anhand unterschiedlicher Tests die tückische Verletzung schneller zu diagnostizieren.

Hohe Verletzungsgefahr im Eishockey

Während bei einer Platzwunde oder einem Knochenbruch relativ schnell klar ist, dass der entsprechende Spieler eine Pause braucht, lässt sich das nach einem Check nicht so einfach feststellen. „Als Eishockeyprofi willst du immer spielen“, weiß Rankel, „aber du bist oft unsicher, wie du damit umgehen sollst.“

Eine Frage, die sich selbst für Mediziner schwer beantworten lässt. Axel Gänsslen, Teamarzt des DEL-Klubs Grizzlys Wolfsburg und Unfallchirurg am dortigen Klinikum,   war Mit-initiator der App und weiß aus täglicher Erfahrung: „Bei Gehirnerschütterungen bleibt eine Grauzone und eine 100-prozentige Sicherheit wird es nie geben.“ Aber doch könne die App dabei helfen, die Wahrnehmung zu verändern. „Wir wollen auch Nicht-Mediziner in eine Situation bringen, dass sie denken: Da könnte was sein.“   Neben dem Profisport gilt das insbesondere für die Betreuer von Kinder- und Freizeitteams.

Während es im Breitensport eine hohe Dunkelziffer gibt, weil eine Gehirnerschütterung als solche oft gar nicht diagnostiziert wird, gibt es auf der Profi-Ebene inzwischen verlässliche Zahlen, welche dominante Rolle das Schädel-Hirn-Trauma bei Verletzungen einnimmt.   Eine Erhebung der gesetzlichen Unfallversicherung VBG zeigt, dass Eishockeyspieler der beiden obersten deutschen Spielklassen um 10 bis 20 Prozent   eher davon betroffen sind, eine Gehirnerschütterung zu erleiden als vergleichbare Fußball-, Handball- oder Basketballprofis. 10 000 Ausfalltage ergeben sich in der DEL und der DEL 2 pro Saison. Rund zehn Prozent davon, also 1 000 Tage, gehen darauf zurück.

Stefan Ustorf hat die Sinne geschärft

An der Tatsache, dass es sich beim Eishockey um einen Hochrisikosport handelt, wird sich nichts ändern. Dennoch hat sich der Umgang mit Kopfverletzungen gewandelt. „Früher hieß es: Mach drei Tage Pause und nimm eine Tablette“, weiß EHC-Legende Sven Felski, mittlerweile Geschäftsführer Sport der Eisbären Juniors.   Der Leidensweg der früheren Mitspielers und späteren Funktionärs Stefan Ustorf, der vor der Trennung im Dezember als Leiter Spielerentwicklung und Scouting tätig war, hat   über die Grenzen der Sportart hinweg für Aufsehen gesorgt.

Im Dezember 2011 erlitt der heute 46-Jährige ein Schädel-Hirn-Trauma ohne eine vorherige Gehirnerschütterung auskuriert zu haben. Die Verletzung bedeutete nicht nur das Karriereende. Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Gleichgewichtsstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten gehörten fortan zu seinem Alltag.

In anderen Branchen fehlt diese Sensibilität noch. Nachdem der Bremer Fußballprofi Kevin Vogt vor einigen Wochen benommen auf dem Platz liegen blieb, herrschte fast schon Erleichterung nach der Diagnose Gehirnerschütterung. „Das ist eine Verhöhnung des Spielers“, sagt Eishockey-Teamarzt Gänsslen. Auch Christoph Kramer, der sich nach dem gewonnen WM-Finale 2014 nur noch schemenhaft an seinen Auftritt erinnern konnte, sei der Beweis, wie sich der Umgang mit Gerhirnerschütterungen noch verändern muss.

Dass die Berliner Eishockeyprofis Busch und Backman in dieser Saison keine oder nur eine begrenzte Rolle spielen konnten, ist aus sportlicher Sicht schmerzhaft. Allerdings zeigt sich daran aber auch, dass die Gesundheit und das Wohlbefinden der Sportler inzwischen einen anderen Stellenwert besitzen.